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Noch hängt sein Name nicht an der Rückwand mit den Nominierungszetteln, aber bald wird er an der ersten Stelle stehen: Der 19 Jahre junge Samuel Kramer beim Slammen im Frankfurter Café 1.

Poetry-Slammer

Wettstreit auf der Dichterbühne

Es geht um Sieg oder Niederlage. Man lebt aus dem Koffer und ist oft weit von zu Hause entfernt. Wie geht man als reisender Dichter mit Freundschaften um? Wir haben mit den Slammern Lars Ruppel und Samuel Kramer über den Wettstreit auf der Bühne, Teamfähigkeit und gelingende Freundschaft gesprochen.

Von STELLA STEIDEL

„Als reisender Poet Freundschaften zu bewahren, ist so wie bei jedem Handelsreisenden: ganz schön schwierig“, sagt Lars Ruppel, amtierender Vizemeister im deutschen Poetry-Slam und einer der bekanntesten Vertreter seines Genres. Der 1985 im hessischen Gambach geborene Slammer hat derzeit bis zu zehn Auftritte pro Woche – in ganz Deutschland. Natürlich sind so viele Reisen strapaziös, Beziehungen aufrecht zu erhalten, ist nicht leicht. Doch Ruppel sagt: „Das stört mich nicht.“ Seine Freundeskreis wisse, wie sehr der erfolgreiche Dichter und Workshopleiter beschäftigt sei und passe sich dementsprechend an: „Die meisten Freunde aus dem Slam-Bereich haben ja genau das gleiche Problem“, sagt er.

Das stimmt. Das ständige Reisen für die Dichtkunst kennt auch sein junger Kollege Samuel Kramer. Mit seinen 19 Jahren ist der gebürtige Offenbacher, der nach einem Einser-Abitur ein Germanistik-Studium in Frankfurt begonnen hat, jede Woche mindestens einmal in einer anderen Stadt. Wir trafen ihn vor einem Auftritt im Café 1 der Frankfurter Fachhochschule, zu dem er ausnahmsweise nur eine kurze Anreise hatte.

Der Frankfurt-Slam dort hat eine lange Tradition. Dirk Huelstrunk gründete ihn vor nunmehr 18 Jahren und hat ihn, wie er sagt, „zur Volljährigkeit geführt“. Ein guter Zeitpunkt, um von der Bühne zu treten, zumal der selbsternannte „Slampapi“ mittlerweile andere Wege eingeschlagen hat. Huelstrunk: „Längst ist Poetry Slam kein Underground-Phänomen mehr, sondern Teil der deutschen Pop-Kultur mit allen Vor- und Nachteilen. Ein bisschen stolz sind wir aber schon, dass das Schreiben von poetischen und literarischen Kurztexten bei Jugendlichen wieder ,in‘ ist und dass es ,cool‘ sein kann, zu einer literarischen Veranstaltung zu gehen. Das wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen.“

Samuel Kramer ist schon häufiger beim Frankfurt-Slam aufgetreten. Aufgeregt ist er trotzdem, denn heute will er mit einem ganz frischen und neuen Text das Publikum für sich gewinnen. Er ist ohne Begleitung zu seinem Auftritt gekommen – und dennoch nicht ohne Freunde. Denn die meisten der auftretenden Künstler kennt er, einige von ihnen würde er auch als echte Freunde bezeichnen.

Trotz des zeitintensiven Hobbys und seinem Germanistikstudium falle es ihm nicht schwer, die Beziehung zu seinen Freunden außerhalb der Szene zu halten, sagt er. Mit drei seiner besten Freunde wohnt er in einer WG, „das macht es logistisch schon mal einfacher“, schmunzelt er. Außerdem hat er es sich zum Grundsatz gemacht, sich manchmal gezielt private Aktivitäten vorzunehmen statt noch einen Abend zu slammen: „Normalerweise könnte mein Pensum noch viel höher sein.“ Beiderseitiges Engagement und das Wissen, dass man sich aufeinander verlassen kann, halte eine Freundschaft langfristig zusammen, glaubt Samuel: „Auch wenn mein bester Freund und ich uns mal einen Monat lang nicht gesehen haben, spontan um drei Uhr Nachts vor der Tür zu stehen, ist bei uns noch drin.“

Lars hingegen findet, sich aufeinander verlassen zu können, sei in einer Freundschaft nicht der entscheidende Punkt: „Es ist leicht zu sagen, dass ein Freund immer für einen da ist, wenn was ist. Aber das sollte generell jeder Mensch für jeden sein, das ist kein besonderes Zeichen für Freundschaft.“ Dabei unterscheidet er bewusst zwischen „echter Freundschaft“ und jenen Freundschaftsvorstellungen, die die klassischen „Fünf-Freunde“-Hörspiele oder Kinderbücher wie „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ vorspielten: „Ich glaube, das sind alles Utopien. Ich finde nicht, dass in einer Freundschaft alles immer so eng sein muss.“ In einem allerdings sind sich Lars und Samuel einig: „Gegenseitige Aufrichtigkeit“ ist ihnen besonders wichtig. Und Lars sagt: „Man sollte sich nicht nur des Treffens willen treffen.“

Aufrichtigkeit spielt auch in der Slamszene eine große Rolle. Die zwei Künstler finden allerdings, es fehle manchmal die Fähigkeit, Kritik anzunehmen. Kritik werde häufig der Freundschaft wegen nicht geäußert, haben sie festgestellt. Dabei halten sie beide, wie sie unabhängig voneinander sagen, ehrliche und ernstgemeinte Kritik für sehr wichtig.

Samuel hat gleich ein Beispiel parat: „Tatsächlich hat ein Slam-Kollege von mir zu dem Text, den ich heute vortrage, ein paar Anregungen gehabt, und ich hab’ mir die Kritik zu Herzen genommen und die Stelle dementsprechend geändert. Denn er hatte wirklich Recht.“

Unter der Voraussetzung, offen und kritisch zugleich miteinander sprechen zu können, kann sich Samuel auch sehr gut vorstellen, einmal mit einem Team anzutreten -– auch wenn er von sich selbst glaubt, in dieser Hinsicht „vermutlich nicht der Einfachste zu sein“. Er sei „sehr perfektionistisch“ und habe stets hohe Ansprüche an die eigenen Texte. Samuel ist locker genug, um solche Dinge sagen zu können, ohne dass es im geringsten angeberisch klingt.

Das Problem kennt auch Lars zu gut: Obwohl auch er sich für „absolut nicht teamfähig“ hält, war er schon in einigen Teams vertreten – Slam-Experten kennen Namen wie „Erzfreunde“, „Botter melk Fresch“ oder den der literarischen Bühnen-Boygroup „Smaat“.

Die Team-Erfahrungen haben ihn gelehrt: „Ein Team sollte man nur dann gründen, wenn man sich wirklich gut untereinander versteht.“ Es sei ein sehr belastender und intensiver Prozess, bei dem es zu sehr vielen Reibungspunkten komme. Wenn dieser Prozess aber vorbei ist und ein toller Text entstanden ist, erwartet einen eine tolle gemeinsame Zeit.

Dass eventuell der Einzelwettkampf zu Konflikten mit Slam-Freunden führen kann, weil der gute Freund besser abschneidet als man selbst, glaubt Samuel nicht. „Eher im Gegenteil“, meint er: „Wenn ich die Person hinter dem Text gut kenne, weiß ich das Geschriebene mehr zu schätzen und freue mich über die gute Wertung. Da ist der Wettbewerb eher weniger wichtig.“ Lars kann dem nur zustimmen: „Bei normalen Wettbewerben ist das wie beim Hallenturnier unter Stammtischfreunden – die Platzierung interessiert eigentlich niemanden.“ Bei größeren Aufträgen kenne er allerdings inzwischen die Tendenz, dass Freundschaften kurzzeitig pausieren, wenn Freunde als ernstzunehmende Konkurrenten oder Mitbewerber auf die Bühne treten.

Inzwischen ist es im Café 1 schon sehr spät geworden, die Stimmung ist ziemlich ausgelassen. Mehr als 250 Menschen drängen sich in dem übervollen Raum, um den zwölf Spontan-Poeten des heutigen Abends zu lauschen. Samuel tritt bereits wieder von der Bühne, hinein in die klatschende und polternde Menge – keine Spur mehr von Lampenfieber. Er wird als Sieger nach Hause gehen.

Mit seinem neuen Vortragskunstwerk hat er das Publikum überzeugt. Vielleicht hat auch die Bemerkung des Kollegen zu Samuels Text seinen Teil dazu beigetragen. Samuel fläzt sich auf das Sofa zwischen die anderen Slammer, die ihn umarmen und ihm ihre Glückwünsche aussprechen. Er strahlt und sagt er: „Im Grunde ist die Welt schon besser, wenn man offen miteinander umgeht.“

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