+
Der Hals eines Bartmannkruges (m.) liegt zwischen verschiedenen anderen Gefäßen.

Hohe Dunkelziffer

Wenn das Hobby zum Verbrechen wird: Raubgräber im Fokus von Behörden

Durch illegale Schatzsucher gehen in Hessen jedes Jahr archäologisch bedeutsame Kulturgüter verloren. Dem Landeskriminalamt (LKA) seien seit 2010 knapp 80 Fälle bekannt geworden, etwa zehn Verfahren

Wenn Schatzsucher in Hollywood-Filmen auf Entdeckungstour gehen, müssen sie sich vor tödlichen Flüchen und gefährlichen Fallen in Acht nehmen. In Hessen drohen Schatzsuchern dagegen ganz andere Risiken - zumindest wenn sie ohne Erlaubnis unterwegs sind: Verfolgung durch Polizei und Denkmalschutzbehörde. Denn die illegale Suche nach Kulturgütern im Boden steht seit Jahren im Fokus von Ermittlern.

"Raubgräberei" lautet das Schlagwort. Dabei sind die Täter eigentlich keine Räuber: Sie üben zumindest gegenüber Menschen keine Gewalt aus. Mit Spaten, Spitzhacke und Metalldetektor suchen sie nach wertvollen Gegenständen im Boden. Abgesehen hätten sie es meist auf "Münzen und alle anderen möglichst wertvollen und ästhetischen Gegenstände aus Metall", sagt Christoph Schulte, Sprecher des Hessischen Landeskriminalamts (LKA) in Wiesbaden.

Dem LKA seien seit 2010 knapp 80 Fälle von so genannten illegalen Nachforschungen bekannt, also etwa zehn Verfahren pro Jahr. "Wir gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus, da nicht jede beobachtete Schatzsuche der Polizei gemeldet wird", erklärt Schulte. Das LKA vermutet, dass in Hessen vor allem Einzelgänger und Gelegenheitstäter am Werk sind, selten Profis und Banden.

Die illegale Schatzsuche ist ein doppeltes Problem: So werden nicht nur Kulturgüter entwendet, sondern auch archäologische Spuren unwiederbringlich zerstört. "Der immaterielle Schaden, der an unserem gemeinsamen, im Boden verborgenen Bodenarchiv entsteht, kann nicht groß genug eingeschätzt werden", sagt Beate Leinthaler, Sprecherin des Landesamts für Denkmalpflege Hessen. Dabei seien Funde von wertvollen Edelmetallen selten. Trotzdem zerstöre jede Raubgrabung, jede ungenehmigte Fundbergung Informationen, die nie mehr rekonstruierbar seien.

Wie das im Extremfall aussieht, zeigte sich Ende 2015 in Nordhessen: Nahe des Städtchens Immenhausen plünderten Raubgräber Spuren einer Töpferei aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Sie hinterließen nur ein tiefes Loch. Solche Fälle sind selten. "Sehr viel häufiger ist hingegen inzwischen die ungenehmigte, mit der Fachbehörde nicht abgesprochene Suche nach verborgenen Metallgegenständen aus vergangenen Epochen mit Hilfe von Metalldetektoren", erklärt Leinthaler.

Solche illegalen Nachforschungen würden immer mehr zunehmen, da auch in Medien oft unkritisch über Schatzsucher berichtet werde. Nach entsprechenden Beiträgen im TV steige die Zahl von Anrufen und Anträgen an das Landesamt für Denkmalpflege, in denen Bürger nach der Möglichkeit fragten, mit Metallsonden auf die Suche zu gehen.

Grundsätzlich sei das Suchen mit der Sonde weder illegal noch brauche man eine Genehmigung, sagt Axel Thiel von Kracht. Der Hesse ist Herausgeber des Schatzsucher-Magazins "Butznickel" und Präsident der Deutschen Sondengänger Union, einer Interessenvertretung der Sondengänger in Deutschland. Wer nicht nach Boden- oder Kulturdenkmälern suche, sondern nach verlorenen Ringen oder Euros auf der Schwimmbadwiese, könne dies legal tun - das Einverständnis des Grundstücksbesitzers vorausgesetzt.

Wer dagegen nach Bodendenkmälern wie einem historischen Galgenplatz suche, brauche eine Genehmigung der Denkmalfachbehörde, erklärt von Kracht. Und wer zufällig etwas von archäologischem Wert finde, müsse den Fund im Boden lassen und dem Landesamt für Denkmalschutz melden. "Dann kommt der Archäologe und guckt", sagt er. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen Sondengängern, Denkmalschützern und Ermittlern oft angespannt und von Misstrauen geprägt, wie öffentliche Diskussionsforen im Internet zeigen.

Von Kracht sieht einen Grund in mangelhafter Kommunikation der Behörden: Wofür man als Sondengänger eine Genehmigung brauche und wofür nicht, werde nicht eindeutig erklärt. "Die meisten Sondengänger wollen keine Bodendenkmäler suchen", sagt er. Doch das Land versäume es, zu diesen Leuten Vertrauen aufzubauen. "Ich sage immer: Wenn die Leute Euch nicht vertrauen, melden Sie Euch Funde auch nicht", erklärt von Kracht.

Er wünscht sich eine bessere Zusammenarbeit: Sondengänger sollten über ein Online-Portal mit dem Smartphone melden können, wenn sie etwas gefunden haben. Archäologen könnten dann schnell sehen, was entdeckt wurde und ob es wertvoll ist. Der Sondengänger solle dann ein Zertifikat für seinen Fund erhalten. "Dann hätten beide Seiten etwas davon", sagt von Kracht.

(dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare