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Ernster Blick: Joachim Löw bei der Verkündung des endgültigen WM-Kaders.

Nationalmannschaft

Kein Sané-Tag für Löw

Vier Aussortierte bekamen von Bundestrainer Löw viele warme Worte mit auf den Weg. Jetzt beginnt der WM-Feinschliff.

Was für eine Aufregung, als am Montagvormittag Mario Gomez das Eppaner DFB-Hotel Weinegg verließ. Er setzte sich ins Auto und fuhr davon. Ein Fernsehsender vermeldete umgehend: Der Stuttgarter nicht nominiert. Seine letzte Chance, Weltmeister zu werden, dahin.

Jedoch: Joachim Löw hatte nach den hohen Belastungen des Trainingslagers einfach diesen einen Tag freigegeben. Sponsor Mercedes hatte den Spielern einen Fuhrpark vor die Tür gestellt.

Und Mario Gomez setzte sich einfach rein in einen der Geländewagen. Eine kleine Ausfahrt machen.

Mario Gomez wird bei der WM 2018 (anders als 2014) zum deutschen Team gehören. Der letzte Schnitt traf andere: Bernd Leno, den Torhüter – überraschend, weil er bei seinem Club Leverkusen Stammspieler ist, Konkurrent Kevin Trapp in Paris aber nicht. Jonathan Tah – das hatte er selbst erwartet, er wusste, dass er nur dann ein WM-Kandidat wird, falls es bei Jérôme Boateng hakt (doch der Münchner ist ab Dienstag schon wieder im Mannschaftstraining). Nils Petersen – okay, sein Länderspieldebüt am Samstag in Klagenfurt war wohl schon das Abschiedsspiel, die Klasse für eine WM erkannte Joachim Löw beim Freiburger nicht.

Der vierte Name ist eher unerwartet gefallen: Leroy Sané. Er fällt unter die Kategorie Hochbegabte, ist ausnehmend schnell, seit zweieinhalb Jahren stellt der Bundestrainer Sanés spezielle Fähigkeiten im Dribbling heraus. Doch bereits bei der EM 2016 hat er ihn nur einmal für ein paar Minuten eingesetzt, und danach hat Sané alle Möglichkeiten verstreichen lassen, den DFB-Coach zu überzeugen.

In England läuft es für ihn besser, da ist er ein Star bei Manchester City, wurde als bester Jungprofi der Premier League ausgezeichnet.

Löw richtete seinen ausdrücklichen Dank an die vier Aussortierten für die Beteiligung am Trainingslager und – da wurde es schwülstig wie bei einer Oscar-Rede – er dankte auch gleich den „Angehörigen, Lebenspartnerinnen und Freunden“ der vier Spieler vorab für die Arbeit, die sie in den nächsten Tagen zu verrichten haben: „Sie auffangen.“

Klar: Zu Trapp, Tah, Petersen und Sané sagte Löw in seinem Trainerbüro im Hotel, „dass sie es verdient gehabt hätten, zur WM zu fahren“. Er verglich die Situation mit der beim olympischen 100-Meter-Lauf: Ganz eng, „das Zielfoto muss entscheiden“.

Die 27 Spieler, die in Südtirol zusammen trainierten, haben eine interne Chat-Gruppe eingerichtet, Manuel Neuer berichtete am Montagmittag, dass die Abgefahrenen freundliche Einträge hinterlassen hätten: „Dass sie die Daumen drücken und wir den Pokal holen sollen. Das zeigt ihren Charakter.“ Er selbst ist, nachdem bei ihm alles klar war, in seiner wiedergefundenen Rolle als Kapitän auf die Spieler zugegangen, um noch Einzelgespräche zu führen.

Mit dem Kader, der nun Sollgröße von 23 Mann erreicht hat, beginnt ab heute der nächste Teil der Vorbereitung. Joachim Löw hat Erkenntnisse gewonnen aus der 1:2-Niederlage gegen Österreich in Klagenfurt. Da war der „Abfall an Dynamik und körperlicher Präsenz in der zweiten Halbzeit“, vor allem aber „haben wir taktische Probleme bekommen“. Löw ist sich aber sicher, „dass wir bis zum ersten Spiel bei der WM gegen Mexiko in sehr gutem Zustand sein werden“.

Auf Russland vorbereitet wurden die Spieler auch von Angela Merkel bei deren Besuch am Sonntagabend. „Sie hat“, erzählt Joachim Löw, „vor der Mannschaft eine Ansprache über Russland und seine Geschichte gehalten, das war interessant, offen, herzlich.“ Für vier Spieler war es das Abschlusserlebnis des Trainingslagers.

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