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Gleich dreimal hinauf auf den Mount Everest

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Daniel Mauser bei einer seiner insgesamt 564 Auffahrten am Falkenberg, wobei er mit seinem Triple-Everesting eine für Deutschland und Europa einmalige Leistung vollbringt. Besonders in der Nacht werden Mausers Rad und Körper regelmäßig durchgecheckt, Foto- und Filmaufnahmen dürfen natürlich als »Beweismittel« auch nicht fehlen. © Red

Mehr als 26 544 Höhenmeter, 50 Stunden ohne Schlaf, eine Distanz von beinahe 400 Kilometern, hinter diesen nackten Zahlen steckt eine unglaubliche Energie- und Willensleistung von Daniel Mauser.

Freitag, 6. Mai, 5.45 Uhr. Daniel Mauser aus Gießen startet zu seiner Mission Triple-Everesting. Auf dem extrem steilen Straßenstück Am Falkenberg in Wettenberg reichen knapp 350 m Länge, um bei einem Neigungswinkel von bis zu 20 Prozent (im Schnitt 14,9) am Stück 50 Höhenmeter zu sammeln, wobei meist zwischen 230 und 250 Watt auf die Pedale seines Rennrades zu bringen sind.

In der Theorie kein Hexenwerk, in der Praxis selbst für den ambitionierten Radfahrer »ein Brett«, das der Assistenzarzt in der Orthopädie und Unfallchirurgie am »EV« am Ende 564 Mal genommen haben wird. Genauer am Sonntag, dem 8. Mai, um 8:15 Uhr - also 50:30 Stunden später. Dazwischen liegt ein langer Weg, nicht nur jener über 398,3 Kilometer. Auf dieser langen Reise droht Ungemach, so will einem auch die Psyche den ein oder anderen Streich spielen - doch Gedanken an Aufgabe? »Nein, niemals!«

Dennoch, auch vor Schwächephasen ist der 37-Jährige nicht gefeit, der nach dem Everesting 2020 und Doppel-Everesting vor Jahresfrist mit dem Triple nun den Abschluss einer Trilogie in den Asphalt des abgesperrten Falkenbergs zaubert.

Freitag, 6. Mai, 18:44 Uhr: Nach 13 Stunden ist Teil eins mit 8869 Höhenmetern absolviert, in der darauffolgenden Nacht kann der Familienvater seinen Rhythmus von 1000 Höhenmetern in zwei Stunden in etwa halten. Und dennoch: Gab es mal Schwächephasen? »Ja, die gab es«, wie Mauser zugibt, und sogar relativ früh: »Eine Phase, die eher als ›demotivierend‹ durchgeht, nämlich jene, in der man nur damit beschäftigt ist, etwas abzuarbeiten, was man schon einmal geschafft hat.« Also der Weg zum Doppel-Everesting.

Samstag, 7. Mai, 5:12 Uhr: 14 029 Höhenmeter sind absolviert, nach 23:26 Stunden im Sattel: »Die erste Nacht verlief mit Wolfgang Rinn an meiner Seite sehr gut, ohne Müdigkeit oder Schwächephasen. Im Vergleich zum Double 2021 hatte ich diesmal doppelt solange Intervalle bis zur Pause«. Mauser nähert sind jener Phase, in der sogar er Neuland betritt bzw. unter die Räder nimmt.

Samstag, 7. Mai, 13.30 Uhr: 18 034 Höhenmeter mit 379 Auf- und Abfahrten sind nach 31:45 Stunden inklusive Pausen absolviert. »Mit Tag zwei kam die Sonne, was eigentlich ganz schön ist. Jedoch gab es keine Wolke, die einem etwas Schatten spendete, damit wurde die Mittagszeit und der frühe Nachmittag eine sehr zehrende Angelegenheit. Als am späten Nachmittag dann endlich die angekündigten Wolken kamen, war ich sehr froh. So ging es weiter, die Nacht kam und es lief gut, bis ...«

Sonntag, 8. Mai, 0.25 Uhr: Das Garmin-Aufzeichnungsgerät zeigt 23 015 Höhenmeter an, nach 42:39 Stunden und 342,5 Kilometern. »Die Nacht kam und es lief gut, bis die Müdigkeit zuschlug.« Eine kritische Phase, wenngleich der Gießener den Regeln entsprechend 72 Stunden für das Triple Zeit gehabt hätte. Also auch Zeit für Schlaf und Erholung, allerdings ist dies nicht sein Anspruch. »Wolfgang war auch in dieser Nachtphase mit dabei. Ich spürte, wie der Anstieg mir visuell entglitt, ich konnte nichts dagegen tun außer trinken, essen und weiter fahren. Gegen 2:30 Uhr musste ich oben am Berg anhalten, da mir die Augen zufielen.« Was tun? Aus Mausers in der Trikottasche verstautem Radio strömt Musik der ARD-Popnacht durch die klare und kühle Nacht, und Rinn hat eine zündende Idee. Er telefoniert kurzerhand mit dem Studio und handelt ein Interview aus. »Die Abwechslung ließ die Müdigkeit verfliegen, und 30 Minuten später waren wir mit der Aktion live im Radio und klären ein paar Minuten lang die Hörerschaft über unsere Aktion auf.« Über das Mysterium Psyche ließe sich trefflich streiten. Körper und Geist allerdings als getrennte Sphären wahrzunehmen wie einst noch im Descartes’schen Dualismus formuliert, am Falkenberg wird ein weiterer Gegenbeweis angetreten, dass es nur zusammen möglich ist: Körper und Geist.

Sonntag, 8. Mai, 5:01: 25 026 Höhenmeter sind geschafft, das Ziel nur scheinbar nah, weil noch weit entfernt. Denn »gegen die Müdigkeit gewinnt man nicht so leicht, auch die frisch aufgehende Sonne kann da nichts ausrichten. Und so stand ich auf der Straße und wurde von der Müdigkeit fast dahingerafft: stehen ging noch, fahren kaum.« Während Mausers nächtlicher »Schatten« inzwischen eine Mütze Schlaf in seinem Caddy nimmt, ist der Mediziner nun auf sich allein gestellt. »Ich musste mich entscheiden, ob ich jetzt so richtig reinhaue oder mich übermannen lasse. Koffein, Ablenkung und Begleitung, alles hatte in diesem Moment keinen Erfolg.« Mauser, der quasi rund um die Uhr auch medizinisch betreut wird, erhält Grünes Licht, entscheidet sich »fürs Reinhauen, Reintreten, Weiterfahren.« Wie auch immer er das macht.

Sonntag, 8. Mai, 8:15 Uhr: Inzwischen haben sich wieder Mitstreiter, Unterstützer, Familienmitglieder und Freunde am Falkenberg eingefunden. Nach 50:30 Stunden (netto 37:36), 564 Auf- und Abfahrten mit 26 850 Höhenmetern und einer Gesamtlänge von 398,6 Kilometern steigt Mauer von seinen Delta-Bike-Cannondale-Rad, ein letztes Mal. Es ist geschafft.

Die Zeit danach: Wem gilt es zu danken? »Eva, meiner Frau, nicht nur für die Zeit des Triples, in der sie sich um die Kinder gekümmert hat, sie war auch an der Strecke.« Natürlich seinen Kindern. Und seinen Eltern, »die mich bei solchen Aktionen immer unterstützen und die schon so manche Nacht durchgemacht haben, um sich um mich zu kümmern. Nicht zu vergessen Begleiter wie Oli Harsy oder Wolfgang Rinn und die Organisatoren der Tour der Hoffnung, zumal »Wolfgang in den härtesten Nachtzeiten auf dem Sattel neben mir war«. Das mit seiner Steilheit für Deutschland und Europa einmalige Triple-Everesting ist auch ein Verdienst der »medizinischen Betreuungscrew, die lange Nächte durchzustehen hatte, um auf mich zu achten«. Überhaupt: »Die mittelhessische Fahrrad-Community lebt.«

Stimmen: »Daniel Mauser ist der Chuck Norris unter den Extremsportlern«

Dr. Iris Schleicher (medizinische Betreuungscrew): So, wie ich Daniel als Arzt kenne - ruhig, besonnen und sehr umsichtig, einen Kollegen, mit dem man einfach gerne zusammenarbeitet -, so habe ich ihn auch während dieser phänomenalen Leistung beim Triple-Everesting erlebt. Die körperliche Leistung, die sowieso seinesgleichen sucht, aber auch die mentale Stärke dazu erscheint mir fast schon übermenschlich. Und im größten Stress bewahrt Daniel immer noch Umsicht und hat stets ein gutes Wort übrig. Hut ab.«

Wolfgang Rinn (Begleitfahrer, Mitorganisator Tour der Hoffnung): Was war das für ein intensives Wochenende. Ich freue mich riesig für Daniel, dass sein Triple-Everesting so erfolgreich wurde. Alle Arbeit für den gute Zweck mit Momenten, die mir ewig in Erinnerung bleiben werden. Gibt es was Schöneres, als nachts Rad zu fahren, um mit den »beklopptesten« Ideen jemand vom Schlaf abzuhalten?! Ein völliges Rätsel wird mir immer bleiben, wie ein Mensch in 50 Stunden 26 544 Höhenmeter fahren kann, nie die Kontrolle verliert und trotz aller psychischer Belastung stets einen freundlichen Ton anschlägt. Gerne war ich nachts sein Flügelmann. Typisch für Daniel: Nicht ich, sondern eher er hatte das schlechte Gewissen, weil er mich um meinen Schlaf brachte.«

Oliver Harsy (Begleitfahrer): Daniel Mauser ist der Chuck Norris unter den Extremsportlern. Wer Chuck Norris nicht kennt, dem sei gesagt: Wie viele Liegestütze schafft Chuck Norris? Antwort: ALLE. Bei Daniel ist es wie bei Chuck Norris. Daniels Kopf stellt seinem Körper eine Aufgabe und dann wird das eben gemacht. Bei mir ist das etwas anders. Auch ich stelle mir gerne große Aufgaben, aber spätestens bei der Hälfte der Aufgabe fängt mein Körper und mein Kopf an zu diskutieren, ob das alles wirklich so sein muss, oder ob man nicht viel lieber auf der Couch liegen könnte. Als ich am frühen Sonntagmorgen erneut zum Berg des Grauens gefahren bin, um Daniel bei den letzten Metern etwas zu helfen, war ich ziemlich baff.

Daniel sah aus, als wäre er gerade erst losgefahren. Völlig frisch in Körper und Geist und er fuhr wesentlich schneller hoch als noch am Abend zuvor. Ich konnte da nur mit Mühe ein paar Kilometer mitfahren. Nach wie vor frage ich mich, wie ein Mensch das schaffen kann und wie viel mehr wäre da noch drin gewesen? War dieser Mann wirklich am persönlichen Limit?

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Mauser6_100522_4c © Red
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