Integration

Zwei Flüchtlinge erzählen von Erfahrungen mit Unterschieden

„Die Deutschen sagen immer: Zeit ist Geld.“ Das berichtet ein junger afghanischer Flüchtling, der seit circa zwei Jahren in Bad Vilbel lebt. Sind Werte überall gleich oder gibt es große Unterschiede in den Kulturen? Zwei Flüchtlinge und ein Hausbesitzer, der an Geflüchtete aus Pakistan vermietet, geben dazu nähere Einblicke.

Ali stammt aus Eritrea und ist 23 Jahre alt, er arbeitet bei einer Vilbeler Bäckerei. Vor gut zwei Jahren kam er alleine, ohne Gepäck, nach Deutschland. Eines Nachts wartete er, bis es ruhig war und stahl sich heimlich davon. Nach sechs bis acht Stunden hatte er die Grenze zum Sudan erreicht.

Ahmads Geschichte ist anders; der heute 27-Jährige floh aus Afghanistan. Obwohl die beiden aus verschiedenen Regionen kommen, haben sie eines gemeinsam: Beide müssen in Deutschland noch einmal ganz von vorne anfangen. Das ist gar nicht so einfach, denn Deutschland unterscheidet sich zu stark von Eritrea und Afghanistan.

Ein wesentlicher Unterschied für die beiden ist die Bedeutung der Zeit in Deutschland. Den jungen Menschen ist aufgefallen, dass die Leute hier sehr viel Wert auf Pünktlichkeit legen und es unhöflich ist, wenn man zu spät kommt. Ahmad ergänzt, „Unpünktlichkeit ist unhöflich.“ Er wusste nicht, dass Pünktlichkeit gleichbedeutend mit Zuverlässigkeit ist. Der Umgang mit Zeit ist in Afghanistan anders.

Außerdem ist den beiden aufgefallen, dass „Faulheit“ nicht besonders gut aufgenommen wird. Zeit ist Geld, wer seine Zeit vertrödelt, ist nutzlos.

Während die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau hier eine große Errungenschaft ist, haben die Frauen in Afghanistan noch wenig Rechte. So müssen sie erst um Erlaubnis fragen, wenn sie einen Mann heiraten wollen und dass Frauen Auto fahren, wird auch nicht gerne gesehen, erklärt Ahmad. Da die Frau generell abhängig vom Mann ist, braucht sie zum Beispiel eine Erlaubnis von ihrem Ehemann oder Bruder, um wegzufahren. Während es hier vollkommen normal ist, wenn Paare sich in der Öffentlichkeit küssen, wäre das in Eritrea ein großer Fehler. Wenn man verliebt ist, kann man sich zwar in der Öffentlichkeit treffen, in einem Café zum Beispiel, aber küssen darf man sich nicht. Vielleicht auf die Stirn, wenn überhaupt, sagt Ali.

Unter anderem wird in Ländern wie Afghanistan und Eritrea teilweise auch vorgeschrieben, wie man sich zu kleiden hat: Bei Familientreffen darf man als Mann nur lange Hosen anziehen. Das ist in dem Sinne aber keine Einschränkung, sondern gehört zum guten Ton. Sowohl in Eritrea als auch in Afghanistan erkennt man an der Kleidung, welchem Stamm man angehört.

Die persönliche Freiheit ist in Deutschland sehr wichtig. Man darf sich öffentlich küssen, mit zerrissenen Jeans herumlaufen und weltweit verreisen. In Eritrea ist den Menschen die Ausreise verboten. Und trotzdem sitzt Ali hier, obwohl es so schwierig und gefährlich ist, Eritrea zu verlassen, hat er es nach Deutschland geschafft.

In Eritrea hat Ali sich nicht mehr sicher gefühlt. Er findet es gut, dass man hier sagen kann, was man will. In Eritrea haben die meisten Leute keine eigene Meinung, denn das ist gefährlich; es gibt keine Pressefreiheit. Man kann zwar fernsehen und Radio hören, aber es gibt auch verbotene Sender. Beispielsweise die von der Terrororganisation Boko Haram, die so ihre Propaganda verbreitet. Außerdem haben sie ihre eigene Partei und können so auch auf die Politik einwirken.

Ali ist froh, in Deutschland zu sein. In seiner Heimat Eritrea kann man zwar in die Schule gehen, aber nur bis zur achten Klasse. „Egal, ob man in der Schule war oder nicht“, sagt der 23-Jährige. „Und wenn man 18 ist, muss man zum Militär. Aber man bekommt kein Geld.“ Wie eine Art Dienst am Staat ist das. „Deshalb bin ich hier. Ich wollte nicht.“

Eine weitere Schwierigkeit ist es, hier Wohnraum zu finden. Neun Pakistani haben es trotzdem geschafft: Jan H. vermietet ein Haus im Main-Kinzig-Kreis, in dem sie in einer Wohngemeinschaft leben. Auch der Vermieter hat seine Erfahrung mit unterschiedlichen Kulturen gemacht. Denn nach einigen Vorfällen haben sich beide Seiten miteinander arrangiert und Lösungen gefunden. Bis dahin war es allerdings ein langer Weg.

Da alle Mitbewohner aus Pakistan kommen, könnte man meinen, das Zusammenleben wäre leicht. Doch die neun Männer stammen aus unterschiedlichen Regionen, gehören verschiedenen Stämmen an, sprechen unterschiedliche Dialekte und verstehen sich daher kaum.

Wegen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ist auch das Auftreten der Männer sehr verschieden; und das führte zu Chaos und Streit im Alltag. „Zwei Kulturen trafen aufeinander und mussten spontan funktionieren. Manche Männer haben ein provokantes Auftreten, andere sind sehr sanftmütig, je nach Stammeszugehörigkeit. Wir haben mittlerweile einen vernünftigen Weg des Umgangs gefunden“, erläutert der Schönecker Vermieter.

Darüber hinaus mussten sich die Pakistani erst daran gewöhnen, Hausarbeit zu erledigen, weil Männer in Pakistan diese Art Arbeit normalerweise nicht übernehmen. Außerdem war neu für sie, dass sie elektrischen Strom und fließend warmes Wasser hatten, was für uns eine Selbstverständlichkeit ist. In diesem Zusammenhang stellte Jan H. fest, dass Frauen von den Flüchtlingen nur in bestimmten Gebieten als Ansprechpersonen akzeptiert wurden: „Leider akzeptieren die pakistanischen Männer auch nur Männer als Ansprechpersonen. Je älter, desto mehr Respekt zeigen sie ihrem Gegenüber. Frauen haben es sehr schwer und werden nur in bestimmten Bereichen als Ansprechpartner akzeptiert.“

Doch nun haben sich fast alle der Pakistani mehr oder weniger in den Alltag hier integriert, weil sie Arbeit gefunden und gelernt haben, sich einem festen Plan mit all seinen Rechten und Pflichten zu fügen. Und mit einiger Hilfe von außen hat sich der Zustand in der WG weitgehend normalisiert, dadurch gibt es auch keinen Ärger mit Nachbarn und dem Vermieter mehr.

Trotz der Schwierigkeiten und der verhältnismäßig geringen Mieteinnahmen würde Herr H. sein Haus aber wieder vermieten, dann allerdings nur für fünf bis sechs Jahre: „Ich wollte helfen und ich glaube, dass man nur etwas bewegt, wenn man selbst einen Schritt aus der Menge derer hinaus tritt, die nur ohnmächtig ihre Hilfsbereitschaft bekundet.“

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