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Kindeswohl im Sport: Was Eltern und Vereine tun können

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Selbst bei simplen unterstützenden Tätigkeiten haben Übungsleiter die Regeln zum Kindeswohl zu beachten. SYMBOLFOTO: SPORTJUGEND © Red

Wie können Fälle sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen im Sport verhindert werden? Die Sportjugend Hessen weiß Rat.

Sabine Bertram ist Projektleiterin »Kindeswohl im Sport« bei der Sportjugend Hessen im Landessportbund und selbst Mutter. Schon von solchen Fällen sexualisierter Gewalt zu lesen, die ein ehemaliger Jugendfußballtrainer des SV Wehen Wiesbaden ausgeübt haben soll, schmerzt sie und viele, viele andere. Das kann und will man sich nicht vorstellen. Und kein Vorstand kann sich vorstellen, dass einer der Übungsleiter in seinem Sportverein zu so etwas fähig ist. Bei uns? Nie im Leben!

Mit Sicherheit sind solche Fälle auch die absolute Ausnahme, sagt Sabine Bertram. Worum es in erster Linie gehe und was sie seit dem Projektbeginn beschäftige, sei die Grauzone, sagt sie. Wann ist das Kindeswohl in der Vereinsarbeit tatsächlich gefährdet? Das kann ja bereits mit psychischer Druck im Training anfangen. Durch die Vernachlässigung Einzelner, durch die Erzeugung von Leistungsdruck.

Was ist zeitgemäß?

Keine Frage: Ohne einen gewissen Druck dürfte es kaum möglich sein, Erfolge zu erzielen. Doch wann werden von Trainern Grenzen überschritten? Früher war ein aufmunternder Klaps auf den Po im Wettkampf, die Umarmung eines Kindes bei der Siegerehrung gang und gäbe. Aber welche verbalen und nonverbalen Vorgehensweisen von Übungsleitern sind heute noch zeitgemäß?

Ein Leitsatz sollte immer im Zentrum sehen: Ein Kind muss sich wohlfühlen. Die Antwort auf die Frage, ob dem auch so ist, erfordere eine ganz differenzierte Betrachtungsweise von allen Beteiligten, weiß Bertram. »Umso mehr Vereine wir für das Thema Kindeswohl sensibilisieren, umso mehr Eltern genau hinschauen, desto besser ist das.«

Seit 2019 fließen Gelder des Hessischen Ministeriums des Innern und für Sport zur Förderung von zwei Projekten, die bei der Sportjugend Hessen bis dato für die Dauer von drei Jahren angelegt sind. Sie sind quasi die Antwort auf die »Safe-Sport-Studie« der Sporthochschule Köln, die 2016 erschütternde Ergebnisse brachte. Etwa ein Drittel von 1799 befragten Kadersportler/-innen (über 16 Jahre alt, aus 128 Sportarten) hatte bei einer Online-Befragung angegeben, schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erlebt zu haben.

Im ersten Projekt unterstützt Sabine Bertram mit den Referentinnen Ann-Kristin Pieper und Anna Stender die Weiterentwicklung von umfassenden Kindeswohl-Schutzkonzepten in Verbänden und Sportinternaten. Das zweite zielt auf die Arbeit an der Basis ab. Unter dem Motto »Schützen/Fördern/Beteiligen in Sportkreisen und Vereinen« soll eine dezentrale Präventionsstruktur aufgebaut werden. Berater der Sportjugend arbeiten mit 25 Vereinen direkt zusammen (siehe Extra-Text), zudem werden in fünf Modell-Sportkreisen (Hochtaunus, Groß-Gerau, Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder, Lahn-Dill) Kindeswohl-Beauftragte begleitet. Im Hochtaunus übt Prisca Hawlitschek dieses Amt aus. Die Kindeswohl-Beauftragten fungieren nicht nur als Ansprechpartner für die Vereine, sie führen auch Fortbildungen und Informationsabende für Vereinsvertreter durch.

Rund 100 Veranstaltungen begleitete die Sportjugend in diesem Jahr. Meistens waren sie ausgebucht. Die Nachfrage steigt.

Im Zentrum der präventiven Arbeit steht ein Verhaltenskodex zum Umgang mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Sportjugend empfiehlt den mehr als 6000 hessischen Sportvereinen, diesen von ihren Übungsleitern unterschreiben zu lassen. Lizenzinhaber sind dazu sogar verpflichtet. Hauptberufliche und auch ehrenamtliche Trainer versichern damit, sich an Verhaltensregeln zu halten. Zu diesen gehört, dass man körperlichen Kontakt nicht gegen den Willen des Sportlers aufnimmt, nicht alleine mit einzelnen Kindern und Jugendlichen duscht oder übernachtet, nicht einzelne junge Sportler nach Hause zu sich einlädt oder Fotos von Kindern und Jugendlichen in sozialen Medien verbreitet.

Des Weiteren sind die Jugendämter der Landkreise einer gesetzlichen Verpflichtung nachgekommen. So wurde auch im Hochtaunus in Zusammenarbeit mit dem Sportkreis den Vereinen vorgeschlagen, eine Vereinbarung zu unterzeichnen. Die Sportvereine sollen dieser Vereinbarung zufolge binnen zwölf Monaten ein Kindeswohl-Konzept erstellen und ein erweitertes Führungszeugnis von neben- und ehrenamtlich tätigen Personen verlangen, die im Nachwuchsbereich tätig sind. So werden mutmaßliche Wiederholungstäter »enttarnt«.

Diskurs vonnöten

Sehr selten habe man bisher mit Fällen zu tun gehabt, »bei denen die Behörden hinzugezogen werden mussten«, sagt Sabine Bertram von der Sportjugend Hessen. Und die Vereine stünden natürlich unter keinem Generalverdacht. »Jeder Verein sollte aber eine Haltung entwickeln, was für ihn vertretbar ist im Leistungssport, aber auch im Breitensport«, meint sie. Ein Diskurs zu diesem sensiblen Thema sei vonnöten. Vereine, aber auch Fachverbände seien da ganz unterschiedlich weit. Doch indem die Kultur des Hinsehens gefördert werde, ändere sich etwas, ist sich Sabine Bertram sicher. »Steter Tropfen höhlt den Stein.«

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