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»Das ist das Erlebnis schlechthin«

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Von: Sven Nordmann

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Eintracht_130522_4c © Sven Nordmann

Mit dem Auto nach Brüssel, mit dem Flieger nach Faro, mit einer Mitfahrgelegenheit nach Sevilla: Der in Hungen lebende Nils Schäfer und der aus Wohnbach stammende Moritz Riedel begleiten Eintracht Frankfurt beim heutigen Finale der Europa League - und sprechen erfrischend offen über Schoppen, Pinkelpausen und Fußball- Faszination.

Die goldene Nachricht kam am Freitagnachmittag: Die beiden heimischen Fußballer und glühenden Eintracht-Anhänger Nils Schäfer und Moritz Riedel haben doch noch zwei Tickets ergattert und sind heute im Stadion in Sevilla live dabei, wenn Eintracht Frankfurt im Finale der Fußball-Europa League (21 Uhr, RTL) um den ersten internationalen Titel seit 42 Jahren spielt.

»Ich kam um 14 Uhr von der Arbeit und habe eine Mail der UEFA gesehen«, erinnert sich der in Hungen wohnende und für Hessenligist FSV Fernwald spielende Nils Schäfer. »In den letzten Wochen habe ich täglich alle drei Stunden meine Mails gecheckt, weil ich immer noch eine Resthoffnung auf Tickets hatte.«

An »gefühlten 20 Gewinnspielen« nahm der 19-Jährige wie etliche Mittelhessen teil, schrieb Motivationsreden und ließ alle erdenklichen Kontakte spielen - dann die Mail. »Die UEFA hatte an Bewerber einige Restkarten in den Freiverkauf gegeben. Beim dritten Anlauf kam ich durch und konnte zwei Tickets für 120 Euro kaufen. Natürlich haben wir da sofort zugeschlagen. Moritz ist aus Wohnbach gekommen, wir lagen uns in den Armen und haben geweint, als klar war, dass wir im Stadion dabei sein werden.«

Schäfer und sein 20-jähriger Kompagnon, Moritz Riedel aus Wohnbach, derzeitiger Verbandsliga-Akteur des FC Cleeberg, wären auch ohne Stadion-Ticket nach Sevilla gereist. Riedel: »Wir haben die Flüge schon vor dem Halbfinal-Hinspiel gegen West Ham gebucht, da waren sie mit 57 Euro für Hin- und Rückflug noch günstig. Zuletzt lagen sie ja bei über 700 Euro.«

Mit dem Auto ging es am gestrigen Abend nach Brüssel, von dort aus flogen die beiden mittelhessischen Eintracht-Anhänger nach Faro. Von Portugal aus nutzen beide am heutigen Finaltag dann eine Mitfahrgelegenheit, die Riedel über eine Eintracht-Gruppe in den sozialen Medien organisierte. »Er fährt mit seinem Mietwagen am Mittwoch nach Sevilla und hat noch drei Plätze im Auto frei.«

Ein ganz normales Beispiel für die tausenden ungewöhnlich-kreativen Wege der Eintracht-Fans zu den Europa-League-Highlights, die Anlass für dieses von grenzenloser Vorfreude geprägte Interview ist.

Zwei junge Eintracht-Anhänger, die in Mittelhessen ambitioniert Fußball spielen und fester Bestandteil der Nordwestkurve im Frankfurter Stadtwald sind, erzählen von ihren Reise-Erlebnissen und Fan-Gewohnheiten.

Herr Schäfer, wie läuft so ein Spieltag mit der Eintracht aus Fan-Sicht ab?

Nils Schäfer: Jetzt in Sevilla wird nochmal alles besonders. Das wird wie in Barcelona ein Erlebnis, das du nicht vergisst. Aber bei Heimspielen sieht das so aus: Du stehst morgens auf und bist mit dem Kopf schon bei der Eintracht - das ändert sich an dem Tag auch nicht mehr. Dann geht’s in den Zug. Du trinkst ein paar Schoppen, steigst aus dem Zug aus, fährst vom Hauptbahnhof zum Gleisdreieck und bist mit den Emotionen schon voll da.

Moritz Riedel: Sobald du aus dem Zug aussteigst, geht im Kopf so ein Schalter um und du bist auf das Spiel fokussiert. Dieser Moment, wenn du das Stadion siehst, ist besonders. Du läufst die Treppen hoch zum Stehblock und bist im SGE-Modus. Nach Corona haben alle gemerkt, wie wir das vermisst haben.

Schäfer: Am nächsten Morgen stehst du auf und merkst, was du am Tag vorher gemacht hast. Aber das gehört dazu.

Sie sind regelmäßige Begleiter der Eintracht - wie ist das denn in Einklang zu bringen mit Hessenliga- bzw. Verbandsligafußball?

Schäfer: Das Gute ist, dass wir donnerstags trainingsfrei haben. Mit der Champions League könnte es nächste Saison dann schwieriger werden unter der Woche. (beide lachen) Aber ich denke, Daniyel (Bulut, Trainer des FSV Fernwald, Anm. d. Red.) hat da Verständnis. Er ist ja auch Eintracht-Fan.

Sie waren auch beim Viertelfinal-Highlight in Barcelona dabei.

Schäfer: Wir waren eine Neuner-Gruppe. Die Flugpreise lagen auch bei rund 500 Euro. Wir haben uns um einen Neuner-Bus bemüht und haben dann für Miete, Sprit usw. pro Person 150 Euro bezahlt. Hinzugs sind wir zwölf Stunden gefahren, auf der Rückfahrt dauerte es etwas länger, weil wir viele Pinkelpausen hatten. Egal, wo du hinkamst, in Barcelona hast du nur weiß gesehen. In Barcelona hat sich jeder nur mit ‘Gude’ gegrüßt. Da hast du auch so viele Leute gekannt. Du fährst 1300 Kilometer nach Barcelona und triffst deinen Nachbarn, siehst Menschen aus deinem Nachbarort. Das war schon Wahnsinn. Was im Stadion passiert ist, kannst du ja kaum beschreiben. Da kommst du heulend aus dem Stadion, weil die Eintracht Barca rausgeworfen hat. Das ist unvergesslich. Hoffentlich wird das in Sevilla ähnlich.

Sind Sie froh über die Glasgow Rangers als Gegner?

Schäfer: Das ist ein würdiges Finale. Das wird es so schnell nicht mehr geben. Die Rangers rücken ja, wie man hört, mit fast 100 000 Menschen an. Ich glaube, Spanien wird den lautesten Chor aller Zeiten hören.

Riedel: Ich gönne es auch den Fans aus Glasgow. Die fühlen sich wie wir: Das ist das Erlebnis schlechthin.

Wie betrachten Sie das Finale sportlich?

Schäfer: Die Eintracht geht als Favorit ins Finale. Wenn du Barcelona und West Ham schlägst, hat das ja seinen Grund. Ich denke aber, das wird ein brutal schweres Spiel. Auch vom Fantechnischen her: Die Schotten sind ja verrückt.

Riedel: Von den 10 000 Tickets pro Verein gehen ja auch viele an Familienmitglieder, Ehrengäste usw. - ich bin gespannt, wieviele Stimmungsmacher es wirklich ins Stadion schaffen.

Im Falle einer Niederlage...

Schäfer: ...wäre das schade. Aber die Fans wissen all das zu schätzen, was die Mannschaft dieses Jahr abgerissen hat. Ein Sieg würde sicher auch helfen, Spieler wie Filip Kostic oder Evan Ndicka zu halten.

Riedel: Ich denke, die Spieler schätzen diese Kultur und Stimmung rund um die Eintracht auch. Die meisten Fans haben mit der Eintracht auch schon ganz andere Zeiten erlebt. Sie waren in guten wie in schlechten Zeiten da. Der Verein hat zuletzt einfach richtig performt.

Schäfer: Ich weiß noch, wie wir 2016 gegen den Abstieg gespielt haben und Marco Russ seine Krebserkrankung bekanntgegeben hat. Das waren harte Zeiten. Zwei Jahre später sind wir DFB-Pokalsieger, stehen 2019 bei Chelsea London im Halbfinale der Europa-League und jetzt 2022 im Finale dieses Wettbewerbs. Das hättest du dir 2016 nicht im Ansatz ausmalen können.

Was sind die Hauptfaktoren für diesen bemerkenswerten Aufschwung?

Riedel: Der Vorstand hat Harmonie im Umfeld geschaffen und mit Niko Kovac, Adi Hütter und Oliver Glasner immer wieder gute Trainer geholt.

Schäfer: Die Transferpolitik hat gestimmt. Viele junge Spieler haben eingeschlagen: Luka Jovic, Evan Ndicka, Tuta. Es gab Charaktere wie früher Kevin-Prince Boateng oder jetzt Martin Hinteregger, die es Neuzugängen leichter machen, sich zu integrieren. Wenn du eine geile Truppe hast, mit der es Bock macht, zu kämpfen, dann schlägst du auch als Neuzugang eher ein.

Riedel: Du merkst, dass du auch mit weniger Millionen international erfolgreich unterwegs sein kannst. Das haben wir in dieser Saison ja auch in der Bundesliga mit dem SC Freiburg, Union Berlin und dem 1 . FC Köln gesehen. Die Eintracht hat es als Underdog als Erster geschafft, international weit zu kommen. Das kann ein Vorbild für viele kleinere Vereine sein.

Wie wirkt der jetzige Trainer Oliver Glasner auf Sie?

Schäfer: Ich hab ihn neulich näher betrachten können: Er schreit herum, ist voll dabei, ärgert sich über jeden Fehlpass. Als er in Barcelona den Bauchrutscher gemacht hat, dachten wir uns: Geiler Typ!

Riedel: Mir ist er richtig sympathisch.

Wie werden die Choreographien finanziert?

Schäfer: Vor jedem Heimspiel werden Spenden für die Choreos gesammelt, auch vor dem VIP-Bereich. Da kommt schon einiges zusammen und das macht einen Teil aus. Von den 50 000 Fans gibt vielleicht jeder Zweite oder Dritte etwas.

Riedel: An so einer Aktion werden über 100 Anhänger beteiligt sein. In Hallen in Frankfurt wird das produziert. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Kommunikation zwischen Verein und Fans stimmt.

Welche Wirkung hat das Auftreten von Mannschaft und Fans für den Verein und die Stadt Frankfurt?

Schäfer: In Barcelona wurden wir in der S-Bahn gefragt, wer diese Massen in weiß denn seien. Jetzt wissen sie, wer Eintracht Frankfurt ist und wie dieser Verein gelebt wird.

Riedel: Mir schreiben auch Dortmund-Fans: Ich bin jetzt heimlicher Eintracht-Fan. Nationalspieler wie Ilkay Gündogan oder Mats Hummels posten, dass sie Eintracht-Anhänger sind. Die Auswirkungen sind einfach verrückt. Ich habe mitbekommen, dass ein Rewe in Bad Vilbel am Mittwoch schon um 20 Uhr schließt, damit alle das Spiel verfolgen können.

Schäfer: Alle wollen Tickets oder zur Eintracht fahren. Ich würde es jetzt nicht mit der WM vergleichen, wo gefühlt ganz Deutschland dabei ist. Aber für uns Eintracht-Fans ist das Spiel am Mittwoch natürlich zehnmal wichtiger als ein WM-Finale mit Deutschland. Die Eintracht ist für uns ja quasi unser Leben. Vor Barcelona habe ich mich schon drei Wochen vorher darauf gefreut und jede Nacht vor dem Einschlafen daran gedacht, wie geil das sein wird. Ganz Deutschland guckt jetzt auf die Eintracht.

Riedel: Ich denke auch, dass es durch die letzten beiden Corona-Jahre wenig Veranstaltungen gab. Die Öffnung und Lockerung im Frühjahr kam für die Eintracht perfekt: Diese Euphorie, das war ja ein Start von null auf Hundert.

Schäfer: Es hat alles gepasst. Auf einmal bist du nach einer emotional schwierigen Zeit wieder so lebensfroh. Wenn du ins Stadion kannst, bist du automatisch besser drauf.

Riedel: So hat jeder gesehen, was mit Menschenmassen möglich ist. Die Eintracht war ein Symbol dafür, dass da wieder eine andere Stimmung entstehen kann, dass wir reisen und Spaß haben können.

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Sehnsuchtsort Sevilla: Die beiden Mittelhessen sind heute Abend im Stadion live dabei. IMAGO © Imago Sportfotodienst GmbH

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