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Christoph Schneider, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters tec2date, steht im Gründercampus Ostpol im Serverraum hinter einem seiner Geräte. Das Gebäude bietet Selbstständigen, Existenzgründern und Kreativen Infrastruktur und Vernetzungsmöglichkeiten für ihre Arbeit.

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Offenbach mal ganz groß: Einst Lederstadt, jetzt Gründer-Mekka

Offenbach hat nicht gerade den besten Ruf. Doch die ehemalige Industrie- und Lederstadt wandelt sich gerade rasant. Was wenige wissen: Sie ist eine bedeutende Gründerstadt, wird auch von Startup-Machern geschätzt.

Ein schlichter Holzschreibtisch, zwei Stühle, ein Laptop - mehr braucht Semir Sakic nicht in seinem Büro. Der 30-Jährige hat sich mit seiner Online-Marketing-Firma "Greatmind Solutions" seit knapp einem Jahr im Offenbacher Gründercampus Ostpol eingemietet. Dort ist er einer von 80 Mietern - viele davon sind junge Startup-Gründer, die hier gezielt gefördert und beraten werden. Offenbach gilt seit Jahren als Gründerstadt, in bundesweiten Rankings zu Unternehmensneugründungen liegt die einst als wenig erfolgreich verschriene kleine Schwester Frankfurts ganz vorne.

So belegte Offenbach 2016 beispielsweise im bundesweiten "Neue Unternehmerische

Initiative

- Regionenranking" des Instituts für Mittelstandsforschung zum elften Mal in Folge den ersten Platz. Verglichen werden dabei die Gewerbeneuanmeldungen im Verhältnis zur Zahl der Einwohner im erwerbsfähigen Alter. Unter den besten Zehn sind aus Hessen auch der Kreis Offenbach, Wiesbaden sowie der Main-Taunus-Kreis.

"In Offenbach ist Existenzgründung gang und gäbe", sagt Christoph Schneider. Er ist Geschäftsführer der Firma "tec2date". Sie bietet IT-Dienstleistungen an und entwickelt unter anderem auf kleine bis mittelständische Betriebe zugeschnittene Softwareprogrammme. "tec2date" entstand 2008 im Ostpol und ist bis heute geblieben. Schneider selbst lebt in Wetzlar, über einen Umzug der Firma mit mittlerweile neun Festangestellten hat er nie wirklich nachgedacht. "Ich bin emotional mit Offenbach verheiratet", sagt er. Die Stadt begegne Existenzgründern stets auf Augenhöhe, auch wenn sie ganz am Anfang stünden. "Es gibt keine Vorbehalte", betont Schneider. "Und die Förderung in Offenbach ist über alle Maßen super."

Im 2006 entstandenen Ostpol, der im Osten der Offenbacher Innenstadt liegt, werden Unternehmern unter anderem kürzere Laufzeiten bei Mietverträgen geboten als sonst üblich. Besprechungsräume können kostenlos reserviert werden, auch ein Telefonservice kann gebucht werden, wenn der Gründer selbst unterwegs ist. Auch ist die nötige Infrastruktur vorhanden, vom schnellen Internet bis hin zur Kaffeeküche für das eifrige Netzwerken. Stecker rein und schon kann es losgehen mit dem Arbeiten am eigenen Erfolg. Die im Haus sitzende Firma KIZ bietet Beratung, Workshops und Seminare zu Selbstständigkeit und Unternehmensgründung.

Der Geschäftsführende Gesellschafter von KIZ, Markus Weidner, umschreibt das Erfolgsrezept Offenbachs so: "Es ist groß genug, dass alles da ist. Und es ist klein genug, dass jeder jeden kennt." Die Stadt habe sich schon früh um das Thema Gründer gekümmert, auch weil die Ansiedlung großer Unternehmen in Konkurrenz zu Frankfurt schwierig sei. Die Grundidee sei ein "endogener Ansatz" gewesen, also wirtschaftliches Wachstum von innen heraus. Schon früh hätten in Offenbach alle an einem Strang gezogen - Stadt, Kammern, die Sparkasse und andere. Während vor Jahren etwa in Darmstadt oder Hanau Gründerzentren leer gestanden hätten, sei der Ostpol nach dem Start 2006 binnen eines Dreivierteljahres komplett vermietet gewesen.

Schon seit 2003 gibt es die

Initiative

Gründerstadt Offenbach, ein von der Stadt initiiertes Netzwerk von Partnern, die bei einer Gründung helfen und Informationen bereitstellen. Insgesamt sei dank einer großzügigen EU-Förderung eine Menge ausprobiert worden, sagt Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung.

Als erste Stadt in Deutschland habe Offenbach einen kommunalen Mikrofinanzierungsfonds gegründet. "Der springt ein, wenn Gründer noch nicht bankfähig sind", erklärt Schulze-Böing. Selbst habe die chronisch klamme Stadt ganz wenig kommunales Geld reingesteckt. "Das bewegt sich im unteren fünfstelligen Bereich." Auch Weidner von der Firma KIZ betont mit Blick auf Mikrokredite: "Das haben wir hier erfunden." Die Rückzahlungsquote liege bei 98,5 Prozent. "Das haben wir nicht für möglich gehalten", sagt Weidner, der selbst Geschäftsführer des Deutschen Mikrofinanz-Instituts ist.

Auch beim Bundesverband Deutsche Startups in Berlin ist Offenbach ein Begriff. Die Stadt sei sehr aktiv, lobt Sprecher Paul Wolter. Grundsätzlich müsse ein Standort die für junge Unternehmer nötigen Mitarbeiter bieten. Da viele Startups im Digitalen aktiv seien, brauche es beispielsweise junge Leute, viele Programmierer. Förderlich sei auch ein internationales Flair, eine offene Stadt oder Region ziehe eher Startups an. "Es sollte eine für junge Menschen attraktive Stadt sein", betont Wolter. Denn das Durchschnittsalter eines Startup-Mitarbeiters liege um die 30 Jahre.

International ist Offenbach allemal, wie auch Schulze-Böing vom Offenbacher Amt für Arbeitsförderung betont. Rund 60 Prozent der Menschen in der Stadt hätten eine Migrationshintergrund. "Die haben eine höhere Affinität zur Selbstständigkeit. Das ist ein Faktor für die hohe Gründungsdynamik." Zudem sitze in der Stadt die Hochschule für Gestaltung (HfG), drei Viertel der Absolventen dort gingen in die Selbstständigkeit. "Das ist in dem Bereich ein typischer Weg."

Und Offenbach ist Teil der wirtschaftsstarken Rhein-Main-Region. Es sei verkehrstechnisch sehr gut angebunden, habe aber nach wie vor günstigere Flächen als das benachbarte Frankfurt, sagt Schulze-Böing.

Zuletzt hat Frankfurt einen ehrgeizigen Plan vorgestellt. Stadt und Umgebung sollen binnen fünf Jahren zu einer international führenden Region für Startups machen. Dafür sollen nach Angaben von Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) in dem Zeitraum insgesamt 15 bis 20 Millionen Euro fließen. Denn: Die Gründerszene am Main habe zwar große Fortschritte gemacht, die Entwicklung sei aber immer noch in einer frühen Phase.

Das belegt auch der Blick in den Deutschen Startup Monitor 2017. Dort liegt Hessen als Ganzes deutlich hinter Hochburgen wie Berlin, wo alleine knapp 17 Prozent aller in dem Monitor erfassten Startups sitzen. Auch die Rhein-Ruhr-Region steht mit 11,3 Prozent deutlich besser da. Immerhin hat Hessen als Ganzes aufgeholt, weist nun 6,0 Prozent auf und liegt auf Augenhöhe mit den Gründerregionen Hamburg, München, Stuttgart/Karlsruhe sowie Hannover/Oldenburg.

Schulze-Böing machen die hochtrabenden Pläne Frankfurts keine Angst. "Es gibt ein Riesenpotenzial im Rhein-Main-Gebiet, das ist kein Nullsummenspiel", sagt er. "Und kleinteilige Kirchturmgedanken sind fehl am Platze." Er fürchte nicht, dass das Wasser abgegraben werde. Der Kostenvorteil liege nach wie vor bei Offenbach. KIZ-Mann Weidner ergänzt: "Gründer wollen es nicht so geleckt und gerade. Offenbach passe dazu gut, sei keine Hochglanzstadt.

Gleichzeitig gibt sich Schulze-Böing nicht der Illusion hin, dass Offenbach automatisch ein Liebling für Startup-Macher bleibt. "Gründer sind immer Unternehmer, sind pragmatisch und gegen dorthin, wo sie ihr Geschäft vernünftig machen können", sagt er. Um Firmen auf längere Sicht zu halten, sei es wichtig, abseits der Gründerzentren Flächen für schon gewachsene Unternehmen bereitzuhalten. In Offenbach werde dem mit dem Masterplan für einen Innovationscampus auf dem ehemaligen Gelände des Chemieunternehmens Alessa Rechnung getragen. Darauf hofft auch KIZ-Mann Weidner: "Das ist der nächste Schritt."

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