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Bereits geöffnet hat der Weihnachtsmarkt in Rüdesheim im Rheingau, der Besucher auch aus großer Entfernung anzieht.

Adventszeit

Reiseziel Weihnachtsmarkt: Party-Touristen stören Beschaulichkeit

Auswärtige Besucher sind für Weihnachtsmärkte zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Reiseunternehmen haben den Trend erkannt und bieten organisierte Ein- und Mehrtagesfahrten zu den beliebtesten Zielen an. Die steigende Nachfrage hat aber auch Nachteile.

Ab Ende November liegen für viele Hessen die wichtigsten Pyramiden nicht mehr im Wüstensand, sondern im Glühweindunst: Dann beginnen vielerorts die Weihnachtsmärkte. Weihnachtspyramiden, Verkaufsstände und andere Attraktionen locken Millionen in die Innenstädte. Die Besucherzahlen steigen, ein regelrechter Weihnachtsmarkt-Tourismus hat sich entwickelt. Mit dem Reisebus zum Weihnachtsmarkt – vor 20 Jahren sei das kaum ein Thema gewesen, sagt Jürgen Fredrich, Geschäftsführer des Reisebüros Fredrich in Lohfelden bei Kassel: „Doch die Nachfrage hat sich unwahrscheinlich entwickelt und ist sprunghaft angestiegen.“ Heute hat Fredrich zahlreiche Reisen zu vielen Weihnachtsmärkten im Angebot. Die beliebtesten Ziele: Erfurt, der Harz, Michelstadt, Dortmund und Münster. Beliebt seien vor allem Tagestrips. Die Kundschaft ist gemischt: Während unter der Woche eher Senioren im Bus sitzen, sei das Publikum am Wochenende jünger.

Auch große Reiseunternehmen setzen auf den Weihnachtsmarkt-Tourismus: „Für Städtereisen ist das ein wichtiges Geschäft von Ende November bis Dezember. Neben dem klassischen Weihnachtsshopping sind Märkte in der Vorweihnachtszeit einer der Hauptgründe eine Städtereise“, erklärt Ulrike Bruns von Dertour-Städtereisen.

Die Adventswochenenden würden in klassischen Weihnachtsmarkt-Städten wie Dresden, Nürnberg oder Wien zu Hochsaisonpreisen verkauft. Daher zähle diese Zeit nicht zu den günstigsten Reisezeiten. Gefragt seien bei den Kunden auch Kombinationen, beispielsweise Markt plus Musical-Besuch.

Weihnachtsmärkte sind auch über Grenzen hinweg ein beliebtes Reiseziel: „Diese Tradition lockt mittlerweile nicht nur Deutsche, sondern auch Gäste aus unseren Nachbarländern und sogar aus aller Welt an“, heißt es beim Deutschen Tourismusverband. 85 Millionen Menschen seien im vergangenen Jahr auf den über 1500 deutschen Weihnachtsmärkten gewesen.

Mehr ausländische Gäste

Den boomenden Weihnachtsmarkt-Tourismus spüren die Städte: Es habe in den vergangenen Jahrzehnten einen Anstieg der ausländischen Gäste und Übernachtungen im Dezember gegeben, sagt eine Sprecherin der Tourismus+Congress GmbH Frankfurt. Von drei Millionen Besuchern seien zuletzt 15 Prozent aus dem Ausland und 20 Prozent aus über 50 Kilometern Entfernung angereist. Im Durchschnitt lasse ein Gast 170 Euro in Frankfurt, direkt auf dem Weihnachtsmarkt gebe er zwölf Euro aus. Der Andrang hat auch Schattenseiten: Die Parkhäuser seien voll, der öffentliche Nahverkehr stärker belastet, es gebe eine höhere Nachfrage nach Busparkplätzen.

„Der Kasseler Märchenweihnachtsmarkt ist seit Jahren ein Besuchermagnet und zieht kontinuierlich rund zwei Millionen Besucher an“, sagt ein Sprecher von Kassel Marketing. Bei einer Besucherbefragung hätten 26 Prozent der Interviewten angegeben, von außerhalb der Region zu kommen. „Der Anteil auswärtiger Besucher schwankt von Jahr zu Jahr, ist aber in den letzten zehn Jahren insgesamt gestiegen.“ Beim überwiegenden Anteil der Auswärtigen handle es sich um Tagesbesucher. Jedoch sei der Märchenweihnachtsmarkt ein wichtiger Anlass für eine Städtereise mit Übernachtung. Zusammen sorgen Übernachtungsgäste und Tagesbesucher für einen touristischen Umsatz von 18 Millionen.

Kleiner, aber bei Touristen beliebt ist der Weihnachtsmarkt in Fulda: 2017 kamen eine halbe Million Besucher. „Der Anteil an auswärtigen Besuchern beträgt 50 Prozent“, sagt ein Stadtsprecher. Der Anteil sei deutlich gestiegen, auch weil die Stadt den Markt aufgewertet habe durch einen Mittelaltermarkt. „Die gestiegene touristische Bedeutung des Weihnachtsmarkts lässt sich in der Zahl der Teilnehmer an Stadtführungen während der Monate November und Dezember ablesen: Sie stieg allein von 2016 auf 2017 um 15 Prozent.“ Von zusätzlichen Besuchern profitierten Marktbeschicker, Einzelhändler, Gastronomie und Hotellerie.

Während Städte wie Fulda keine negativen Auswirkungen des Booms sehen, hat man im kleinen Michelstadt (Odenwaldkreis) unschöne Erfahrungen gemacht: Von 130 Reisebussen an einem Tag berichtet ein Stadtsprecher. Je nach Wochenende habe man genau gewusst, aus welchen Regionen die Touristen anrückten. Die Stadt reagierte: Vor fünf Jahren habe man den Weihnachtsmarkt von 200 auf 100 Stände verkleinert. Seitdem sei er ruhiger und beschaulicher geworden, die angebotenen Waren hochwertiger. Das ziehe ein anderes Publikum an: „Mallorca-Busse“ – partyfreudige Besucher – sehe man nun selten, sagt der Stadtsprecher.

Von Göran Gehlen

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