Nationalmannschaft

Der Sommer ist endlich vorbei

Der Bundestrainer lobt die Moral beim Erfolg gegen Peru. Die Baustellen sind erkannt, die Torarmut ist weiterhin alarmierend.

Die Ordner in ihren Warnwesten mussten sich aufstellen. Sie spannten Absperrbänder, als müsste ein Tatort gesichert werden. Es ging darum, für den Bus der deutschen Nationalmannschaft eine Schneise zu markieren. Heraus aus dem Bauch der Rhein Neckar Arena, hinaus auf die Straße – dazu musste er durch Trauben von Menschen. Sie wollten den Spielern nahe sein. Der DFB-Bus fährt ab – das ist wieder eine Attraktion.

Die Lage rund um die Auswahlmannschaft hat sich entspannt nach einem Spiel, in dem sie dem noch etwas unfitten Weltmeister Frankreich ein wenig zusetzte (0:0 in München) und das dritte gewonnene Match in diesem Jahr (nach dem 2:1 gegen Saudi-Arabien vor der WM und dem 2:1 gegen Schweden bei der WM) folgen ließ. Wieder gab es das Standard(erfolgs)ergebnis: 2:1 gegen Peru, eine Mannschaft, die Joachim Löw „technisch und körperlich stark“ nannte. Aber doch ein Stück von der Weltklasse entfernt – und somit ein passender Wiederaufbaugegner.

Die Woche, die unter außergewöhnlichen Zeichen gestanden hatte, ist vorüber, und die Spieler signalisieren, dass sie sich lieber mit dem

Blick nach vorne

beschäftigen als mit der Aufarbeitung dessen, was hinter ihnen liegt. Klar, dass noch immer die Fragen kommen, warum es denn in Russland nicht möglich gewesen war, dass man sich so zusammenreißt wie beim 0:0 gegen die Franzosen, als man so stabil stand, dass man die Superstars wie Griezmann und Mbappé weitgehend im Griff hatte.

„Eine Rückschau zu betreiben bringt nichts mehr“, sagt Thomas Müller, „es waren andere Gegner, andere Bedingungen, und es ist doch nicht so, dass wir bei der WM komplett die Arbeit verweigert hätten. Es wurde viel über den Sommer gesprochen, wir sind mit uns auch hart ins Gericht gegangen.“ Nun bitte möge nicht mehr Sommer sein.

Einige Spieler spüren die Nachwirkungen der missglückten Weltmeisterschafts-Vorstellung noch. „Ich habe das Gefühl, dass eine kleine Verunsicherung noch da ist – aber das halte ich für normal und menschlich“, meint Ilkay Gündogan, für den aber das Positive überwiegt. Für ihn persönlich, dass sich nach dem „schönen Gefühl“ von München, wo er bei seiner Einwechslung mehr beklatscht als geschmäht wurde („Ich habe auch mit Gegenapplaus gedankt“), der Fokus in Sinsheim gar nicht mehr auf ihn richtete, weil er von Anfang an spielte – jedoch stellte er auch eine Steigerung insgesamt fest: „Wir standen gut in beiden Spielen, haben nicht allzu viel zugelassen, gegen Frankreich ist das viel wert.“ Nun gelte es halt noch, „mental zu alter Stärke zurückzufinden“.

Was verbunden sein müsste mit: Tore schießen. Für die Treffer gegen Peru sorgten Julian Brandt und Nico Schulz, ein Tor war ein schöner Lupfer am Ende einer Kombination, das andere, vom verteidigenden Debütanten Nico Schulz (lesen Sie dazu unseren gesonderten Bericht), ein Glücksschuss. In den Szenen, die zu einem Tor hätten führen müssen, scheiterten Löws Offensivkräfte. „Die Ausbeute war schon mal besser“, gestand Timo Werner, sieht sich und die Kollegen wie Marco Reus, Julian Brandt und die eingewechselten Nils Petersen und Thomas Müller aber auf dem richtigen Weg. „Die Lösung muss so aussehen, wie sie gegen Peru ausgesehen hat. Wir haben ein Superwechselspiel aufgezogen, haben die Positionen getauscht. Man wird unberechenbarer, wenn man dem Gegner keinen festen Gegenspieler bietet und der nie weiß, wer von uns kommt.“

Thomas Müller meint, „dass wir die Kaltschnäuzigkeit vermissen lassen. Wie man das wegkriegt, darauf hätte jede Fußballmannschaft der Welt, die da Mängel hat, gerne eine Antwort.“ Joachim Löw kann diesen Punkt zurückstellen, ein 4:1 würde jetzt auch nichts anderes bedeuten als das 2:1. Auf seiner Agenda weiter oben stand, dass man sich nicht mehr übertölpeln lässt.

Um der Stabilität näher zu kommen, hat er Lösungen gefunden. Nico Schulz wird trotz seiner Teilschuld am Gegentreffer zum 0:1 weitere Spiele bekommen, und Joshua Kimmich ist fortan gesetzt als Sechser. Der Münchner selber erkannte bei sich Fortschritte: „Im ersten Spiel habe ich viel quer und nach hinten gespielt, mir mit Ball nicht viel zugetraut.“ Gegen Peru hatte er mehr Einfluss und war für Toni Kroos ein arbeitsamer Partner wie es bei Real Madrid der Brasilianer Casemiro ist.

Um die Erhöhung der eigenen Torproduktion soll es beim folgenden Auswärtsdoppel in Frankreich und den Niederlanden in einem Monat gehen. Joachim Löw kündigte an, dass, wer dann noch am leeren Tor vorbei schießt, „zehn Liegestütze machen muss. Momentan würde eine ganze Menge zusammenkommen.“

Der Trainer lacht. Er lässt den Sommer gerade hinter sich.

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