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Ingelheim am Rhein: Durch eine geöffnete Schleuse fließt Wasser des Rheins in einen Polder.

BASF-Vorschlag

Niedrigwasser: Streit um neue Staustufen im Rhein

Das extreme Niedrigwasser des Rheins schadet der Industrie – ihre Schiffstransporte sind eingeschränkt. Zusätzliche Staustufen könnten den Wasserspiegel heben. Doch es gibt viele Einwände.

Der Vorschlag des Chemieriesen BASF, künftig Niedrigwasser des Rheins mit neuen Staustufen zu verhindern, stößt bei Experten und Naturschützern auf große Skepsis. „Das wäre ein ungeheuer aufwendiges Jahrhundertprojekt“, sagte der Vizechef des Wasser- und Schifffahrtsamts (WSA) Bingen, Florian Krekel. Im Mittelrheintal wäre eine ganze Serie von Staustufen und Schleusen nötig. Die Schiffe würden damit verlangsamt, die Tierwelt und die Pflanzenarten verändert. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sprach von „reinem Aktionismus“ – das Projekt wäre heutzutage nicht zu finanzieren und planungsrechtlich nicht umzusetzen. 

Lieber Fahrrinne vertiefen?

Im gegenwärtigen historischen Niedrigwasser der bedeutendsten Wasserstraße Europas können Frachtschiffe nicht mehr voll laden, die BASF mit Stammsitz in Ludwigshafen bekommt nicht mehr alle Rohstoffe. BASF-Chef Martin Brudermüller hatte daher kürzlich gesagt: „Wenn weniger Wasser reinfließt, darf eben auch nur weniger rausfließen. Dafür wären dann Schleusen und Stauwerke erforderlich.“ Bislang ist der Rhein nur im Süden bis zum baden-württembergischen Iffezheim mit Staustufen geregelt. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz bekräftigte jüngst mit Blick auf das Niedrigwasser trotz neuen Regens: „Eine umfassende Besserung würde mehrmonatigen und flächendeckenden Niederschlag erfordern.“

WSA-Vizechef Krekel erinnerte an den Plan, die Fahrrinne zwischen Mainz und St. Goar zu vertiefen. Derzeit wird eine Tiefe von 1,90 Metern garantiert, künftig sollen es durchgängig 2,10 Meter sein. So könnten Schiffe mehr laden. Der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte im Juni auch hierzu gesagt: „Leider sind wir von einer Baureife dieses Projekts noch meilenweit entfernt.“

Bei neuen Schleusen würde sich der Wasserstand des Rheins oberhalb der Staustufen erhöhen und unterhalb von ihnen niedriger werden. Krekel sagte: „Dann müssten auch Uferstraßen, Bahnstrecken und Hochwasserdämme angepasst werden. Das wäre alles doch sehr ambitioniert.“

Jörg Uwe Belz von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz sprach von einem massiven und konfliktreichen Eingriff etwa in das Welterbe Oberes Mittelrheintal. Das Fließgewässer Rhein würde zum Stillgewässer, der Sauerstoffgehalt würde sich ändern. „Das wäre ein ökologisches Umkrempeln.“ Zum Beispiel verschwänden strömungsliebende Fischarten wie die Nasen. Für Wanderfische wie Lachse müssten bei neuen Schleusen aufwendig Fischtreppen gebaut werden.

Egbert Bialk, Koblenzer Mitglied des rheinland-pfälzischen BUND-Landesvorstands und gelernter Wasserbauingenieur, sagte: „Neue Staustufen im Rhein sind nie und nimmer genehmigungsfähig.“ Er erinnerte an den Plan einer Flussbrücke nahe der Loreley, über den bereits seit einem halben Jahrhundert diskutiert wird, und das Projekt einer Güterzug-Alternativstrecke zur Entlastung des bahnlärmgeplagten Mittelrheintals, bei der Experten eine Inbetriebnahme nicht vor dem Jahr 2055 erwarten.

VON JENS ALBES

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