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Der Kroate Ante Rebic legt sich den abgefangenen Ball zum Torschuss zurecht. Foto: Michael Sohn/AP

Fußball-WM 2018

Ante Rebic: Wertvoll in jeder Hinsicht

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Der erste Glückwunsch eines Frankfurter Kollegen im weltweiten Netz ließ nicht lange auf sich warten, prompt nach dem Kunstschuss und kaum dass die Gratulationstour der kroatischen Kollegen auf dem

Der erste Glückwunsch eines Frankfurter Kollegen im weltweiten Netz ließ nicht lange auf sich warten, prompt nach dem Kunstschuss und kaum dass die Gratulationstour der kroatischen Kollegen auf dem Rasen vom Nischni Nowgorod beendet war. „Rebicccccccc brudaaaaaaaa“, twitterte Kevin-Prince Boateng am Donnerstagabend um 21.20 Uhr in überschäumender Begeisterung und im Slang der sogenannten Sozialen Netzwerke über den nächsten Geniestreich von Ante Rebic, seinem Kumpel von der Eintracht, seinem „Bruder“, wie man das heutzutage gerne auch nennt.

Der Frankfurter Pokalheld wird für die hiesige Sportgemeinde und jetzt auch für Kroatien immer wertvoller – in jeder Hinsicht. Nun, da der vor nicht allzu langer Zeit noch ziemlich wankelmütige Stürmer mit seiner ganzen Wucht kräftig mitgeholfen hat, die nächste Größe des Weltfußballs niederzuringen: Vor fast genau einem Monat war Doppeltorschütze Rebic der Matchwinner beim sagenhaften 3:1 gegen den ruhmreichen FC Bayern im deutschen Pokalfinale, nun trug er maßgeblich bei zu der kroatischen Überraschung gegen Lionel Messis Argentinien, im zweiten Gruppenspiel der Weltmeisterschaft. Und hat in dieser Zeit seinen Marktwert ebenso wie bei seinen Bekanntheitsgrad vervielfältigt. „Ehrlicherweise haben wir auch nicht erwartet, dass es so deutlich ausgeht“, räumte der später leicht angeschlagen ausgewechselte Rebic nach dem verblüffenden 3:0 ein, durfte aber zurecht feststellen: „Wir haben ein tolles Spiel gemacht.“

Wieder galt das für ihn selbst besonders, und wieder war er derjenige, der die Tür zum Erfolgsweg öffnete. Auch wieder auf spektakuläre Weise, wie für die Eintracht im Berliner Mai, und das in fast typischer Weise, weil er mit giftigen Störversuchen einen Fehler des Gegners erzwungen hatte. Diesmal wollte Argentiniens Torwart Willy Caballero einen Rückpass über den heranstürmenden Rebic lupfen, doch der künstlerisch wertvolle Versuch geriet zu kurz – und Rebic drosch den Ball aus der Luft in den Torwinkel, zum 1:0 in der 53. Minute, so entschlossen wie man das von ihm auch nicht immer gesehen hat. Viele hätten die Kugel wohl erst angenommen und versucht, den Torwart zu umkurven. Rebic aber wählte das Risiko, mit dem Selbstbewusstsein des Pokalsiegers und nebenbei seinem Sinn für verrückte Momente, und wurde belohnt.

„Ich erwarte immer Fehler von den Gegnern, und ich mache bei jeder Gelegenheit Druck“, erklärte der 24-Jährige. Als Balleroberer hat er auch schon viele Tore für die Eintracht eingeleitet – zuletzt das 1:0 gegen die Bayern, das er nach einem Doppelpass mit Boateng selbst vollendete. In Kroatiens Farben spielt er mit körperbetontem Auftreten neuerdings ebenso eine wichtige Rolle. Deren bestimmende Kräfte sind bei allem Kampfgeist eher Feingeister, in Diensten von Weltclubs – Kapitän Luka Modric von Real Madrid und Ivan Rakitic vom FC Barcelona, die später auch gegen Argentinien trafen. Rebic fügt dieser Mischung die ihm eigene Explosivität bei: Seine Dynamik sieht man selbst auf weltmeisterlichem Niveau nicht oft, das fiel bereits beim 2:0 gegen Nigeria auf.

Den Schwung seiner mitreißenden Pokal-Show hat Rebic einfach mit nach Russland gebracht. Und wenn er an jenem Samstagabend in Berlin erstmals so richtig ins Blickfeld der etwas breiteren Öffentlichkeit stürmte, ist er bei der WM jetzt richtig in der Wahrnehmung der ganzen Fußballwelt angekommen.

Schon seltsam: Diese Entwicklung hätte man vor einem Jahr kaum erahnen können. Und gleichzeitig erstaunt sie gar nicht unbedingt. Schon in seiner ersten Frankfurter Saison deutete Rebic an, welche außergewöhnlichen Talente in ihm stecken, gerade gegen die Großen. Nicht von ungefähr steuerte im mit 1:2 knapp verlorenen Pokalfinale 2017 gegen Borussia Dortmund das Eintracht-Tor bei. Letztlich aber erschien das gesamte Paket den Verantwortlichen zu wacklig, um ihn dauerhaft vom AC Florenz zu verpflichten. „Manchmal hat er Sachen gemacht, die waren Wahnsinn, aber dann hat er mich auch in den Wahnsinn getrieben“, erklärte der damalige Frankfurter Trainer Niko Kovac vor einem Sommer in einem Zeitungsinterview, warum man die Kaufoption seinerzeit hatte verstreichen lassen.

Rebic ist eben ein

Mann der Gegensätze

, ein Draufgänger mit harter Schale, in dem ein sensiblen Kern steckt und der doch so aggressiv aufzulaufen pflegt, auch das gehört zu seinem Spiel. Wie die Nickligkeiten gegen Argentinien, einschließlich eines derben Tritts gegen Eduardo Salvio, für den die Gelbe Karte die Mindeststrafe war. Er schwankte auch lange zwischen Welt- und Kreisklasse, wirkte manchmal fast lustlos, in Übungskicks wie in Ernstfällen gegen nicht ganz so prominente Konkurrenz.

Das aber hat sich im zweiten Eintracht-Anlauf geändert, und es war die beste Idee der Bosse, ihn am letzten Tag des sommerlichen Fußballer-Basars doch wieder aus Florenz zu leihen. Der Rückkehrer, den so recht auch sonst kein Club wollte, sollte der Transfer des Jahres werden, nicht nur wegen der Finaltore. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bei seinen 21 Startelf-Einsätzen holte die Eintracht im Schnitt 1,9 Punkte, kam er von der Bank oder fehlte ganz, waren es 0,7. Die These sei gewagt: Der Niedergang der letzten Bundesligawochen hat mehr mit Rebic’ Muskelfaserriss zu tun als mit den Nebengeräuschen des plötzlichen Kovac-Wechsels zu den Bayern.

Seinem Trainer hat Rebic den Abschied mit dem Pokal doch noch vergoldet, umgekehrt hat Kovac nicht minder große Verdienste um den Landsmann. Als kroatischer Nationaltrainer verhalf er ihm schon 2014 zu drei WM-Einwechslungen. Jetzt hat er seinem Zögling mehr Konstanz beigebracht – notfalls mit angezogenen Zügeln. Wenn es läuft, ließe es Rebic gerne gleich mal etwas schleifen, erklärte Kovac einmal. Er kritisierte ihn deshalb härter als jeden anderen seiner Profis, gab ihm gleichzeitig aber die nötige Nestwärme. In Leipzig verlor Rebic ein Jahr, weil ihm diese fehlte, in Florenz auch. Inzwischen ist er von dort fest verpflichtet worden, für zwei Millionen Euro. Ein Schnäppchen, bei dieser Entwicklung. Und mit jedem Tor schießt der Marktwert weiter in die Höhe.

30, 40, gar 50 Millionen Euro? In England zumindest werden solche Summen gezahlt, und auch dort hat man ihn spätestens seit seiner Cup-Gala auf dem Schirm. „World class“, jubelten die Kommentatoren der BBC nach seinem zweiten Tor gegen die Bayern, als er Mats Hummels wie einen Altherrenfußballer aussehen ließ. Champions-League-Teilnehmer Tottenham Hotspur soll sehr interessiert sein, so mancher Klassenkamerad auch.

Für die Eintracht wird das eine spannende Abwägung: Fußballerisch ist Ante Rebic von unschätzbarem Wert. Finanziell aber möglicherweise auch – obwohl der AC Florenz bei einem Weiterverkauf mitverdienen würde, dem Vernehmen nach mit 30 Prozent. Immerhin gibt es in seinem Fall keine Ausstiegsklausel. Bei Rebic besonders wichtig ist indes die Frage, wie er mit seinem neuen Trainer zurecht kommt. Ob es nun Kovac-Nachfolger Adi Hütter in Frankfurt ist oder ein Übungsleiter anderswo.

„Viele haben ihm unterstellt, dass er ein schwieriger Charakter und ein schlimmer Finger ist. Aber eigentlich ist er ein ganz zahmer Bube. Man muss nur wissen, wie man ihn anfasst und manchmal ein oder auch zwei Augen zudrücken“, hat Kovac zum Berliner Feierabend sein Erfolgsrezept für den Umgang mit dem vermeintlich schwer Erziehbaren verraten. Wer weiß: Vielleicht wird das ja doch wieder seine Aufgabe. Wenn Ante Rebic seine Fähigkeiten abrufe, sei er eigentlich ein Spieler für Bayern München, hat Niko Kovac einmal durchblicken lassen, als dieser Arbeitgeber auch für ihn noch kein Thema war. Das weiß die Chefetage des Rekordmeisters seit dem 19. Mai selbst – und jetzt die ganze Fußballwelt.

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