+
Launiger Streitschlichter im Parlament und Politiker mit Bodenhaftung: Norbert Kartmann, wie man ihn auch im Landtag kennt.

Interview mit Norbert Kartmann

„Wir lachen zu wenig im Parlament“

  • schließen

Um ein 110-köpfiges Parlament zu lenken, braucht es Autorität, Fingerspitzengefühl und eine Prise Humor. All das zeichnet Norbert Kartmann aus. Seit 15 Jahren steht der CDU-Politiker als Parlamentspräsident an de Spitze des Landtags. Klaus Späne sprach mit dem 69-jährigen Wetterauer über hitzige Debatten, penetrante Störmanöver und die politische Zukunft nach der Landtagswahl.

Herr Kartmann, wie ist es, ein Parlament mit 110 Abgeordneten zu lenken – fühlt sich das manchmal an wie ein Lehrer, der vor der Klasse steht?

NORBERT KARTMANN: Das ist immer abhängig von der Person, die da oben sitzt. Ich bin halt nun mal Lehrer. Wenn ich gute Laune habe, rede ich von der größten Lerngruppe, die ich je gehabt habe. Aber das sind erwachsene Menschen, Kollegen, wir haben uns gegenseitig mit dem nötigen Respekt zu begegnen. Ich habe dafür zu sorgen, dass die Sitzung durchgeführt wird. Da kann man nicht davon reden, dass es ein Gefühl ist wie bei den Lehrern. Allerdings ist klar: Jede Führung von Gruppen, egal welcher Form, bedarf gewisser Techniken und Erfahrung. Die habe ich in meinem Beruf gemacht.

Und das kommt Ihnen im Parlament zugute?

KARTMANN: Das kommt mir zugute, aber es ist nicht so, dass ich mich wie in der Schule verhalte. Ich ermahne, ich tadele, auch wenn das bei uns anders heißt. Mein Beruf, den ich erlernt habe, nachdem ich kein Bauer wurde, ist Lehrer, speziell für Haupt- und Realschulen. Das heißt aber auch, sich einer Sprache zu bemächtigen, die verstanden wird. Ich spreche daher sehr einfach nach dem Motto „wenn du nicht verstanden wirst, ist jede Rede für die Katz“.

Wie ordnen Sie das aktuelle Parlament ein – eher gut zu führen oder eine schwierige Rasselbande?

KARTMANN: Ich finde, dass es gut zu führen ist. Aber es gab schwierigere Zeiten im Hessischen Landtag. Als ich fünf Jahre lang Fraktionsvorsitzender war, war es bedeutend schwieriger. Damals prallte alles aufeinander aufgrund der Tatsache, dass die hessische CDU eine Krise durchmachte. Aber ansonsten fand ich das Parlament immer als gut führbar.

Sie spielen auf die erste Zeit unter Roland Koch an?

KARTMANN: Es waren die ersten vier Jahre der Regierung Roland Koch und Ruth Wagner im Zusammenhang mit dem Spendenskandal der CDU. Das war wirklich kompliziert. Da sind die heutigen Parlamentssitzungen teilweise laue Lüftchen dagegen.

Es gibt das berühmte Zitat von Joschka Fischer „Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch, Herr Präsident“, gerichtet an den Bundestagspräsident Richard Stücklen im Jahr 2004. Haben Sie schon mal etwas Ähnliches im Landtag erlebt?

KARTMANN: Nein, das habe ich in dieser extremen Form noch nicht erlebt.

Wie würden Sie Fischer charakterisieren: Gehörte er eher zu den Rüpeln im Parlament?

KARTMANN: Als Rüpel in dem Wortsinn, wie ich es kenne, habe ich keinen Abgeordneten erlebt. Ich habe Hartgesottene erlebt, Polemiker der strengsten Art und Menschen, die mit ihrer Rhetorik sogar Polemik gut verkaufen konnten. So einer war Fischer.

Wie steht es um das rhetorische Niveau im heutigen Parlament?

KARTMANN: Es ist ein rhetorisch nicht schlechtes Parlament. Es ist ein Gott sei Dank nicht emotionsfreies Parlament, das wäre ja fürchterlich. Insofern komme ich gut zurecht mit ihm.

Wie gehen Sie mit Zwischenrufen um?

KARTMANN: Es kommt auf den Inhalt an. Persönliche Animositäten oder Beleidigungen werden sofort geahndet, oder sie werden aus dem Parlament heraus geahndet, wenn um Unterbrechung gebeten wird. Das haben wir ab und zu, aber die Zeiten vieler Unterbrechungen sind lange vorbei.

Erinnern Sie sich an besonders witzige Störmanöver?

KARTMANN: Auch das notiere ich nicht. Aber wir lachen auch mal im Parlament, wenn auch viel zu wenig.

Sind Ihnen böse Zwischenrufe im Gedächtnis haften geblieben?

KARTMANN: Nein, das haben wir wahrscheinlich irgendwo abgeheftet. Es gibt aber eine Grundregel von Anstand unter den Menschen, die wir uns auferlegen. Das kann man übertragen auf das parlamentarische Leben. Ob diese eingehalten wird, ist eine Einschätzung, die der jeweilige Sitzungsleiter treffen muss. Ich habe fünf Kollegen, und alle haben den kulturellen Hintergrund, um einen Zwischenruf beurteilen zu können. Da gibt es natürlich Bandbreiten, aber die Leitplanken sind relativ klar gezogen.

Welche Macht haben Sie als Parlamentspräsident, wenn es mal hart auf hart kommt?

KARTMANN: Wir haben nur wenig Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen. Ich habe die Möglichkeit des Ordnungsrufs oder jemandem das Wort zu entziehen. Aber dazu greift man sehr selten. Der Ordnungsruf ist hingegen häufiger. Wir haben uns aber angewöhnt, ohne dass es in der Geschäftsordnung steht, auch zu mahnen und zu ermahnen. Das ist glaube ich die bessere Methode, als jedes Mal einen Ordnungsruf auszusprechen.

Und wenn jemand partout nicht hören will, schließen Sie dann aus?

KARTMANN: Einmal habe ich das in der vergangenen Legislaturperiode gemacht. Da habe ich fünf Parlamentarier der Linken aus dem Sitzungssaal gewiesen. Gleichzeitig noch eine Gruppe von Gästen, die inhaltlich einer Meinung waren mit den Linken; denen habe ich Hausverbot erteilt.

Was war der Grund für den Rausschmiss der Linken-Politiker?

KARTMANN: Sie hielten während der Rede eines ihrer Kollegen Plakate hoch. Ich habe die Sitzung unterbrochen und sie gebeten, die Plakate runterzunehmen. Als sie nicht reagierten, musste ich sie des Saales verweisen. Genau das wollten sie, ist doch klar. Das Hausverbot habe ich später wieder aufgehoben, und den Vorsitzenden der Gewerkschaft treffe ich heute ab und zu.

Wo liegt generell die rote Linie von Norbert Kartmann?

KARTMANN: In jeder Form von Äußerungen, die unhistorisch sind, vor allem falsche Vergleiche in der Geschichte, Antisemitismus, jede Form der Relativierung von Terror und Gewalt. Da ist die Grenze.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Werden Sie auch nach der Landtagswahl im Herbst Landtagspräsident bleiben?

KARTMANN: Das ist entschieden. Ich habe mich noch einmal von meiner Partei in der Wetterau nominieren lassen. Und ich habe dem Ministerpräsidenten mitgeteilt, dass ich in der nächsten Periode nicht mehr für das Amt des Präsidenten zur Verfügung stehe. Ich habe jetzt 15 Jahre auf dem Buckel, das ist genug.

Schwergefallen die Entscheidung?

KARTMANN: Nein, es hat Zeiten gegeben, wo es mir zugegebenermaßen schwergefallen wäre. Ich habe ja noch eine schöne Aufgabe: Ich kehre zurück in die Reihen der Parlamentarier. Ich kann dann auch wieder politisch agieren und werde mich mit Fragen beschäftigen, die etwas zu tun haben mit sozialer Politik, mit älteren Menschen. Ich bin ja der Vorsitzende der Senioren-Union. Das heißt, ich habe ein breites Feld von künftigen Möglichkeiten. Ich habe das meiner Frau erzählt, und ich bin mit mir im Reinen. Ich bin froh darüber, dass ich diese lange Zeit geschafft habe. Jetzt habe ich große Lust wieder auf die hintere Bank im Parlament.

Zwischenzeitlich haben Sie mit dem Gedanken gespielt, nicht mehr für den Landtag anzutreten und haben dann die Entscheidung revidiert. Wie kam es dazu?

KARTMANN: Ich habe es meinem damaligen Stellvertreter zugesagt, dass wir wechseln. Nun ist der mir abhandengekommen. Das heißt, ich habe meiner Partei überhaupt nichts gesagt und auch nichts versprochen, sondern das war intern, wobei das jeder wusste. Dieser damalige Stellvertreter und Ersatzkandidat ist heute Landrat im Wetteraukreis. Da habe ich mir es noch mal überlegt und gesagt, dann machst du halt als Abgeordneter weiter. Es war aber kein Wortbruch, sondern eine persönliche Zusage, die wir in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst haben.

Dennoch gab es auf dem Nominierungsparteitag der CDU heftige Kritik an Ihnen. Hat Sie das getroffen?

KARTMANN: So tief wie selten eine. Meine Frau noch mehr. Man kann Kritik abbekommen, aber zehn Minuten Beleidigungen in einer Tour, wie dort vorgekommen, das war schon sehr schmerzhaft.

Schlimmer als im Parlament?

KARTMANN: So etwas würde ich schon nach dem dritten Satz unterbinden. Das war teilweise wirklich übel. Nachtragen heißt nicht mehr schön leben zu können.

Nach den Wahlen wird sich wahrscheinlich einiges im Parlament ändern. Sie dürften Ihren Nachfolger nicht gerade beneiden…

KARTMANN: Also ich beneide den Landtag nicht, dem ich, wie ich hoffe, angehören werde. Ich bin in großer Sorge und werde alles dafür tun, dass das zu befürchtende Ergebnis nicht stattfindet – und zwar mit allen Parlamentariern, die jetzt dort sitzen. Aber es wird nicht einfach werden. Dennoch glaube ich, dass der große Konsens aller im Endeffekt dazu führen wird, dass der Parlamentspräsident die Sache besser im Griff haben wird, als wenn die sich vernetzen würden. Meine Grundhaltung ist: keine Radikalismen, von rechts schon gar nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare