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Salos Trainerkollegen: Matti Tiilikainen (rechts) und Marko Raita.

Löwen Frankfurt

Video-Studium: Live aus dem Löwen-Labor

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Zu der Entwicklungsarbeit an der DEL-Vision gehört im Frankfurter Eishockey jetzt auch das Video-Studium. So entstehen die Analysen im Löwen-Labor.

Kaum ist das Drittel beendet, eilt Valtteri Salo die Treppen hinab, den Laptop unter dem Arm, nur halb zugeklappt. Gegen den Strom der Zuschauer, hier und da freundlich grüßend, immer schnellen Schrittes: In den Katakomben der Eissporthalle am Frankfurter Ratsweg warten Matti Tiilikainen und Marko Raita im Trainerzimmer, viel Zeit ist nicht, und die Kollegen haben so ihre Vorstellungen. „Sie sagen dann zum Beispiel: Zeig mir unser Powerplay! Oder: Zeig mir das Powerplay des Gegners“, berichtet Salo, der mit ein paar Klicks diese Wünsche erfüllt, live vorbereitet im Löwen-Labor.

Es ist eine neue Ära, die am Ratsweg im Sommer begonnen hat – und die Videoanalysen, für die Salo das Bildmaterial sortiert, sind ein Beispiel dafür, wie der ambitionierte Zweitligist auf eine erstklassige Zukunft hinarbeitet: „Inzwischen ist das Standard im Spitzen-Eishockey“, erklärt Sportdirektor Franz Fritzmeier, und in Richtung Spitze soll der Weg der Löwen schließlich führen. Spätestens 2021, wenn die Tür zwischen der ersten und zweiten Klasse des deutschen Eishockeys wieder aufgeht, wollen sie sich ihre Sehnsucht von einer Rückkehr in die oberste Etage erfüllen, gerne früher, wenn durch die Pleite eines DEL-Clubs ein Plätzchen frei werden sollte.

So oder so: Schon jetzt sind die Planungen auf den Aufstieg ausgerichtet, schon jetzt wird auf allen Ebenen daran gearbeitet. Es gibt bessere Wohnungen für die Spieler, einen eigenen Fitnessbereich in der Halle – und unter anderem eben auch neue technische Möglichkeiten in Kabine und Coach-Raum, im Untergeschoss der Eissporthalle.

Dort kann Salo den Mitstreitern im Frankfurter Trainertrio gleich zeigen, was er in seinem Laptop gesammelt hat, auf dem kleinen Rechner oder auf einem großen Bildschirm an der Wand, zwischen zwei Dritteln. 15 Minuten dauert die Pause. Sechs, sieben, acht davon haben Headcoach Tiilikainen, Raita und Salo für sich, ehe es für fünf Minuten und ein paar Worte rüber in die Spielerkabine geht. Und dann zurück auf den Arbeitsplatz.

Für Valtteri Salo ist das auswärts einer der Presseplätze mit einem Klappbrett als Tisch. Daheim verfolgt er die Spiele in der engen, dunklen Kabine unterm Hallendach, gemeinsam mit Sportdirektor Fritzmeier. Da wird gefachsimpelt und an diesem Freitagabend gegen die Eispiraten aus Crimmitschau anfangs auch des Öfteren mal geflucht, in der Eishockey-Amtssprache Englisch. Meist aber geht es sehr konzentriert zu. Das Geschehen auf der Eisfläche wird von den Kameras des Senders Sprade TV, der die DEL-2-Partien live im Internet zeigt, mit einem dicken schwarzen Kabel auch direkt in Salos Laptop übertragen und in das Programm Steva Hockey überführt, mit dem er seit fünf, sechs Jahren arbeitet, seit er derlei Analysen macht.

Das sieht auf den ersten Blick kompliziert aus, Salo beruhigt: „Es ist eigentlich ganz einfach.“ Mit einem Tastendruck schneidet er die Spielszene ab und beginnt einen neuen Schnipsel, mit weiteren Klicks ordnet er die Sequenz im Handumdrehen verschiedenen Rubriken zu und fügt die gerade auf dem Eis befindlichen Löwen bei. Bully, Scheibengewinn, Scheibenverlust, eigene Chance, gegnerische Chance, Konter, Tor, Gegentor, Überzahl, Unterzahl und so weiter. F1 bis F4 für die vier Angriffsreihen, F5 bis F7 für die drei Abwehrpärchen. Unter und neben dem Videobild stehen entsprechende Listen.

Gegen Crimmitschau ist eine Kategorie erst einmal besonders gefragt: Gegentor. 0:3 liegen die Löwen nach 20 Minuten zurück. Dabei haben sie gar nicht so schlecht gespielt, aber wieder einmal viel zu leicht die Tore kassiert. Torwart Felix Bick sah bei zwei Treffern nicht gut aus, beim dritten dann Lukas Koziol. „Wir haben zu viele individuelle Fehler gemacht, gerade auch ich“, sagt der Stürmer hinterher selbstkritisch, als der Abend doch noch ein gutes Ende gefunden hat.

In der ersten Pause haben sich die Trainer drei, vier Clips angeguckt: Die Gegentore eben, auch einen dieser Scheibenverluste, die in der insgesamt eigentlich guten ersten Saisonphase doch arg oft vorkommen. Das wird dann in der Kabine auch angesprochen, mit Erfolg: Den Puck gibt man fortan jendefalls nicht mehr so einfach ab, auch dank eines Koziol-Treffers gelingt die Wende – und Bick hält mit späten starken Paraden den Sieg fest, 4:3. „Das war ganz wichtig“, urteilt Fritzmeier erleichtert.

Zwei Tage nach der Comeback-Party gegen Crimmitschau wird man das Spitzenspiel in Kaufbeuren mit dem selben Resultat verlieren, da zeigt sich wieder: Der Verdrängungswettbewerb in der zweiten Liga ist hart, das Geschehen auf dem Eis immer wieder eng umkämpft – und allerorten die Sehnsucht nach der DEL groß. Nur fallen die Versuche, diese Vision zu verwirklichen, ganz unterschiedlich aus. In der Herangehensweise und der Zwischenbilanz. Die alten Rivalen aus Kassel, bei denen man jetzt am Freitag antreten wird, haben ebenso wie die am Sonntag an den Ratsweg kommenden Dresdner nach einem holprigen Rundenstart ihren Coach gerade schon ausgetauscht. Bewährte Alleinunterhalter an der Bande sind weit verbreitet in der Liga, das kennt man auch in Frankfurt. Nun arbeitet man hier aber nach einem anderen Modell.

Drei weitgehend gleichberechtigte junge Trainer aus Finnland, die in ihrer Heimat bislang nur im Nachwuchs gearbeitet haben? Klingt nach einem mutigen Experiment. Fritzmeier indes ist von Tiilikainen, Raita und Salo ohnehin überzeugt, und die ersten Saisonwochen erscheinen verheißungsvoll. Nach 15 Spielen sind die Löwen Tabellenzweiter, das hätte nach dem großen Umbruch schlechter anfangen können. Zumal mit vielen jungen Spielern, die sich Stück für Stück auf DEL-Niveau entwickeln sollen, jetzt aber eben bei aller Begabung noch Lernbedarf haben. Für begehrte Talente wie Verteidiger Leon Hüttl war das Konzept mit einem umfassenden Trainerstab und professionellen Rahmenbedingungen ein gutes Argument für das Ja-Wort zu den Löwen – auch bei dieser Überzeugungsarbeit helfen die Videoanalysen, die in Frankfurt wie an den meisten anderen Standorten bislang nicht üblich waren. Während sie für Tiilikainen und Co. in Finnland längst selbst in der Nachwuchsarbeit Alltag waren.

„Für die Coaches unten an der Bank ist das Gesamtbild nicht so leicht zu sehen, sie haben nicht den kompletten Überblick. So können sie sich bestimmte Szenen noch mal ansehen, ihre Eindrücke überprüfen und das an die Spieler weitergeben“, erklärt Fritzmeier Vorzüge des Videostudiums. Die Bilder könnten auch in der Pause in der Kabine gezeigt werden, was aber bislang nicht genutzt wird. „Man darf die Spieler auch nicht überfrachten“, meint der Sportdirektor.

Die Arbeit für die Trainer indes endet nicht mit der Schlusssirene. Die Partie vom Freitagabend muss nach-, die Partie am Sonntag vorbereitet werden. Salos Bildmaterial kommt bei vielen Gelegenheiten zum Einsatz, auch bei Mannschaftssitzungen oder Einzelgesprächen, dank seiner Vorarbeit rasch zu durchforsten mit Stichworten, Spielernamen, Tastenkombinationen. Die Nacht wird kurz. Valtteri Salo, selbst erst 28 Jahre alt, ist auch Torwarttrainer, und er bereits hat die eine oder andere Szene im Kopf, die er Goalie Bick zeigen will. Nur gut, dass alle Schnipsel schon schön sortiert in seinem Laptop liegen.

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