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Große-FNP-Gesundheitsserie

„Suchen Sie sich eine Aufgabe!“

Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkverschleiß – wie man es schafft, trotz gesundheitlicher Einschränkungen im Alter positiv gestimmt zu sein – darüber hat Stefanie Liedtke mit Prof. Dr. Ursula Lehr gesprochen. Sie ist Expertin im doppelten Sinne: Die gebürtige Frankfurterin hat nicht nur das Standardwerk „Psychologie des Alterns“ verfasst, sie selbst ist mittlerweile auch 85 Jahre alt.

Südamerika, Frankfurt, Berlin, Barcelona – das alles binnen weniger Tage: Der bloße Anblick Ihres Terminkalenders treibt manchem 30-Jährigen die Schweißperlen auf die Stirn. Sie sind 85. Respekt!

PROF. DR. URSULA LEHR: Berlin, Frankfurt – das ist für mich nicht groß unterwegs sein. 2013 hatte ich allein 106 Flüge. Dafür war meine Minister-Zeit ein Training – mit dem Unterschied, dass man damals die Reisen vorbereitet bekam und das Auto vor der Tür stand.

Wie schaffen Sie das?

LEHR: Ich weiß selbst nicht so genau. Natürlich, ich bin ein bisschen immobiler geworden. Früher bin ich sehr, sehr gern gewandert, das kann ich nicht mehr nach meiner Hüft-Operation, und auch die Bandscheibe macht mir zu schaffen. Es gibt Zeiten, da fällt mir das Einsteigen in einen Zug schwer. Aber ich schaffe das.

Mit solchen gesundheitlichen Einschränkungen kommt längst nicht jeder so gut klar . . .

LEHR: Das ist richtig, aber Gesundheit definiert sich nicht durch das Fehlen von Krankheit. Gesundheit, da halte ich es mit dem Schweizer Geriater Fritz Huber, schließt auch ein, mit den eventuell eintretenden Veränderungen und Behinderungen fertig zu werden, sie in den Griff zu bekommen und dennoch ein zufriedenstellendes Leben zu führen. Und in diesem Sinne fühle ich mich hundertprozentig gesund.

Warum gelingt es manchen Menschen besser, anderen schlechter, mit den Herausforderungen des Alters zurechtzukommen?

LEHR: Das ist weniger eine Alters- als eine Persönlichkeitsfrage. Manche Menschen suchen die aktive Auseinandersetzung. Sie sagen: Wenn ich schon eine Krankheit habe, will ich auch wissen, was – und dann tue ich etwas dagegen. Andere gehen Auseinandersetzungen eher aus dem Weg, warten ab oder verfallen in eine Altersdepression. Aber darüber wird in Deutschland viel zu selten gesprochen.

Wieso ist das so?

LEHR: Wir thematisieren stattdessen die Zunahme der Pflegebedürftigkeit und die Zunahme der dementiellen Erkrankungen. Aber hinter jeder fünften diagnostizierten Demenz verbirgt sich eine Altersdepression, die vom Arzt oft nicht erkannt und als Demenz gedeutet wird. Das ist schlimm, weil man gegen Depression etwas tun könnte. Besonders Frauen sind betroffen.

Woran liegt das?

LEHR: Die jetzige Generation der hochbetagten Frauen ist eine, die vielleicht noch einen Beruf erlernt, diesen aber mit der Hochzeit zumeist aufgegeben hat. Dann waren sie nur noch die Frau ihres Mannes. Das ganze gesellschaftliche Leben spielte sich in den Kreisen des Mannes ab. Wenn der stirbt, ist nur noch Leere übrig. Das führt so weit, dass diese Frauen sagen: „Warum für mich alleine noch kochen? Weshalb die Haare machen? Wieso aufstehen?“ Das Ergebnis ist, dass sie sich immer mehr zurückziehen. Dann kommt es zu den kognitiven Ausfallerscheinungen, die als Demenz missgedeutet werden.

Was kann man dagegen tun?

Wenn man Altersdepression vorbeugen will, muss man den Leuten eine Aufgabe geben, die sie gerne machen. Hier ist vor allem das Umfeld gefordert.

Inwiefern?

LEHR: Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Da ist das neun Jahre alte Flüchtlingskind in der Nachbarschaft, das Hilfe beim Lesen und Rechnen brauchen könnte. Und da ist die gerade zur Witwe gewordene Nachbarin. Wenn man sie fragt, ob sie nicht ein, zwei Mal pro Woche diesem Mädchen helfen könnte, ist beiden geholfen. Man muss es allerdings geschickt anstellen: Man darf nicht auf die Witwe zugehen und sagen: „Ich möchte Ihnen gerne helfen.“ Man muss zu ihr sagen: „Sie könnten mir oder anderen helfen.“ Und es muss eine persönliche Aufgabe sein mit einem konkreten Fall. Dann fühlt sich diejenige, die eigentlich der Hilfe bedarf, gebraucht. Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen dem Gefühl, gebraucht zu werden, und der eigenen Lebensqualität. Der Mensch, der keine Aufgabe hat, gibt sich auf.

Viele ältere Menschen fühlen sich einsam. Die Kinder leben oft weit weg, die sozialen Kontakte werden weniger . . .

LEHR: Wir müssen unterscheiden zwischen Einsamkeit und Isolation. Manch einer ist isoliert, fühlt sich aber nicht einsam, weil er gerne malt, liest oder sich anderweitig beschäftigt. Ein anderer ist alles andere als isoliert, hat einige soziale Kontakte und fühlt sich dennoch einsam. Das Gefühl der Einsamkeit ist etwas Subjektives. Es hängt auch mit der eigenen Erwartungshaltung zusammen. Wenn ich erwarte, dass mein Sohn zwei Mal pro Woche kommt, und er kommt nur alle zwei Wochen, muss ich auch schauen, ob ich meine Erwartungshaltung ändere. Einsamkeit ist eine Funktion der Langeweile: Such’ dir ein Hobby, such’ dir eine Aufgabe, und du fühlst dich nicht mehr einsam.

Das liegt nicht jedem. Wie kann man es dennoch schaffen?

LEHR: Man darf nicht erst im Alter anfangen. Es gibt so viele Möglichkeiten! Volkshochschulkurse beispielsweise sind ideal, auch ein Kegel- oder ein Bridgeclub sind tolle Hobbys. Für alle, die im Internet aktiv sind, ist die Aktion Feierabend () zu empfehlen.

Gerade beim Thema Computer und Internet ist bei vielen die Hemmschwelle groß . . .

LEHR: Zum Lernen ist es nie zu spät. Ich sage immer: Wagen Sie sich an etwas Neues, schaffen Sie sich einen Laptop oder ein Tablet an. Und am besten einen jungen Menschen, der einmal pro Woche kommt und Ihnen alles erklärt.

Das Lernen fällt im Alter nicht mehr so leicht wie früher, die grauen Zellen lassen nach – auch das bereitet vielen Unbehagen . . .

LEHR: Ich sage den Leuten immer: Deuten Sie nicht jedes Vergessen gleich als Alzheimer. Man kann sich das Gedächtnis wie einen großen Topf vorstellen. Je älter man wird, umso mehr kommt hinein. Das, was wichtig ist, ist schwer, sinkt nach unten und bleibt im Topf. Das Unwichtige schwimmt oben und schwappt über: Besorgungen, die noch zu machen sind, Telefonnummern, . . . Nehmen Sie das so hin und schreiben Sie sich diese Dinge einfach auf. Ein bisschen Gedächtnistraining schadet sicherlich nicht, aber auch das muss Spaß machen.

Und wie schafft man es, mit den körperlichen Gebrechen klarzukommen, die sich früher oder später einstellen?

LEHR: Indem man zunächst einmal schaut, ob man selbst etwas dagegen tun kann. Der Heidelberger Mediziner Viktor von Weizsäcker hat einmal gesagt: „Gesundheit ist nur dort vorhanden, wo sie täglich neu erkämpft wird.“ Oftmals hilft es schon, wenn man jeden Morgen seine Gymnastikübungen macht. Das ist dann gleich die erste Aufgabe des Tages und schafft Struktur. Und man muss natürlich den inneren Schweinehund überwinden und raus gehen.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, ältere Menschen werden auch deshalb einsam, weil sie immerzu über gesundheitliche Probleme reden und das nicht jeder hören mag . . .

LEHR: Bei mir in der Nähe gibt es einen Angler-Club, der trifft sich einmal in der Woche. Und jedes Mal, wenn dort einer von irgendeiner Krankheit anfängt, muss er einen Euro in die Kasse zahlen. Das ist die richtige Einstellung! Was ich damit sagen will, ist: Frage nicht, was du nicht mehr kannst, sondern frage dich, was du noch kannst, und tue es! Wobei hier auch die Ärzte gefordert sind, die ihren Patienten nicht immer nur vorbeten sollten, was sie alles nicht mehr dürfen. Ein guter Arzt sollte neben den gegebenen Grenzen immer auch die noch verbliebenen vielen Möglichkeiten aufzeigen und ermuntern, diese auch zu nutzen.

Und Sie, was haben Sie persönlich für Ziele?

LEHR: Ich habe schon jetzt 35, 40 Anfragen für Vorträge 2016, wobei ich angesichts meines Alters immer nur unter Vorbehalt zusagen kann. Und dann ist da ja noch mein Ehrenamt als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) – das allein ist mehr als eine 40-Stunden-Woche. Das bringt sehr viele Herausforderungen und Aufgaben mit sich.

Wissenswertes

Unabhängige Beratung für Patienten

Ist die Operation wirklich notwendig? Und was für eine Krankheit ist das überhaupt, die ich habe? Hat mir der Arzt das richtige Medikament verordnet? Wer eine neutrale Meinung braucht, kann sich bei der Unabhängigen Patientenberatung kostenlos über seine Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten informieren. Das Beratungstelefon ist montags bis freitags von 10 bis 18  Uhr besetzt, donnerstags bis 20  Uhr und unter der Rufnummer (0800) 0 11 77 22 zu erreichen. Anrufe aus dem deutschen Festnetz sind kostenlos. Wer vom Handy aus anruft, trägt die Kosten des Anrufs selbst und wählt die Rufnummer (0 30) 34 04 84 48. Wer mehr über das Angebot wissen möchte, kann sich auch im Internet informieren unter www.patientenberatung.de.

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Verschleiß betrifft auch die Zähne Auch Zähne altern: Der Zahnschmelz nutzt sich ab und wird dünner. Dadurch wird das Zahnbein stärker sichtbar. Das lässt die Zähne dunkler und gelblicher wirken. Darauf weist die Initiative pro-Dente hin. Außerdem ist der Speichelfluss im Alter oft gemindert. Die Folge: Auch die Remineralisierung nach säurehaltigen Getränken oder  Obst lässt nach. Deshalb sollten Ältere auf eine ausreichende Kalziumzufuhr etwa in Form von Milchprodukten achten. Viel trinken kann Mundtrockenheit vorbeugen.   dpa

Fakten

5,6  Milliarden Euro – das ist die  Summe, für die niederge  lassene Ärzte in Deutschland ihren Patienten im vergangenen Jahr Heilmittel verschrieben haben. Das sind 7,8  Prozent mehr als im Vorjahr, wie Zahlen des Spitzenverbandes der Krankenkassen belegen. Besonders häufig verordneten die Mediziner Krankengymnastik und Ergotherapie. 1,96  Millionen Patienten nahmen im Jahr 2013   einen stationären Aufenthalt in einer Reha-Klinik in Anspruch. Den größten Anteil machten Patienten mit künstlichen Knie- und Hüftgelenken aus (je mehr als 100 000  Fälle), doch auch Patienten mit Rückenschmerzen waren stark vertreten (90 864  Fälle). Das belegen Daten des Statistischen Bundesamtes. 52%  der Erwachsenen in Deutschland sind zu   dick. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2013 hervor. Die Männer führen die Statistik mit 62  Prozent an, während bei den Frauen nur 43  Prozent übergewichtig sind. Zugrunde gelegt wird dabei der Body-Mass-Index (BMI). Ein BMI von 25 oder mehr zählt als Übergewicht.   

dpa

Link-Tipp

Die Internetseite der Deutschen Alzheimergesellschaft bietet viele Informationen zur Krankheit unter . Die Seite informiert über Ursachen und Verlauf der Erkrankung, über Angebote für Demenzkranke, Selbsthilfegruppen für Angehörige, rechtliche Fragen und vieles mehr.

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