Interview

Veterinärmedizinerin Sylvia Rieß: "Tiere sind wundervolle Zuhörer"

Der Wert eines Tieres ist keine Frage des Preises, sondern hängt von ganz individuellen Faktoren ab. Diese Auffassung vertritt die Tierärztin Sylvia Rieß aus Hadamar. Mit der Veterinärin sprach PJZ-Autorin Friederike Rauch.

Frau Rieß, was bedeuten Ihnen Tiere?

SYLVIA RIESS: Tiere sind in gewisser Weise mein Leben. Ich bin immer schon von Tieren umgeben gewesen. Katzen gab es im Haus meiner Eltern schon, bevor ich geboren wurde, und junge Wildtiere in Not hat meine Mutter auch schon immer aufgenommen und gepflegt, sofern sie sich damit auskannte. Später kamen dann unsere Pferde hinzu, und von da an gab es nicht einen Tag in meinem Leben ohne Tiere. Mein Berufswunsch Tierarzt ist davon vermutlich auch maßgeblich beeinflusst worden. Tiere, die durch Verletzung oder teilweise menschliches Verschulden völlig hilflos waren, taten mir immer schon leid, und ich hatte stets das Gefühl, es sei eine Art Verantwortung, ihnen nach bestem Wissen und Können zu helfen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Tiere, die wir Menschen in ’Besitz’ nehmen, sind damit von uns abhängig. Nicht nur ihr Wohlergehen, was Nahrung, Wasser und einen warmen und trockenen Schlafplatz angeht, hängt in vielen Fällen von uns ab, sondern durch die enge soziale Bindung auch ihr psychisches Wohlergehen.

Wie viel bedeuten Patientenbesitzern ihre Tiere?

RIESS: Das ist sehr individuell. Doch man kann sagen, dass das Tier als Sozialpartner des Menschen allgemein einen immer höheren Stellenwert einnimmt. Bei vielen sind es längst Familienmitglieder, die in den Alltag fest integriert sind und ohne die die meisten ein Gefühl von Leere und Unausgefülltheit empfinden.

Investieren reiche Menschen mehr Geld in ihre Tiere?

RIESS: Nicht unbedingt. Jeder versucht für sein Tier immer das Beste zu tun. Hochwertige und damit auch preisintensive Futtermittel, Pflegezubehör oder Spielartikel werden nicht nur von ’Besserverdienern’ konsumiert. Aber natürlich fällt es jemandem mit einem höheren Einkommen oft leichter, notwendige OPs oder für die Gesunderhaltung essenzielle und oft kostspielige Medizinalfutter und Medikamente zu bezahlen.

Sind aggressive Tiere weniger Wert? Warum?

RIESS: Das ist eine ganz hervorragende Frage und kaum zu beantworten. Denn: Was ist ein aggressives Tier? Wurde es schon aggressiv geboren? In den meisten Fällen nicht. Auch Tiere besitzen individuelle Charaktere, so dass der eine wohl von Hause aus eher zum Bellen neigt oder auch dazu, sich durch Gewalt selbst zu verteidigen. Doch kein Tier, das von Beginn seines Lebens an nur Zuwendung, Vertrauen, Liebe und entsprechende Erziehung genossen hat, wird zu einem problematisch aggressiven Tier werden. Ich bin der Meinung, dass in diesen Fällen immer auch der Mensch und das prägende Umfeld mit eine Rolle gespielt haben. Somit also nein: Aggressive Tiere sind nicht weniger wert. Allerdings kostet es oft Zeit, Mühe und Geld, ein solches Tier in seinem Verhalten dahingehend zu ändern, dass es für den Menschen keine Gefahr mehr darstellt, womit der Preis dieser Tiere unter Umständen bei einem Besitzerwechsel niedriger bemessen sein kann, als ein vergleichbares freundlicheres Tier. Eine Ausnahme dazu bilden Tiere, die vielleicht genau wegen ihres Aggressionspotenzials geschätzt werden. Schutzhunde zum Beispiel. Dort würde ein von Natur aus zahmeres und zu sanftes Wesen sicherlich nicht finanziell wertvoller bemessen werden, weil es die Aufgabe, für die es gedacht ist, nicht optimal ausfüllen kann. Es spielen in dieser Frage also viele Faktoren eine Rolle, wobei man aber niemals vergessen sollte, dass der Preis eines Tieres und sein Wert nichts miteinander zu tun haben.

Wie viel sind Menschen bereit für ihre Tiere zu tun?

RIESS: Es gibt Menschen, die würden für Tiere noch ihr letztes Hemd geben. Menschen, die mit den eigenen finanziellen Mitteln Gnadenhöfe oder Auffangstationen einrichten. Manchmal geht es so weit, dass Menschen sich darüber selbst vergessen. Das ist allerdings ein Extrem. Wenn man jetzt mal vom normalen Tierbesitzer spricht, dem man tagtäglich begegnet, der ist meist für sein Tier bereit, ähnlich wie für ein krankes Familienmitglied Zeit und Pflege in dessen Genesung zu investieren. Also ja, Menschen sind schon bereit, sehr viel für ihre Tiere zu tun.

Für welche Gruppen von Menschen sind Tiere besonders wichtig und warum?

RIESS: Tiere sind für jeden unendlich wichtig. Viele Studien haben gezeigt, wie das Zusammenleben mit Tieren unsere sozialen Kompetenzen, unsere Fähigkeiten zur Empathie und zur Rücksichtnahme maßgeblich erhöhen können. Einen ganz besonderen Stellenwert haben sie aber, denke ich, bei Kindern, weil sie ein Teil der Sozialisierung werden, weil sie Verantwotungsbewusstsein lehren und wundervolle Spielkameraden abgeben. Bei älteren Menschen, weil sie Gefährten sein können, wenn kein anderes Familienmitglied mehr im Haus ist. Tierische Gesellschaft schützt vor Einsamkeit, denn Tiere sind wundervolle Zuhörer. Und damit sind sie auch für jeden besonders wertvoll, der sich vielleicht gerade in einer emotional fordernden Situation befindet. Einfach, weil Tiere nicht werten, sondern bloß da sind.

Warum sehen manche Menschen Tiere nur als Nutztiere an?

RIESS: Ich denke, manche kennen es nicht anders. Andere sind vermutlich nur am Profit orientiert. Aber Vorsicht, damit ist nicht unbedingt der Landwirt gemeint, der mit viel Mühe seine Tiere aufzieht, um ihre Milch und ihr Fleisch zu gewinnen. Die aber wiederum müssen nun einmal davon leben und somit wird das Nutztier zum Teil der Lebensgrundlage. Übrigens einer Lebensgrundlage aufgrund dessen unsere Gesellschaft so, wie sie heute ist, überhaupt erst entstehen konnte. Die Fähigkeiten, Tiere zu zähmen und in menschlicher Obhut zu vermehren, hat unseren Vorfahren am Beginn der Jungsteinzeit erst ermöglicht, von umherstreifenden Nomaden zu sesshaften Städtebauern zu werden. Es ist somit seit Tausenden von Jahren Teil unserer Kultur, Tiere zu nutzen. ’Nutztiere’ also. Erst seit vergleichbar kurzer Zeit, nämlich mit dem Beginn der Industrialisierung hingegen, ist es so, dass der Großteil unserer westlichen Gesellschaft gar nichts mehr mit der Entstehung von Lebensmitteln und der Haltung von Tieren zu tun hat. Damit ist auch mehr Distanz zu diesen besagten ’Nutztieren’ da. Das ist vermutlich auch Fluch und Segen zugleich. Denn wer dem Schwein, das er täglich auf dem Teller liegen haben möchte, nicht mehr beim Sterben in die Augen sehen muss, der verliert leichter den Bezug zum eigentlich Wert dessen Lebens.

Warum sind Tiere aus Rassezuchten wertvoller?

RIESS: Auch hier möchte ich wieder die Unterscheidung machen: Tiere aus Rassezuchten kosten mehr. Ob sie damit wertvoller sind, sei dahingestellt. Zur Antwort führt sicherlich die Frage: Warum werden denn überhaupt Rassetiere gezogen? Meist, damit die Ableger dieser bestimmten Rasse einen ganz bestimmten Zweck erfüllen können, der in diesem Fall vom Käufer gewünscht ist. Jagdhunde zum Beispiel. Diese Rassen werden seit vielen Generationen auf den Jagdtrieb und gleichzeitig die Gelehrsamkeit gezogen, damit sie ihre Arbeit an der Seite des Jägers optimal erfüllen können. Bei Nutztierrassen ist es ähnlich. Rinder, die im kargen Klima der Alpen überleben können, müssen andere genetische Faktoren mitbringen als Tiere, die allein auf ihre Milchleistung oder ihre Fleischqualität oder -quantität gezogen werden. Damit bestimmt die Nachfrage des Nutzwertes den Preis. Bei Rassen, die keine andere Aufgabe erfüllen, als ihren Besitzer zu erfreuen, ist ebenfalls die Nachfrage und die Häufigkeit des Angebots ausschlaggebend. Dazu kommt, dass in guten Rassezuchten bei Haustieren durch die Züchter auf bestimmte Qualitätsstandards geachtet wird. So werden die meisten großen Hunderassen mit der Disposition dazu von gewissenhaften Züchtern auf Erkrankungen wie Hüft- oder Ellbogendysplasie selektiert. Untersuchungen zur Ermittlung der Zuchttauglichkeit solcher Tiere sind kostspielig und damit wird dann auch der Preis der Welpen höher.

Wie kann man den Wert eines Tieres bemessen?

RIESS: Ein Tier ist ein Lebewesen. Egal ob Wild- oder Haustier, zahme Schmusekatze oder Mastferkel. Wir maßen uns vielleicht an, diesen Lebewesen einen Preis zuzuordnen, aber mehr vermögen wir nicht. Niemand kann ermessen, was der 14 Jahre alte Schäferhund, der nur noch durch Medikamente laufen kann, seinem Besitzer wert ist, wenn er vielleicht das letzte Überbleibsel eines geliebten Partners ist. Niemand kann verstehen, wie wertvoll einem einsamen Menschen die halbwilde Katze sein kann, die als einziges täglich vorbeikommt, und sei es nur für das Futter, das ihr vor die Tür gestellt wird. Niemand begreift, was einem jungen Erwachsenen der zehn Jahre alte Hase wert ist, wenn an ihm die schönsten Erinnerungen der Kindheit hängen. Den wahren Wert eines Tieres sehe ich oft erst in den Tränen ihrer Besitzer, wenn sie den geliebten Freund gehen lassen mussten.

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