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Von Schülern interviewt zu werden, war eine neue Erfahrung für die Bank-Chefin. Sie war begeistert.

Volksbank-Chefin

Wunsch-Weber: Mein Weg an die Spitze

Eva Wunsch-Weber ist die Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Volksbank, der größten Volksbank in Hessen. Mit ihr sprachen wir über Werte, die beruflich und privat für sie eine große Rolle spielen. Sind Banker wirklich vor allem egoistisch und profitgierig?

Frage: Wussten Sie mit 17 schon, was Sie später einmal machen wollen?

Wunsch-Weber: Ich wusste zwar schon, was mir für mein Leben wichtig ist, aber in welchen Berufszweig ich gehen möchte, das wusste ich mit 17 Jahren noch nicht. Ich hatte eine humanistische Schulbildung, was auch bedeutet, dass man nicht so klar auf eine Richtung fokussiert wird. Es hat sich dann herauskristallisiert, dass ich etwas machen möchte, bei dem ich mit Menschen zu tun habe und was nahe am Leben und der Realität ist. Ich wollte auch an einer Stelle sein, wo Dynamik herrscht und ich selbst gestalten kann. Ich war mir noch nicht sicher, ob Wirtschaft das ist, was meinen Vorstellungen entspricht. Deshalb habe ich mich entschlossen, zunächst eine Lehre zu machen, um ein Unternehmen von innen kennenzulernen. Ich habe dann bei einer Bank eine Ausbildung absolviert und dabei festgestellt, dass ich Spaß an der Arbeit habe und diese mir auch liegt.

Als ich die Lehre abgeschlossen habe, war ich gerade 21. Zwar bot mir auch mein Ausbildungsbetrieb hervorragende Karrierechancen, doch ich verließ das Unternehmen erst einmal, um ein Studium zu beginnen. Denn das bietet noch einmal ganz andere Freiheiten und Chancen. Nach dem Studium war ich dann insofern gefestigt, als dass es für mich klar war, ich möchte in die Bank zurück. Ich habe allerdings während meines Studiums zahlreiche Praktika absolviert und so auch viele Eindrücke von anderen Wirtschaftsunternehmen gewonnen, die nichts mit Banken zu tun haben. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, als junger Mensch diese Chancen zu nutzen, denn mit Mitte 30 ist es viel schwieriger, sich beruflich noch einmal komplett neu zu orientieren. In diesem Selbstfindungsprozess ist es wichtig, auf sich und sein Bauchgefühl zu hören, denn der Beruf ist zwar nicht das ganze Leben, aber doch ein beträchtlicher Teil davon.

Hatten ihre Eltern in Bezug auf die Vermittlung von Werten und Idealen Einfluss auf ihren Werdegang?

Mein Vater war selbst Banker. Aber gerade deswegen hat er sich möglichst wenig eingemischt. Im Nachhinein finde ich das wichtig. Meine Mutter war übrigens Lehrerin, diese Option hat mich durchaus auch gereizt. Meine Eltern haben mir immer klar gesagt, dass es mein Leben ist und ich diese Entscheidungen selbst treffen muss.

Ein Elternhaus, egal welcher Natur, ist immer prägend. Wir waren eine sehr diskussionsfreudige Familie und die Entscheidung, welche Werte ich annehme, wurde stark durch Diskussionen am Abendbrottisch geprägt. Miteinander reden und dadurch herauszufinden, was richtig und was falsch ist, war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Der erhobene Zeigefinger nützt dagegen in meinen Augen eher weniger.

Welcher Wert steht für Ihren Erfolg.?

Ich glaube, dass es nicht den einen Wert gibt, sondern verschiedene, die für die eigene Persönlichkeit besonders wichtig sind. Bei mir sind das vor allem Vertrauen und Verlässlichkeit, aber auch Ehrlichkeit, Loyalität, Leistungsbereitschaft und nicht zuletzt Fairness. Das ist ein Wertekanon, der für mein Tun, aber auch für die Gesellschaft oder ein Unternehmen wichtig ist.

Werte sind für mich eine Art Leitplanke. Es gibt also Begrenzungen links und rechts, über die man in seinem Leben nicht hinausschießen sollte. Auch in einem Unternehmen gibt es Werte, die gemeinsam gelebt werden. Wichtig ist für mich, dass sich die in einem Unternehmen vertretenen Werte mit den meinigen decken.

Kann es manchmal auch legitim sein, unehrlich zu sein, etwa wenn es für den Unternehmenserfolg nützlich ist?

Nein. Das ist in meinen Augen auch eine Lehre aus der Finanzkrise 2008. Unehrlich sein nur für den Unternehmenserfolg ist für mich gleichbedeutend mit Profitgier. Die Geschichte, aber eigentlich schon der gesunde Menschenverstand lehren, dass diese Unehrlichkeit einen früher oder später einholt. Nicht umsonst gibt es das deutsche Sprichwort „Ehrlich währt am längsten“. Wir haben beispielsweise auch einen Compliance-Officer, dessen Aufgabe es ist, die Werte, über die wir hier sprechen, im Unternehmen zu implementieren und darauf zu schauen, dass sie beachtet werden. In unserem Unternehmen steht Ehrlichkeit an erster Stelle.

Noch einmal zusammengefasst: Nein, es nützt nichts unehrlich zu sein, sondern es schadet einem auch persönlich immens. Man sollte jeden Tag guten Gewissens in den Spiegel schauen können.

Welche Verantwortung haben Sie gegenüber Ihren Kunden, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit?

Meinen Mitarbeitern muss ich keine Werte mehr beibringen, sie haben diese genauso verinnerlicht wie ich. Wenn Sie sich später mal bei einem Unternehmen bewerben, werden Sie schon im Auswahlverfahren merken, ob die dort vorhandenen Wertvorstellungen zu Ihnen passen. So finden sich über die Zeit in einem Unternehmen Menschen zusammen, die ähnliche Wertvorstellungen haben. Die Frankfurter Volksbank als Genossenschaftsbank ist beispielsweise urdemokratisch, das heißt, jedes Mitglied ist Teilhaber und hat die gleichen Rechte.

Wenn Menschen zu uns kommen und uns vertrauen, bedeutet das in der Praxis, dass sie uns Geld geben. Sie erwarten dafür aber auch, dass sie das Geld zurückbekommen und Produkte erhalten, die zu ihren jeweiligen individuellen Bedürfnissen passen. Die Grundlage dafür ist eine gute und ehrliche Beratung, die für uns von höchstem Wert ist.

Als wie risikobereit würden Sie Ihr Unternehmen bezeichnen?

Wir sind sehr konservativ. Damit sind wir übrigens zu einer der ertrag- und kapitalstärksten Banken in Deutschland geworden. Unser Geschäftsmodell, das auf Werten wie Solidität, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit fußt, lohnt sich also tatsächlich. Denn wenn Sie an einer vertrauensvollen Partnerschaft mit Kunden interessiert sind, ist das langfristig angelegt und zielt nicht auf Kurzfrist-Effekte ab.

Wir setzen auf Ehrlichkeit gegenüber den Kunden, wollen sie mit Leistungsbereitschaft überzeugen und mit Freundlichkeit und Respekt behandeln. Was bei uns im Hause auch sehr wichtig ist: Niemand verfolgt Einzelziele. Bei uns gibt es nur Ziele auf Team-Ebene.

Auf welche Eigenschaften legen Sie besonders Wert, wenn Sie Azubis auswählen, oder überhaupt Leute einstellen?

Wir suchen offene, ehrliche Menschen, die an einer Ausbildung oder Tätigkeit in einer Genossenschaftsbank Lust haben. Viele Leute, die wir einstellen, sind sportlich, denen muss niemand erklären, was Fairness bedeutet. Wir legen auf solche menschlichen Eigenschaften großen Wert. Unsere Ausbilder machen beispielsweise keine Assessment-Center, sondern unterhalten sich mit den Bewerbern.

Was müssen Frauen tun, um so erfolgreich zu werden wie Sie?

Ich bin mit einem Bruder und einer Schwester aufgewachsen. In unserer Erziehung wurde nie nach Geschlechtern unterschieden. Ich denke, dass es wichtig ist, jungen Mädchen und Frauen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, dass heute alle Türen offenstehen. Genauso wie jungen Männern natürlich. Junge Männer sind häufig experimentierfreudiger und stoßen sich auch eher mal die Nase blutig. Wir Frauen überlegen erst, was alles passieren könnte. Frauen sollten herausfinden, worauf sie Lust haben, und das dann auch wagen. Ihre Generation hat es da vermutlich noch viel einfacher, weil Frauen in Führungspositionen langsam keine Seltenheit mehr sind.

Haben Sie jemals an sich gezweifelt?

Ich denke, Selbstreflexion und Zweifel gehören dazu. Wer nicht irgendwann mal seinen inneren Kritiker hervorruft, um sein Handeln zu hinterfragen, ist fehl am Platz. Mit Selbstherrlichkeit oder auch Arroganz steht man sich und den Werten, die man leben will, im Weg. Es gehört auch zu einer Führungsrolle dazu, sich das eigene Spiegelbild vorzuhalten.

Mit dem Wissen von heute, was hätten Sie in Ihrem Leben anders gemacht?

Ich glaube, der Gebrauch von „hätte, wenn, könnte“ ist falsch. Man kann ja sein Leben auch nicht zurückdrehen. Es ist dennoch wichtig, gelegentlich auf die Zwischenbilanz seines Lebens zu schauen: Mein berufliches wie auch mein privates Leben gehören in dem Kontext zusammen. Ich kann von mir behaupten, glücklich verheiratet zu sein, gute Freunde, eine nette Familie und einen tollen Job zu haben. Es wäre vermessen, da nach kleinen Momenten zu suchen, in denen ich meine Taten nachträglich hätte ändern wollen.

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