Transgender

Wenn die Tochter zum Sohn wird

„Keiner ist weniger wert und jeder sollte so leben können, wie er möchte“, sagt PJZ-Autor Jonas. Er ist als Mädchen geboren , fühlt sich aber als Junge. Von seiner Umwelt wünscht er sich vor allem eines. : Toleranz.

Mein Name ist Jonas. Ich bin ein Junge. Naja, nicht ganz. Ich wurde mit dem Körper eines Mädchens geboren. Ich bin transgender. Das heißt, dass ich mich nicht mit dem Geschlecht identifiziere mit dem ich geboren wurde. Ich bin also ein Junge im falschen Körper.

Ich habe mich früher schon immer unwohl in meinem Körper gefühlt. Jedoch wusste ich nie den Grund dafür. Eines Tages habe ich ein Video von einem Transmann gesehen und mich dann mehr mit dem Thema auseinandergesetzt. Je mehr ich darüber erfuhr, desto mehr dachte ich auch über mich selbst nach. Als kleines Kind wollte ich oft lieber mit Lego oder Polizei spielen anstatt mit Puppen. Ich habe wohl auch mal fest überzeugt gemeint, dass ich die Geschlechtsteile meines Vaters bekommen würde.

Später habe ich auch darüber nachgedacht, was Männer für Vorteile haben. Ich wollte auch einfach ohne Oberteil herumlaufen können oder im Stehen pinkeln. Dann kam eine Zeit, in der ich mich weiter entwickelte. Die Pubertät setzte ein, und ich weinte oft. Ich konnte es nicht verstehen, aber ich wollte einfach nicht, dass meine Brust anfängt zu wachsen oder ich meine Periode bekomme. Andere in meinem Alter waren stolz darauf, doch aus unbekannten Gründen wollte ich das alles nicht. Etwas an meiner Entwicklung ändern konnte ich jedoch nicht, und ich redete auch mit keinem darüber.

Ich versuchte immer, wie andere zu sein. Weiblich zu sein. Ich trug viele Kleider und hatte langes, blondes Haar. Auch wenn ich Kleider oder Röcke trug, trug ich darunter immer eine kurze Hose, weil ich mich so besser fühlte. Aber irgendwie fühlte ich mich nie ganz wohl. Dann fing ich an, Selfies zu machen, auf denen es aussah, als hätte ich kurze Haare. Sie abzuschneiden traute ich mich aber nicht.

Ich achtete nicht so sehr auf mein Aussehen wie andere. Hauptsache, es war bequem und man konnte sehen, dass ich weiblich war. Wo andere sich schminkten, alles perfekt sitzen, das Outfit perfekt passen und die weiblichen Vorzüge betont werden mussten, war mein Zopf, den ich fast immer trug, halb aufgelöst, mein Gesicht ohne einen Hauch von Schminke und ich trug auch gern nur einfache Shirts oder einen Pulli und eine relativ gut dazu passende Hose. Das reichte. Es musste keine hautenge Jeans oder eine super kurze Hose sein. Das Motto lautete: bequem und warm beziehungsweise luftig genug für das Wetter.

Also da war nun diese Zeit, wo ich über mich und meinen Körper nachdachte. Was bin ich? Der Tag kam, an dem ich meine Haare abschnitt. Ich sah in den Spiegel und nach dieser langen Zeit war ich mir sicher: Ich bin ein Junge!

Ich lief durch die Stadt und ging in ein Schuhgeschäft, um nach ein paar neuen Stiefeln zu suchen. In dem Gang stand ein Ehepaar. Als ich an ihnen vorbei wollte, drehte sich die Frau zu ihrem Mann und sagte: „Schatz, der Junge möchte durch.“ Ich beschwerte mich nicht, ich sagte nicht, dass ich eigentlich ein Mädchen sei. Nein. Ich lächelte, bedankte mich und ging weiter. Es war ein tolles Gefühl. Ich freute mich, dass sie mich als Junge bezeichnet hatte. Auch in der Schule nannten mich viele aus Spaß einen Jungen, aber das machte nichts. Ich fühlte mich wohl damit. Denn ich bin ein Junge. Einer, der nun mal den Körper eines Mädchens hat.

Zu diesem Zeitpunkt wussten nur meine besten Freunde darüber Bescheid. Keiner von ihnen verurteilte mich oder hatte ein Problem damit. Einige unterstützten mich sogar und gaben mir Kraft, als ich mich bei meinen Eltern outete. Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, wie sie reagieren würden. Ein Outing ist ein großer Schritt. Dazu kommt noch, dass man sich des öfteren noch erklären muss. Warum ist das so? Wie kamst du darauf? Leider hört man auch davon, dass die Eltern das nicht akzeptieren und es den Personen deshalb nicht gut geht, weil sie sich zu Hause nicht mehr wohlfühlen oder sogar rausgeschmissen werden.

Man muss es nicht immer verstehen, warum jemand so fühlt. Das geht auch nicht. Aber man sollte es wenigstens akzeptieren und die Personen unterstützten. Meine Eltern akzeptieren, dass ich transgender bin. Sie meinten nur, ich solle einfach glücklich sein, und wenn das bedeutet, dass ich als Junge leben möchte wäre das so.

Momentan bin ich schon bei weiteren Leuten geoutet. Viel verändert hat sich leider noch nicht. Aber das geht nun mal nicht von heute auf morgen. Man muss sich gedulden. Schließlich kann ich von keinem erwarten, dass er mich sofort Jonas nennt. Trotzdem freue ich mich bei jedem, der es versucht. Von den meisten werde ich immer noch bei meinem Geburtsnamen gerufen. Ich hoffe, irgendwann eine Therapie anfangen und dann männliche Hormone nehmen zu können. Über eine Geschlechtsumwandlung bin ich mir noch nicht sicher. Aber alles in allem bin ich erst mal zufrieden. Nicht bei jedem verläuft das Outing bei den Eltern so gut, deshalb ist damit immer eine große Angst verbunden. Aber ich bin froh, diesen Schritt getan zu haben.

Nicht nur ich fühle so. Überall gibt es Menschen, die transgender sind. Manche haben es nicht leicht. Anderen hingegen ergeht es besser. Oft bekommt man zu hören, dass das bestimmt nur eine Phase wäre. Jedoch ist es keine Phase. Es gibt Menschen, bei denen die Geschlechtsidentität wechseln kann. Diese nennt man aber „genderfluid“. Man sollte jeden ernst nehmen. Egal, zu welchem Geschlecht er gehört und wie er sich identifiziert. Auch wenn ich als Junge leben möchte, bin ich trotzdem ein und derselbe Mensch. Das einzige, was sich für meine Umwelt ändert, sind Pronomen, der Name und auch vielleicht das Aussehen. Meine Persönlichkeit ist noch genau wie zuvor. Jeder sollte akzeptiert werden, keiner ist weniger wert und jeder sollte so leben können, wie er möchte, ohne deshalb beleidigt oder verachtet zu werden.

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