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Mit einem mulmigen Gefühl nach Katar

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Patrick Berger. © Red

Der Büdinger Patrick Berger und der Schottener Kerry Hau berichten für SPORT1 live von der WM aus Katar.

Vor dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft sprechen Berger (30) und Hau (29) mit unserer Redaktion über das anstehende Turnier.

Wie wird Ihre Arbeit vor und während der Weltmeisterschaft aussehen?

Berger: Wir reisen als dreiköpfiges SPORT1-Team. Kerry und ich werden dabei von unserem Kollegen Felix Fischer unterstützt. Wir berichten sowohl textlich als auch im Bewegtbild ausführlich auf SPORT1.de und in der App, schalten sonntags live aus Katar in den »Doppelpass«, nehmen zweimal pro Woche einen »WM-Spezial«-Podcast auf, schreiben Meinungsstücke, geben Einzelkritiken ab, berichten über Land und Leute.

Es wurde kritisch über die WM-Vergabe nach Katar berichtet. Ist es überhaupt sinnvoll, der WM Aufmerksamkeit zu schenken?

Hau: Die Vergabe der WM nach Katar ist das Resultat einer traurigen Entwicklung, die schonungslos zeigt, dass im Fußball zu viele Menschen das Sagen haben, denen es einzig und allein um Geld und Macht geht. Das Spiel und seine Fans rücken bedauerlicherweise in den Hintergrund. Ich kann deshalb jeden verstehen, der das nicht unterstützen möchte und die WM nur nebenbei verfolgt. Auch für mich birgt diese Veranstaltung einen großen Gewissenskonflikt. Denn auf der einen Seite ist es meine erste WM als Reporter; also eine besondere Lebenserfahrung, auf die ich mich freue. Auf der anderen Seite kann ich es nicht gutheißen, an einem Ort tätig zu sein, an dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden und Arbeiter ihr Leben opfern müssen, um Stadien zu errichten, die nur für knapp vier Wochen benötigt werden. Das ist Wahnsinn. Ich reise mit einem mulmigen Gefühl nach Katar.

Berger: Es ist vieles richtig, was Kerry sagt. Die WM hätte vor zwölf Jahren gar nicht erst nach Katar vergeben werden dürfen. Auch ich reise deshalb mit einem komischen Gefühl dorthin. Trotz allem spüre ich eine gewisse Vorfreude. Eine WM ist für einen Reporter ein absoluter Höhepunkt. Wir können in wenigen Tagen viele Spiele schauen, ohne dabei weit reisen zu müssen. Das am weitesten weg gelegene Stadion ist 30 Kilometer von unserem Standort entfernt. Die Wege sind also so kurz wie noch nie bei einem großen Turnier. Das ist einer der wenigen Vorteile dieser umstrittenen WM. Es ist wichtig, dass wir über dieses Turnier berichten und auf die vielen Missstände vor Ort hinweisen. So erhält das Thema eine weltweite Aufmerksamkeit. Die FIFA und Katar stehen seit Monaten unter einem enormen medialen und sportpolitischen Druck.

Wird dort überhaupt so etwas wie WM-Stimmung aufkommen?

Hau: Ich hatte neulich aber die Gelegenheit, mit Ex-Nationalspieler Amin Younes zu sprechen, der bis vor Kurzem in Saudi-Arabien aktiv war. Und er meinte, dass selbst auf heimischen Kreisliga-Plätzen mehr Stimmung aufkomme als in Stadien im arabischen Raum. Sicher werden einige Fans aus aller Welt nach Katar reisen und auf den Rängen für Furore sorgen. Aber wenn man allein die Tatsache berücksichtigt, dass zwar 35 000 Tickets an deutsche Fans gegangen sind, diese Zahl aber deutlich unter der von 2018 und 2014 liegt, dann muss man sich auf weniger WM-Stimmung einstellen als sonst - auch wenn die FIFA seit Monaten davon spricht, dass uns »die beste WM aller Zeiten« erwarte.

Berger: Es wird sicherlich ein völlig anderes Turnier. Ich war 2017 zu meiner Zeit als Pressesprecher der Füchse Berlin in Katar zur Handball-Klub-WM. Dass die Kataris sportbegeistert sind, habe ich nicht wahrgenommen. In der Halle haben gekaufte Fans, die das Spiel nicht mal richtig verstanden haben, versucht für Stimmung zu sorgen. Nun ist Handball dort aber auch eine Randsportart, Fußball ist viel populärer. Ich rechne vor Ort also schon mit Stimmung, gerade wenn man sieht, wie viele Tickets nach Südamerika, die Arabische Halbinsel, Australien oder England vergeben wurden. In Doha selbst wird, denke ich, keine WM-typische Stimmung aufkommen. Viele Fans, und im Übrigen teilweise auch die Familien der deutschen Nationalspieler, können sich die überteuerten Hotels schlichtweg nicht leisten und wohnen deshalb in Dubai, wie wir gehört haben. Deshalb wird es diese klassische WM-Stimmung in Katar wohl eher nicht geben.

Wird es den Star im DFB-Team geben?

Hau: Wenn es jemanden im deutschen Team gibt, dem ich die Star-Rolle bei der WM zutraue, dann Jamal Musiala. Ich habe noch keinen 19-Jährigen gesehen, der auf diesem Niveau mit so einer Freude und Unbekümmertheit auftritt und dabei trotzdem so reif wirkt wie er. Musiala hat schon jetzt das Potenzial zum Ausnahmespieler - und wird seine starke Verfassung unter seinem Lieblingstrainer Flick noch einmal verbessern.

Berger: Da stimme ich Kerry voll zu. Jamal Musiala wird der aufgehende Stern bei dieser WM. Leider ist Florian Wirtz verletzt, ihm hätte ich das auch absolut zugetraut.

Welche Rolle trauen Sie Flicks Mannschaft zu?

Berger: Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der WM in Russland muss das DFB-Team kleinere Brötchen backen. Als Nachfolger von Joachim Löw hat Flick einen neuen Kurs eingeschlagen. Er bezieht die Vereinstrainer eng mit ein, ist am Wochenende in vielen Stadien vor Ort und spricht zudem viel mit den Spielern. Genau das hat zuletzt gefehlt. Ich finde es übrigens super, dass die Spieler intern den WM-Titel als Ziel ausgerufen haben. Sie selbst müssen an das Maximum glauben. Ich persönlich bin da aber skeptisch. Das Erreichen des Viertelfinals wäre ein Erfolg.

Hau: Wir sollten wirklich nicht erwarten, dass diese Mannschaft den Titel holt. Sie befindet sich nach wie vor im Wandel und Flicks Ziel muss es sein, bis zur Heim-EM 2024 ein absolutes Spitzenteam zu formen. Für den großen Wurf fehlen uns meiner Meinung nach das Top-Niveau auf den Außenverteidiger-Positionen sowie ein echter, verlässlicher Neuner à la Eric Maxim Choupo-Moting. Wenn die Mannschaft ins Halbfinale käme, würde ich das schon als eine Riesensache werten.

Wer wird Weltmeister, wer Spieler des Turniers?

Hau: Ich sehe derzeit - ähnlich wie in der Champions League - keine Übermannschaft. Die Franzosen und die Brasilianer sind natürlich mit brutaler Qualität im Offensivbereich bestückt, während die Spanier wie immer viele gute »Zocker« im Mittelfeld haben und die Belgier mit dem aktuell besten Torhüter Thibaut Courtois und »Alleskönner« Kevin de Bruyne automatisch als Anwärter auf den Titel zu betrachten sind. Es wird wie bei jedem Turnier mit K.-o.-Spielen vor allem auf zwei Faktoren ankommen: Fitness und Teamgeist. Daher könnte auch ein spielerisch schwächeres, mit weniger Stars bestücktes Team am Ende für eine Überraschung sorgen. Was den Spieler des Turniers angeht, habe ich einen Geheimtipp: Federico Valverde aus Uruguay.

Berger: Argentinien und Brasilien sind meine absoluten Favoriten. Ihr Vorteil, und das meine ich völlig wertfrei: In diesen Ländern spielen die Missstände in Katar und die WM mit all ihren negativen Begleiterscheinungen nur eine untergeordnete Rolle. Sowohl die Spieler als auch die Bevölkerung dort blenden diese Themen aus und konzentrieren sich rein auf den Fußball. Die beiden Nationen können sich daher nur selbst schlagen. Die Engländer sind trotz der blamablen Leistungen mein Geheimtipp. Wenn diese Mannschaft über sich hinauswächst und defensiv stabiler steht, ist alles möglich. Spieler des Turniers wird Harry Kane!

Zum Schluss noch einmal Katar: Wird nach dem Turnier auch noch über die Menschenrechtsverletzungen in diesem Land gesprochen? Oder ist nach der WM wieder alles vergessen?

Hau: Vergessen auf keinen Fall. Für mich steht rund drei Wochen nach dem Turnierende schon wieder eine Reise mit dem FC Bayern nach Doha an, wo sich dann aller Voraussicht nach auch entscheiden wird, ob der deutsche Rekordmeister seine viel kritisierte Partnerschaft mit Qatar Airways verlängert oder nicht. Das Thema Katar wird in Deutschland also weiterhin präsent sein - und das ist nicht schlecht, so lange Vereine wie Bayern nicht nur dorthin reisen, um mal schnell ein paar Millionen zu kassieren, sondern sich auch kritisch mit den Missständen auseinandersetzen und wirklich aktiv etwas unternehmen, um daran etwas zu ändern. Ich persönlich hoffe, dass ich in Zukunft von solchen Großveranstaltungen nur noch aus Ländern berichten darf, in denen Fußball »geatmet« wird - und in denen jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, gleich viel wert ist.

Berger: Ich hoffe nicht, dass diese wichtigen Themen in Vergessenheit geraten, habe aber meine Zweifel. Die WM hat in Südafrika, Brasilien oder Russland auch keine tiefgründigen Veränderungen herbeigeführt - im Gegenteil! Was man bei all der berechtigten und wichtigen Kritik an Katar meiner Ansicht nach nicht außer Acht lassen sollte: Wir dürfen nicht immer mit unserem westlichen Ansichtshammer rangehen. Bier und Bratwurst gehören für uns beispielsweise zum Fußball dazu. Dass es das in einem Emirat wie Katar nicht gibt, sollten wir allerdings respektieren. Nicht zu diskutieren sind dagegen Menschenrechte. Das hat nichts mit Kultur zu tun! Ich hoffe, dass in Zukunft auch Kriterien wie die Menschenrechtslage oder die Pressefreiheit bei einer WM-Vergabe berücksichtigt werden. Von Torben Frieborg (tfr)

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Kerry Hau © Red

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