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In der S1 schiebt Heike ihren Rolli mit den Pfandflaschen durch die engen Gänge.

Sie bringt die Menschen zum Lächeln

Unterwegs mit der Pfandsammlerin aus der S1: „Ich bin Dienstleisterin für die Deutsche Bahn“

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Wer zwischen Frankfurt und Wiesbaden mit der S1 pendelt, kennt sie. Heike sammelt hier jeden Abend Pfandflaschen. Sie ist höflich, bringt die Leute zum Lächeln und verdient sich so, was sie Luxus nennt.

Hattersheim - Wenn das Sozialamt wüsste, dass Heike Pfandflaschen sammelt, würde es ihr die rund 300 Euro im Monat wohl von den 424 Euro Sozialhilfe abziehen. Das fürchtet sie. Deshalb ist sie hier auf den Bildern nur von hinten zu sehen und wird in diesem Artikel „Heike“ genannt.

Fast jeden Tag sammelt sie von 16.30 Uhr bis 22 Uhr Pfandflaschen auf der S-Bahn-Linie1 zwischen Frankfurt und Wiesbaden. Kommen dabei zehn Euro zusammen, dann ist es ein guter Tag. "Manchmal nehme ich die S2", sagt sie. Da sie aber in Hattersheim wohnt, ist die S1 ihre Stammstrecke.

Heike ist 54 Jahre alt, klein und seit sie vor Jahren eine Treppe herunter gestürzt ist, fehlen ihr zwei Zähne. Ihre kurzen, blonden Haare verschwinden unter einer grauen Strickbommelmütze. Ihre Wangen scheinen wettergegerbt, rau, mit kleinen weißen Punkten. Vielleicht ist es eine Folge ihres Diabetes, wegen der sie auch am Fuß operiert werden musste. Deshalb humpelt sie heute leicht und wirkt in ihren Jeans und dem dicken, grau-grünen Wintermantel älter als sie eigentlich ist.

Zwischen Frankfurt und Wiesbaden

16.30 Uhr geht ihre erste S-Bahn Richtung Wiesbaden. Durch die engen Gänge des Wagens schiebt sie ihren Rolli und schaut in jeden Mülleimer. Dabei – und auch sonst – ist Heike so unbeschreiblich höflich. „Entschuldigen Sie bitte, dürfte ich im Müll nach Pfand schauen?“, fragt sie die Fahrgäste, wenn sie an einen Vierer-Platz tritt. Sie möchte nicht stören und die meisten Passagiere lächeln nach dem kurzen Gespräch mit der Flaschensammlerin. Viele Fahrgäste, die sie öfter getroffen haben, öffnen selbst die Mülleimer, damit Heike vom Gang aus sehen kann, ob eine Pfandflasche zu holen ist. Dann sagt sie: „Danke für die Hilfe. Sie sind angestellt, ich kann ihnen nur leider nichts zahlen.“

Wenn sie umsteigt, sucht Heike in den Mülleimern an den Bahnhöfen nach Flaschen.  

An jeder Station wechselt Heike den Wagen. Erst in Eddersheim, dann in Flörsheim. Weil zu dieser Uhrzeit die Züge mit drei Wagen fahren, sind in Hochheim alle Wagen "sauber", wie sie sagt. Umsteigen. Sieben Minuten bleiben ihr, bis die nächste Bahn zurück Richtung Frankfurt fährt. Am Bahnhof sucht sie in Mülleimern nach Pfand. Ein Mann auf dem Bahnsteig ruft ihr zu, er trinke noch schnell aus, dann könne sie seine Wasserflasche haben. 25 Cent ist die wert. Kein „Kleinvieh“, wie Heike die 8-Cent-Flaschen nennt. „Darf ich sie was Fragen?“, fragt der Mann. „Haben sie schon mal gearbeitet?“ „35 Jahre hab ich auf dem Buckel“, antwortet Heike, packt die Wasserflasche ein und die beiden laufen ein Stück am Bahngleis entlang. Es mache ihn wütend, dass Heike in diesem Staat Pfandflaschen sammeln müsse, sagt der Mann. „Das darf einfach nicht sein.“

Eine Tierpflegerin mit Tier-Haar-Allergie

Das 35-jährige Arbeitsleben begann für Heike direkt nach der Schule. „Ich bin ausgebildete Tierpflegerin mit einer Tier-Haar-Allergie“, sagt sie. Im dritten Lehrjahr sei die Allergie entdeckt worden. Sie hat die Ausbildung dennoch abgeschlossen. Dann musste sie schon umschulen. Über 30 Jahre hat sie danach als Bürokauffrau gearbeitet. Wenn sie davon erzählt klingt es so, als sei das die Zeit, auf die sie stolz ist. Lange habe sie bei einer Bank gearbeitet. Dann kam die Finanzkrise, sie wurde Leiharbeiterin, arbeitete mal hier, mal da, es kam eine Festanstellung, die Firma ging pleite und Heike verlor ihre bisher letzte Stelle.

Mit 5 000 Mark Schulden in die Obdachlosigkeit

Arbeitslos wollte sie allein wieder auf die Beine kommen, ohne die Hilfe des Staates. 5 000 Mark Mietschulden habe sie damals angehäuft und musste aus der Wohnung raus. Heike landete auf der Straße. Ihre Sachen konnte sie in einer Garage unterstellen und so ihren Hausstand nach und nach auf dem Flohmarkt verkaufen. In Winternächten schlief sie in unverschlossenen Kellerräumen, als es wärmer wurde, in offen gelassenen Gartenhütten. „Ich hatte solche Angst als Frau“, sagt sie. „Man hört ja immer, dass in Gartenlauben eingebrochen wird. Was, wenn ich dann da auf dem Sofa liege?“ Einen Stuhl stellte sie vor der Tür, damit sie hört, wenn einer reinkommt.

Heike wartet in Hattersheim auf die nächste Bahn.

Das Ordnungsamt hat sie bei den Gärten erwischt und an das Haus St. Martin in Hattersheim verwiesen – eine Einrichtung für Obdachlose. Ein Dreivierteljahr hatte sie da schon auf der Straße gelebt. Im Haus St. Martin hat der Sozialarbeiter Frank Dußler ihr geholfen, sich im Sozialsystem zurecht zu finden. Harz IV und Wohngeld zu beantragen, auch die Wohnung in Hattersheim haben sie 2012 nach einer sechsmonatigen Suche gefunden. "Das ist eine verhältnismäßig kurze Zeit", sagt Dußler.  Der hochgewachsene Mann mit der runden Brille und einer Aura, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, verzieht das Gesicht, als er davon erzählt. Damals sei es noch einfacher gewesen. „Heute würde man keine Wohnung mehr so schnell finden.“

Eine Tagesstruktur gegen die Armut

Heike kommt noch heute fast jeden Morgen in das Haus St. Martin, kocht und isst mit den Obdachlosen. Sie sagt, dass sie dort ehrenamtlich arbeitet. Dußler sagt, das Haus solle den Menschen eine Tagesstruktur geben. Ob Heike dieses Angebot nutzt oder sich ehrenamtlich engagiert, für sie verschwimmen da die Grenzen.

Ein Bekannter habe ihr empfohlen, am Flughafen Pfand zu sammeln. Das solle dort "genial funktionieren", habe er gesagt. "Ich fand es aber gar nicht so genial." Also blieb Heike bei ihrer S1. 

Im Zug Richtung Frankfurt ist für die Flaschensammlerin nur wenig zu holen. Das sei immer so, weil die Pendler jetzt aus Frankfurt raus fahren. Dafür sind die Wagen leerer. Fahren zu viele Menschen mit, es eng ist, sammelt sie keinen Pfand. Überhaupt hat sie sich strenge Regeln gegeben. "Wenn ein Fahrgast nicht möchte, dass ich in den Mülleimer neben ihm schaue, dann wünsche ich einen schönen Abend und gehe weiter." In die Abteile der Ersten Klasse geht Heike nur, wenn keiner drin sitzt. Die Mitfahrer könnten sich beschweren und außerdem hätten sie mehr gezahlt und ihre Ruhe verdient. Betteln hat sie sich grundsätzlich verboten. 

Zu einem Fahrgast sagt sie im Scherz: „Ich bin Dienstleisterin für die Deutsche Bahn.“ Den Satz sagt sie oft. Laut einer Bahnsprecherin sortiere die Bahn Pfandflaschen nicht aus dem Müll. Das Pfandsammeln ist dennoch verboten. Heike weiß das. „Ärger bekomme ich aber selten." 

Nach einer Tour bringt sie ihre Pfandflaschen zum Edeka, dort beim des Hattersheimer Bahnhof.

Einmal habe ihr ein Fahrgast hinterhergerufen, dass sie eine Versagerin sei. Sieht sie sich so, als „Versagerin“? „Nicht mehr, seit ich eine Wohnung habe.“ Die Schulden quälen sie. „Der Vermieter braucht ja auch sein Geld“, sagt sie und dass sie insgesamt 12 Jahre brauchen werde, um die Schulden zurückzuzahlen. Die täglichen Touren helfen ihr dabei. Außerdem sei sie damit für die nächsten Rechnungen gewappnet, die Nachzahlung des Stromanbieters oder die Kosten für ihre Diabetes-Medikamente. „Mit dem Pfandgeld kann ich mir auch mal was leisten“, sagt Heike, „ins Kino gehen oder so einen Luxus, wie eine Gans für 8 Euro kaufen, wenn Weihnachten ist.“

Neue Zähne sind unerreichbar

Die Hälfte ihrer Schulden habe sie schon abgezahlt. Wenn sie sich etwas wünschen könnte - Heike muss nicht lange überlegen -, dann wäre es, dass die ausgeschlagenen Zähne ersetzt werden. Ein paar tausend Euro kostet das. Dann würde sie vielleicht auch einen Job finden, glaubt sie.

An diesem Tag hat Heike 4.85 Euro in vier Stunden verdient.

Es ist dunkel geworden. Gegen halb neun steigt Heike wieder in Hattersheim aus. Ihre Rolli-Tasche ist schwer geworden, so wie ihr Gang. Am Bahnhof isst sie ihre Brote, bevor sie die Flaschen zum nächsten Supermarkt bringt. Den Pfandbon wird sie bis Ende des Monats aufheben, bevor sie ihn einlöst. Das ist ihr Sparsystem. Es ist kein guter Tag, das ist jetzt schon klar. 4.85 Euro hat sie heute bisher verdient. Die Blumen neben dem Automaten kosten 5.99 Euro.

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