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DFB-Statistik: Aggressivität nimmt zu

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Von: Michael Nickolaus

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Platzverweis: Die Fußball-Schiedsrichter in Deutschland sehen sich einem seit Corona angestiegenen Aggressionspotenzial auf den Plätzen gegenüber. © Red

Im Amateurfußball erreichte die Anzahl der Spielabbrüche in der vergangenen Saison einen Höchststand. Die Gründe sind vielfältig, viele Konflikte werden hitziger geführt als früher.

Mehr Spielabbrüche und immer heftigere Konflikte: Seit der coronabedingten Spielpause scheint es im Amateurfußball aggressiver zuzugehen. Das zeigt eine Statistik des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der in der abgelaufenen Spielzeit eine deutliche Steigerung an nicht beendeten Partien registrierte. In der Saison 2021/22 hätten die Schiedsrichter 911 Amateurspiele abbrechen müssen, teilt der DFB mit. So viele wie noch nie in einer Saison.

Die über die vergangenen Jahre stabile Quote der Abbrüche stieg von 0,05 auf 0,075 Prozent. Umgerechnet bedeutet das: Im Schnitt wurde jedes 1339. Spiel in der vergangenen Saison abgebrochen. »Es gibt offenkundig mehr hocheskalierte Konflikte als vor Corona«, sagte die Kriminologin Thaya Vester, die zu Gewaltvorkommnissen im Amateurfußball forscht, in einer dazu vom DFB einberufenen Medienrunde.

Bei mehr als einem Drittel aller Spielabbrüche seien Konflikte durch den Vorwurf von Parteilichkeit oder vermeintlicher Fehlentscheidungen der Schiedsrichter Auslöser. Dahinter folgen Abbrüche nach eskalierten Meinungsverschiedenheiten über die Frage, ob ein Zweikampf hart geführt wurde oder ein grobes Foul vorlag. Einflüsse von außen, durch Zuschauer, seien dagegen weniger von Bedeutung, erklärte die Kriminologin.

»Ein Spielabbruch muss immer das Ultima Ratio sein. Aber bei Angriffen auf Schiedsrichter wird abgebrochen, das steht außer Frage«, stellte Vester klar. Etwa bei der Hälfte aller Spielabbrüche sei dies der Fall gewesen. Aber nicht immer sorge eine Schiedsrichterentscheidung für einen Abbruch. In 15 Prozent aller Fälle mussten Spiele abgebrochen werden, nachdem eine Mannschaft die Fortsetzung des Spiels verweigert hatte, sagte Vester.

In der zurückliegenden Saison wurden über Online-Spielberichtsbögen mehr als 1,2 Millionen Begegnungen im Amateurfußball erfasst und vom DFB ausgewertet.

Von Schiedsrichtern gemeldet wurden 5582 Vorfälle, davon 3544 Gewalthandlungen, wie Tätlichkeiten oder Bedrohungen, und 2389 Diskriminierungen.

Darunter fallen Äußerungen, die die Würde der betreffenden Person verletzen, menschenverachtende Gesten und diskriminierende Handlungen. Insgesamt notierten Unparteiische damit bei etwa 0,5 Prozent aller Spiele sogenannte Störungen - kaum eine Veränderung im Vergleich zu vergangenen Lagebildern des Amateurbereichs, die es beim DFB seit der Saison 2014/15 gibt.

Doch warum wird dann häufiger abgebrochen? »Der qualitative Anstieg von Gewalt zeigt, dass Auseinandersetzungen heftiger und hemmungsloser werden«, sagt Gunter A. Pilz. Der Fan- und Gewaltforscher beobachtet gesamtgesellschaftlich aufgrund vielfältiger Krisen eine sinkende Frustrationstoleranz. Der Fußball sei »nicht nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern ein Brennglas für gesellschaftliche Probleme«, betonte der Soziologe. »Wir wissen, dass auf dem Platz soziale Konflikte ausgetragen werden.« Dabei sei das Geschehen auf dem Fußballplatz oft zwar Auslöser von Gewalt, aber nicht immer Ursache.

Kreis Friedberg in »anderer Welt«

Im Fußballkreis Friedberg befinde man sich »noch ein einer anderen Welt«, sagt Klaus Häuser, der Vorsitzende des Kreissportgerichts, auf Nachfrage unserer Redaktion und mit Verweis auf die ländliche Region, die von multikulturellen Ballungszentren wie beispielsweise Frankfurt und Offenbach unterscheide. In der vergangenen Saison hatten Faustschläge in Heilsberg und Ockstadt zu mündlichen Verhandlungen geführt, in beiden Fällen waren zum Zeitpunkt der Gewalt die Spiele bereits abgepfiffen worden. »Und in dieser Saison ist’s bislang erfreulich ruhig«, sagt Häuser.

Eingeführt wurde zu dieser Saison der sogenannte Trainerpass. Während drei Abendveranstaltungen wurden im Fußbalkreis Friedberg rund 150 Trainer und Funktionäre zum Thema Respekt und Fairplay geschult. Die Trainer und Funktionäre tragen dann bei den Spielen sichtbar diese mit Foto gekennzeichneten Pässe, um auch dem Schiedsrichter zweifelsfrei zu signalisieren, dass sie der Hauptansprechpartner bei Geschehnissen rund um das Spiel sind. Acht Vereine des Kreises haben nicht an den Schulungen teilgenommen. Während der Vorrunde zieht dies noch keine Konsequenzen nach sich. Ob und wie diese Versäumnisse in der zweiten Saisonhälfte sanktioniert werden, ob Nachschulungen angeboten werden, ist laut Kreisfußballwart Karl-Ernst Kunkel noch offen.

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