Ehrenbürger und Ex-Astronaut

Thomas Reiter spricht mit Schülerinnen der Goetheschule Neu-Isenburg

Von Neu-Isenburg in die weite Welt haben es viele geschafft – aber nur einer in den Weltraum: Thomas Reiter. Die PJZ-Autorinnen Marie Nachtsheim, Rosa Leuz, Eliona Förster, Anamaria Waschnewski und Lehrerin Catrin Grigat von der Goetheschule besuchten ihn im European Space Operations Centre (ESOC) in Darmstadt und befragten ihn zu seinen Erlebnissen im All und seine Erinnerungen an die Stadt.

Wie hat die Zeit auf der Goetheschule Sie geprägt?

REITER: Ich erinnere mich gerne dran. Alle fünf Jahre hat mein Abijahrgang Klassentreffen. Und da stellt man fest, dass das eine tolle Zeit gewesen sein muss. Ich hatte liebe Freunde, mit denen ich teilweise auch heute noch zusammen bin. Meist bleiben ja doch die angenehmen Dinge in Erinnerung. Wobei man auch unangenehmere Momente manchmal nicht so ganz vergisst. Wenn ich zum Beispiel an den Lateinunterricht denke. . ., der war schwierig. Aber letztlich war die Schulzeit die Grundlage dessen, was ich später gemacht habe und geworden bin.

Waren Sie denn ein guter Schüler?

Mit meinem Abi war ich ganz zufrieden. Ende der 10. Klasse musste ich stark kämpfen. Ich war ein bisschen der „Saisonarbeiter“. Interessanterweise ist mir ab der 11. Klasse vieles leichter gefallen. Da war das Interesse plötzlich da und ich habe gemerkt, wie wichtig Wissen ist.

Welche Werte und Normen waren in Ihrer Schulzeit wichtig?

Ich glaube, in dem Alter hat man sich mit dem Thema noch nicht so bewusst intensiv auseinandergesetzt. Aber die guten Freundschaften, die ich gerade erwähnt habe, waren wichtig. Und es ging darum, Verständnis füreinander zu haben, auch andere Meinungen zu tolerieren. Aber auch seine eigene Meinung, wenn nötig, zu vertreten – auch wenn das schon mal zu harten Diskussionen führen kann. Auf der einen Seite bemüht sein, ein gutes Verhältnis zu seinen Mitschülern zu haben, aber auch, sich auf Dinge zu fokussieren, die einem wichtig sind.

Sie sind Ehrenbürger Neu-Isenburgs. Was verbinden Sie damit?

Es gibt ja diese schöne Redensart: Große Bäume brauchen starke Wurzeln. Das verbinde ich mit meiner Heimatstadt und dieser Auszeichnung. Eine innerliche Verbindung nicht nur zum Elternhaus zu haben, sondern zu der Stadt insgesamt. Zu wissen, dass viele Neu-Isenburger meinen Weg verfolgt haben, bedeutet für mich die Verantwortung, meine Erfahrungen mit ihnen zu teilen.

Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben?

Authentisch zu sein. Nicht zu versuchen, jemand anderes zu sein, sondern der zu sein, der man ist. Das gilt für mich auch heute noch. Und meine Eltern lehrten mich, ausdauernd zu sein: Kein Erfolg kommt von alleine, man muss etwas dafür tun, auch bereit sein, sich dafür zu quälen. So wie beim Sport, etwa als Langstreckenläufer. Ich habe früher Leistungssport gemacht. Da weißt du: Wenn du ein bestimmtes Ziel vor Augen hast, musst du dafür viel trainieren.

Welche Werte wollen Sie Ihren Kindern mitgeben?

Das, was ich gerade beschrieben habe – und ich hoffe, dass mir das einigermaßen gelungen ist. Ich habe zwei Jungen, beide studieren schon. Beide wissen: Sie müssen sich nicht als etwas verkaufen, was sie nicht sind. Und können zu dem stehen, wovon sie überzeugt sind.

Warum wurden Sie Astronaut?

Ich finde es einfach faszinierend, in diese Weiten zu gehen und nach neuen Erkenntnissen zu suchen. Ich war elf Jahre alt, als Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond landeten. Die Vorstellung fasziniert mich noch heute: Mit eigenen Füßen auf einem anderen Himmelskörper zu stehen. Gut, das habe ich nicht geschafft. Aber immerhin war ich einmal 400 Kilometer von der Erde weg. Da steckt Neugier drin. Diese Neugier: Man möchte Antworten auf die Frage finden, wie funktioniert eigentlich unsere Welt? Was sind die Mechanismen, nach denen unsere Natur funktioniert? Was läuft da ab – auch über die Grenzen unserer Atmosphäre hinaus? Das finde ich heute noch genauso toll wie damals. Ich bin sicher, dass das auch in Zukunft die Menschen begeistern wird. Die Entwicklung des Menschen hat viel mit diesem Entdeckerdrang zu tun: Was liegt hinterm Horizont? Nur, dass wir heute nicht nur hinter den Horizont schauen, sondern auch jenseits der Erdatmosphäre. Da draußen gibt es noch so viele Dinge zu entdecken und ergründen. Das ist für mich einfach fantastisch.

Wie ist es denn im Weltall?

Toll! Schwerelosigkeit ist etwas, was man sich so gar nicht richtig vorstellen kann. Das ist ja auch ein Menschheitstraum; wie ein Vogel fliegen zu können. Dort oben geht das vollkommen ohne Hilfsmittel. Man kann sich mit der Fingerspitze vom Tisch oder der Wand abstupsen. . . und dann schwebt man durch den Raum! Dass oben und unten keine Rolle mehr spielt, ist ein phantastisches Gefühl. Stellt Euch vor, wir könnten uns jetzt an der Decke schwebend kopfüber unterhalten. Das ist überwältigend und wird auch keine Sekunde langweilig. Dazu noch der Blick auf unseren Planeten. Und der Blick in die entgegengesetzte Richtung, in den Weltraum, ist ganz besonders, weil da keine Atmosphäre dazwischen ist, die etwas abdämpft. In den letzten Tagen hatten wir ja ein paar klare, kalte Nächte. Da sieht man wunderschön den Sternenhimmel. Wenn man außerhalb der Atmosphäre ist, sind die Sterne gestochen scharf. Und man sieht viel mehr. 400 Kilometer über der Erde sah ich beispielsweise die Milchstraße, wie ich sie unten noch nie gesehen habe.

Welches war Ihr aufregendstes Erlebnis im All?

Jede Phase hat ihre Besonderheiten. Der Start ist sicher ein Höhepunkt – mit den Naturgewalten, die da entfesselt werden, um einen in den Weltraum zu schießen. Außergewöhnlich ist definitiv ein Außenbord-Einsatz – so freischwebend, nur über eine Sicherheitsleine mit der Raumstation verbunden. Das wünscht sich jeder Astronaut, denn näher kann man dem Weltraum nicht kommen. Wenn man ein halbes Jahr oben war, freut man sich natürlich auch, wieder zurück auf die Erde zu kommen, in der Natur zu sein, Blumen und Wald zu riechen und frisch zubereitetes Essen zu genießen.

Was waren Ihre Aufgaben im All?

Die Hauptaufgabe liegt in Experimenten ganz unterschiedlicher Art: Von der Physik über Materialwissenschaften, Medizin bis hin zur Biologie und Technologie. Damit verbringt man 70 bis 90 Prozent der Zeit. Dann muss man dafür sorgen, dass alle Bordsysteme funktionieren. Das ist wie zu Hause, wenn mal die Spül- oder Waschmaschine kaputt geht. Nur muss man alles selbst machen. Das Aus-dem-Fenster-gucken gehört leider nicht dazu.

Wie sah der Tagesablauf aus?

Man hat einen Wochenrhythmus wie hier auch; volles Programm von Montag bis Freitag. Morgens um 7 Uhr klingelt der Wecker. Zuerst überprüft man die wichtigsten Systeme, ob irgendwo gelbe oder rote Lampen an sind. Dann frühstückt man, hat Briefings mit der Bodenstation und arbeitet bis 21, 22 Uhr. Der Arbeitsplan gibt minutengenau den Takt vor, du rennst pausenlos dem Sekundenzeiger hinterher. Nach dem Dienstplan hat man zwar abends noch etwas Freizeit. In der Praxis aber sind im Laufe des Tages irgendwelche Dinge liegengeblieben, die nachzuholen sind. Außerdem gibt es täglich zweieinhalb Stunden Sport. In der Regel sind wir unter der Woche nie vor Mitternacht ins Bett gekommen. Samstag und Sonntag ist das Programm etwas reduziert. Da muss wie zu Hause saubergemacht werden. Die Filter müssen gereinigt und die Wände desinfiziert werden. Am Nachmittag bleiben dann zwei oder drei Stunden, die du für dich verwenden kannst: Etwa Foto- und Filmaufnahmen machen oder E-Mails schreiben.

Warum wurden gerade Sie als Astronaut ausgewählt?

Tja, das würde mich auch interessieren (lacht). Ich habe mich immer gefreut, wenn ich eine Runde weiter war. Das ist ähnlich wie bei einem Turnier: Es geht los mit psychologischen Tests über drei Tage. Am zweiten Tag morgens kommen diese Leute rein und bitten einige Bewerber zu sich – die fallen dann raus. Viele lernt man erst gar nicht kennen. Da sind Tausende Kandidaten, die in Gruppen von ungefähr 20 Leuten durch die Tests geschleust werden. Die medizinischen Tests dauern eine Woche, da geht es von einem Spezialisten zum anderen.

Wie viele sind genommen worden?

Sechs waren es am Ende. Fünf Männer und eine Frau, die Ärztin und Pilotin bei einer belgischen Airline war.

Von der Kollegialität abgesehen: Gab es bei der Arbeit im All bestimmte Werte, nach denen man sich richten musste?

Formell gibt es bestimmte Regularien, die man vorher kennt. Das ist in der Raumstation im Prinzip nicht anders als bei einem gemeinsamen Segeltörn, wo ja auch wenig Platz an Bord ist und es einen Kommandanten gibt, der das Sagen hat. Spezielle Werte gibt es nicht. Alle wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Das eigene Leben hängt davon ab, dass man gut zusammenarbeitet. In so einer Umgebung ist nicht viel Platz für Fehler. Um einen herum in der ISS herrscht ein Hochvakuum. Die Systeme, die einen am Leben halten, müssen richtig und pfleglich behandelt werden. Geht mal etwas kaputt, muss man genau wissen, was zu tun ist. Alle sind sich darüber im Klaren, was der Zweck des Aufenthaltes ist. Und das sind nicht die beschriebenen Eindrücke, so wichtig sie für den Einzelnen auch sein mögen und von denen man gerne erzählt. Sondern, dass man diese Experimente für die vielen Teams von Wissenschaftlern so gut wie möglich macht. Jedem muss klar sein, dass er da oben nicht nur eine schöne Aussicht bekommt, sondern schon durch die Enge des Raums auch Entbehrungen auf sich nehmen muss. Und alles, was ihn belastet, hinten anstellen muss. Das Tolle ist: Das schweißt wirklich zusammen. Ich habe zu den Kollegen, mit denen ich bei den zwei Missionen oben war, immer noch ein sehr gutes Verhältnis. Fast wie in einer Familie.

Haben Sie dadurch einen anderen Blick auf die Menschheit gewonnen?

Definitiv. So ein Orbit dauert ja 90 Minuten, dann bin ich um die Erde einmal rumgeflogen. Wenn ich die Zeit hätte, könnte ich an einem 24-Stunden-Tag 16 Sonnenauf- und -untergänge sehen. Das allein verändert schon den Blick auf die Erde und das, was hier passiert. Dabei wird einem auf sehr drastische Weise klar, wie wunderschön und schützenswert der blaue Planet ist. Wenn man runterschaut und sieht die Atmosphäre als hauchdünne Schicht, kann man kaum glauben, dass sie es überhaupt erst ermöglicht, dass auf der Erde Leben ist. So gewinnt man einen Eindruck von ihrer Verletzlichkeit. Man kann beispielsweise mit einem Blick über Europa schauen und denkt, dass eigentlich für alle genügend Platz da sein müsste. Dabei weiß man, dass die Wirklichkeit hier unten anders aussieht und es auch Kriege und Konflikte auf der Erde gibt. Die sieht man auch von oben: Manchmal sieht man Rauchsäulen aufsteigen und weiß: Das kommt von einer kriegerischen Auseinandersetzung. Das stimmt einen besonders traurig. Diese schöne blaue Kugel ist so einzigartig in der Tiefe des Weltraums, in dieser Unendlichkeit – und wir tun uns so schwer damit, miteinander auszukommen. Das ist die Theorie. In der Praxis aber wissen wir: Tausende Jahre Menschheitsgeschichte haben uns leider immer noch nicht gelehrt, friedlich miteinander umzugehen. Aber die Hoffnung bleibt. Ich bin jedenfalls überzeugt: Je mehr Menschen die Möglichkeit haben, die Erde von dort oben zu erleben, desto eher kommen wir dahin.

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