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Wendelin Leweke, der Stadtflüsterer

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Als der nicht mehr ganz so junge Praktikant damals, 1988, in die Stadtredaktion der FNP kam, saß ihm gegenüber oft ein älterer Herr, den Kopf tief über seine Tastatur gebeugt, und seine Textzeilen

Als der nicht mehr ganz so junge Praktikant damals, 1988, in die Stadtredaktion der FNP kam, saß ihm gegenüber oft ein älterer Herr, den Kopf tief über seine Tastatur gebeugt, und seine Textzeilen mit einer Hand vorsichtig tippend. Dieser auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Mann mit seinen nackenlangen grauen, nach hinten gekämmten Haaren und dem seltenen Namen Wendelin war eine Institution dieser Zeitung. Und dank dieses Mannes lernte der nicht mehr ganz so junge Mann sehr viel über die Zeitungswelt kennen, den Menschen menschlich zu beschreiben und im Kleinen verborgene Dinge zu entdecken. Das war „das Ding“ dieses durch und durch typischen Lokaljournalisten Wendelin Leweke, der im Laufe eines Arbeitstages viel über sich und sein Leben erzählen konnte.

Und immer auf „Frankfordderisch“. Da war der am 21. Januar 1927 im Stadtteil Eckenheim geborene Leweke zu Hause. In allen Gassen, Vierteln, Kneipen, Theatern, Kinos, Rathäusern, Konzert-, Veranstaltungs-, aber auch Gerichtssälen. Vor allem Künstler hatten es dem Stadtflüsterer angetan. Im Frankfurter „Tigerpalast“, für dessen Aufbau er sich so sehr eingesetzt hatte, ging er ein und aus.

Leweke liebte dieses Gemisch der verschiedenen Kulturen in seiner Stadt, darin bewegte er sich oft und gerne. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand bei ihm immer der Mensch, vorzugsweise der typische Frankfurter, den er mit seinem unverwechselbaren Stil beschrieb. Immer in Frankfurter Mundart in seiner berühmten Kolumne „Komm geh fort“. Seine Kollegin Jutta W. Thomasius textete mal über Leweke: „Mit seiner persönlichen Schreibe war ,wl‘ Wegbegleiter von Stadt- und Landespolitikern, Theaterleuten, Musikern und Musik-Managern, Artisten oder selbst Randgruppen wie Drogenkonsumenten.“

Fürs Theater verfasste der studierte Philosoph, Politikwissenschaftler und Germanist etliche Stücke – und spielte selbst fleißig mit. Er schrieb Bücher vor allem über seine Stadt, aber auch die Biografie der Schauspielerin und Theaterregisseurin Lia Wöhr, stand auf deren Bühne und vor der Kamera wenigstens für einen Kurzauftritt.

Schon während seines Studiums, 1952, begann Wendelin Leweke für die Frankfurter Neue Presse zu schreiben, ab 1955 als angestellter Redakteur. Meist kam er zum Nachmittag in die Redaktion und brachte seine Geschichten mit. Die wenigsten hatte er angekündigt, weil er sie einfach so erlebt oder aufgeschnappt hatte: den Taschendieb, der im Kaufhaus erwischt worden war, über Begegnungen in der Straßenbahn, über Ärger bei Behörden, über eine aufregende Artistin.

Kollegen, die zu sehr das Klischee bemühten und ihre Recherchen vernachlässigten, verachtete Wendelin Leweke. Da nahm er kein Blatt vor den Mund. Auch nicht beim damaligen Geschäftsführer Werner Wirthle.

Als der nicht mehr ganz junge Praktikant damals Wendelin Leweke gegenübersitzen durfte, war dieser bereits von einem Schlaganfall gezeichnet. Seine Texte konnte er nur noch mit einer Hand tippen, die Jacke kaum mehr selbst anziehen. Sein Schritt schlurfte. Das Altwerden und Kranksein schien er trotzig nicht zu akzeptieren. Es schränkte seine gewohnten Tagesabläufe ein. Und es schien auch seine Eitelkeit zu kränken, wie der Praktikant wahrnahm. Als junger Bursch war Wendelin bei den Frauen gut angekommen, ließ er gerne durchblicken.

Seinen Charme hat er jedoch nie verloren, den versprühte er vor allem bei jungen Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen. Viele von ihnen hat er mitgenommen auf seinen Streifzügen durch die Stadt und zu seinen Terminen – die er sich fast alle selbst setzte. Darauf legte er genauso viel Wert wie auf den Umstand, dass er überall ohne Presseausweis Zutritt bekam („Mich kennt hier jeder in der Stadt“).

Wendelin Leweke starb am 16. September 1996 im Alter von 69 Jahren. Er bleibt uns in Erinnerung als Frankfurter Chronist, Theatermann, Autor und Journalist. Manche seiner jungen Begleiter sind dank seiner Anleitung und Starthilfe bekannte und geschätzte Journalisten geworden. Und auch der damals nicht mehr so ganz junge Praktikant ist in diesem Job geblieben.

(itt)

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