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Ein Ferkel wird vor der Kastration in seinem Stall medizinisch untersucht.

Tierschutz

Ärztin kritisiert Kastration der Ferkel, die immer noch nicht betäubt werden

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Für die einen ist es ein Skandal, für andere eine dringende Notwendigkeit: Die Kastrierung kleiner Ferkel ohne Betäubung. Dabei gebe es Möglichkeiten, diese Praxis zu beenden.

Heute um 19.20 Uhr stimmt der Bundestag über Änderungen im Tierschutzgesetz ab. Zentraler Punkt ist dabei die Kastration von „unter acht Tage alten männlichen Schweinen“ – ohne Betäubung. Bis zum 31. Dezember 2020 soll diese Prozedur noch möglich sein. So will es die große Koalition.

Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) dringt auf eine baldige Umstellung auf Alternativen zur umstrittenen Kastration von Ferkeln ohne Betäubung. „Wir sind alle in der Pflicht, die kommenden zwei Jahre zu nutzen, um tierschutzgerechte Alternativen in der Praxis zu etablieren“, sagte die CDU-Politikerin anlässlich eines Treffens mit Branchenvertretern. „Eine weitere Verlängerung der Übergangsfrist wird es mit mir nicht geben“, so Klöckner weiter.

Die Kritikerin

Eine vehemente Kritikerin der Ferkelkastration ist die Hattersheimer Tierärztin Kirsten Tönnies. Die Kastration von jährlich 20 Millionen Ferkeln ist für die promovierte Veterinärmedizinerin ein Skandal, denn jedes einzelne dieser Tiere sei anatomisch vergleichbar entwickelt, „wie wir Menschen“.

Tönnies findet es besonders bedenklich, dass diese „Prozedur“ von Landwirten und nicht von Tierärzten durchgeführt werde. „Es werden zwei Schnitte gesetzt: Der erste Schnitt geht in die Haut. Weil das Skalpell leider eher selten gewechselt wird, wird es zunehmend stumpf. Oft sind mehrere Schnitte in die selbe Stelle nötig, bis sie tief genug im Gewebe sind, um die Hoden herauszudrücken. Dann werden die Hoden abgerissen oder abgeschnitten“, beschreibt die Tierärztin den Ablauf der Kastration der Ferkel. Die kleinen Schweine könnten sich dabei nicht wehren, sondern nur schreien. Deshalb würde bei dieser „Arbeit“ das „Tragen von Kopfhörern empfohlen“, so Tönnies weiter.

Und warum werden solche Kastrationen an Ferkeln überhaupt durchgeführt? „Das Herausschneiden der Hoden soll eine unangenehme Geruchsbildung im Fleisch der männlichen Tiere verhindern“, sagt Tönnies. Ungefähr 60 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer in Deutschland könnten das von den Tieren abgesonderte Hormon Androstenon riechen. Sie empfänden den Geruch dann als „unangenehm bis eklig“. Wenn es keine Hoden bei den Ferkeln gebe, entwickelten die Tiere das Hormon nicht mehr. Mit der Kastration werde die Bildung des „abstoßenden Geruchs“ verhindert.

Überflüssig machen

Nach Ansicht von Tönnies gebe es aber drei Möglichkeiten, die eine solche Kastration überflüssig machten. Hierzu zählt die Tierärztin die Mästung von Ebern, die etwas früher geschlachtet werden, die Betäubung während des Eingriffs sowie die „Impfung“ gegen den Geruch. Die letzte Methode sei die tierfreundlichste. Die Zulassung für das Präparat gebe es seit zehn Jahren in Deutschland und seit mehr als 20 Jahren weltweit. Es komme aber nicht zum Einsatz, da es „drei Euro“ pro Tier kosten würde. Dies wäre der Agrarindustrie offenbar zu teuer. Für Tönnies ist das aber kurzfristig gedacht, denn die Schlachttiere würden später einen größeren Ertrag abwerfen.

Unterdessen erklärte Ministerin Klöckner, sie wolle Rahmenbedingungen setzen, damit die betäubungslose Kastration mit Beginn des Jahres 2021 tatsächlich ein Ende habe. „Klar ist aber auch: Die Umstellung an sich kann nur und muss durch die Betriebe erfolgen.“ Vom Handel sei bereits signalisiert worden, auch Schweinefleisch abzunehmen, das aus der Anwendung alternativer Methoden stammt.

An dem Branchentreffen hatten Vertreter von Land- und Fleischwirtschaft, Handel, Tierärzten und Wissenschaft teilgenommen. Tierschützer kritisierten, dass sie nicht eingeladen wurden. Die Verbraucherorganisation Foodwatch warf Klöckner vor, „sich als Tierschützerin zu inszenieren“. Vertreter der Bauern verweisen dagegen darauf, dass es keine praktikablen Alternativen für einen Einsatz in großem Stil gebe. Das Ministerium plant weitere Treffen zu diesem Thema.

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