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Das Aschaffenburger Schloss Johannisberg ist ein Ausflugsziel. Innerhalb der Stadt geht es samstags kostenlos mit Bus und Bahn weiter.

Freie Fahrt

Aschaffenburg testet kostenlosen Nahverkehr

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Beim Einkaufen am ersten Adventssamstag soll es in Aschaffenburg keine dicke Luft geben – zumindest auf dem Weg dorthin. Die Stadt erprobt ein Projekt mit Gratisfahrten. Tübingen hat damit schon Erfahrungen gemacht.

„Das hat wie eine Bombe eingeschlagen“, meint Mailin Seidel, Sprecherin der Stadt Aschaffenburg. Seit gestern bekannt wurde, dass die 69 000-Einwohner-Stadt ab 1. Dezember kostenlosen Bus- und Bahnverkehr an Samstagen anbietet, stehen bei ihr die Telefone nicht mehr still. „Die Leute sind neugierig und interessiert“, so ihre Einschätzung.

Aus Haushalt finanziert

Die Stadt mit SPD-Oberbürgermeister Klaus Herzog und einer CSU-Mehrheit im Stadtrat (Stadtparlament) sei sich bei dem Projekt „sehr einig“ gewesen. Der Stadtrat genehmigte es einstimmig. Schließlich wollen alle, so Seidel, die Luftqualität verbessern, die Stadt vom Autoverkehr entlasten. Bewusst sei der Beginn auf einen Adventssamstag gelegt worden. „Da ist auf den Straßen immer die Hölle los“, weiß Seidel. Schließlich ist Aschaffenburg, so der dortige Stadtwerke-Chef Dieter Gerlach, als „Einkaufsstadt sehr beliebt, auch bei den Hessen“. Bisher werden an einem Samstag rund 9300 Fahrgäste befördert, etwa 1100 Tickets verkauft. Fallen diese Einnahmen nun weg, entsteht ein jährliches Defizit von 280 000 Euro. Widerstand dagegen, dass das Projekt aus dem Haushalt finanziert wird, habe es nicht gegeben, betont die Sprecherin.

Wäre ein kostenloser Nahverkehr auch etwas für Frankfurt? 

Kontra: Gratis-RMV wäre viel zu teuer

Pro: Unterm Strich ein Gewinn für alle

Zunächst ist das Projekt auf zwei Jahre angelegt, nach etwa einem Jahr werden die Erfahrungen ausgewertet. „Wir wollen erst einmal Erkenntnisse darüber gewinnen, ob die Menschen einen kostenlosen Nahverkehr wirklich stärker nutzen, ob Autofahrer umsteigen oder eher noch zusätzliche Bahnfahrer kommen“, erläutert Gerlach. Da die Stadtwerke auch die Parkhäuser betreuen, ließen sich Veränderungen recht leicht nachvollziehen.

Auch wenn Aschaffenburg Vorreiter in der Region ist, versuchen andere Städte bereits Ähnliches. In Tübingen etwa ist seit 10. Februar das Busfahren samstags kostenlos. Dort zeigte sich, dass dann zwar mehr Leute Bus und Bahn fahren, der ganz große Ansturm aber ausbleibt. Viele Fahrgäste haben ohnehin Monatskarten oder Jobtickets.

Pendler profitieren nicht

Wenn vor allem Radfahrer und Fußgänger einsteigen, gilt das bei denen, die den Autoverkehr verringern und Fahrverbote verhindern wollen, als unerwünschter Effekt. Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag, betont dagegen: „Wenn es das Gehen und Radfahren attraktiver macht, dass man jederzeit in die Bahn steigen kann, ist das doch positiv.“ Ihre Partei hatte den kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zum Wahlkampfthema gemacht, entsprechend ist der ticketfreie Samstag für sie nur ein erster Schritt. „Der kostenlose Nahverkehr ist vor allem wichtig für Pendler“, argumentiert Wissler, „die werden am Samstag nicht entlastet.“ Für den Gratis-ÖPNV fehle in Hessen aber der politische Wille.

Gratisfahrten am Samstag wären jedoch, so Maximilian Meyer, Sprecher des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), auch etwa in Frankfurt möglich – sofern die Stadt für die Verluste eine Ausgleichszahlung an den RMV leiste. „Wir haben ja über 20 Gesellschafter, die anderen dürfen dadurch keine Nachteile erleiden“, erläutert er. Die Frankfurter, deren Oberbürgermeister Peter Feldmann Aufsichtsratsvorsitzender des RMV ist, seien bei besonderen Aktionen für Fahrgäste „schon sehr aktiv“, so Meyers Einschätzung.

Einen komplett kostenlosen Nahverkehr hatte RMV-Geschäftsführer Knut Ringat allerdings kürzlich abgelehnt – zu hoch seien die Kosten, zu sehr würde der Andrang die Infrastruktur überfordern. „Natürlich stieße der ÖPNV an seine Grenzen, die Qualität müsste verbessert werden“, räumt Linken-Politikerin Wissler ein. „Aber das Problem der Überlastung haben wir auf der Straße ja auch.“

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