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Till macht den »Wolle« stolz

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Von: Ralf Waldschmidt

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Gefragter Interview-Gast in der Mixed-Zone der Buderus-Arena: Wetzlars Nationaltorhüter Till Klimpke. © Oliver Vogler

Der Dutenhofener Till Klimpke hütet neben Andreas Wolff bei der Handball-EM das Tor des deutschen Nationalteams. Beim Testspiel-35:34 über Olympiasieger Frankreich am Sonntag in Wetzlar steht der 23-Jährige in der Startformation.

Oben auf der Tribüne der Buderus-Arena saß die Familie Klimpke nebeneinander und verfolgte aufmerksam den Länderspiel-Auftritt von Till Klimpke. Nach außen hin ließen sich Papa Wolfgang, Mama Ruth und Bruder Ole nicht anmerken, wie stolz sie in diesem Moment in ihrem tiefsten Inneren auf ihr 23-jähriges Familienmitglied waren. »Was kann es Größeres geben, als für sein Land zu spielen«, hatte der Junior kürzlich artikuliert. Was also kann es Größeres geben, als den eigenen Sohn/Bruder in seiner Heimat zwischen den Pfosten im Nationaltrikot gegen Olympiasieger Frankreich spielen zu sehen!

Wolfgang »Wolle« Klimpke, der sich in seiner Bundesliga-Laufbahn selbst nie groß um ein Interview gerissen hatte, kamen nach dem 35:34 (14:18)-Erfolg des DHB-Teams und dem 28-minütigen Auftritt von Filius Till dann aber doch ein paar bewegte Worte über die Lippen. »Es macht mich natürlich stolz, sehr stolz. Keine Frage.« Der ehemals zupackende Abwehrspezialist und selten zurückziehende Kreisläufer dürfte während der Partie seinem weichen Kern schon etwas Freiraum gegeben haben, »man sollte aber nicht gleich zuviel erwarten von ihm. Till war schon etwas nervös, das hat man ja auch gesehen.«

Während Sohn Till am Mittwoch mit der DHB-Auswahl als Nummer zwei neben Andreas Wolff nach Bratislava zur Europameisterschaft vom 13. bis 30. Januar fährt (Bundestrainer Alfred Gislason: Till Klimpke bekommt seine Chance«), begibt sich die Familie Klimpke zwar in den Winterurlaub, Vater Wolfgang aber versichert: »Ich werde jedes Spiel am Fernsehen verfolgen.«

Till Klimpke selbst stand in Wetzlar gegen die Franzosen gleich -- wie abgesprochen - in der Startformation. Hinter einer allerdings neuformierten Deckung. Im Zentrum ersetzte Simon Ernst neben Johannes Golla bzw. Patrick Wiencek den zu Hause gebliebenen Abwehrchef Hendrik Pekeler, rechts daneben startete Bundestrainer Alfred Gislason einen Versuchsballon mit den beiden Halbrechten Christoph Steinert und Kai Häfner, um zwei Abwehr-/Angriff-Wechsel (Gislason: »International kann man sich das nicht mehr leisten«) zu vermeiden.

Kein Wunder, dass der 23-jährige HSG-Keeper gegen die im Positionsangriff passhart und tempostark agierenden Franzosen um Spiel- macher Kentin Mahe (VSC Vezprem), Scharfschütze Dika Mem und Kreisläufer Ludovic Fabregas (beide FC Barcelona) lange keine Hand an den Ball bekam. »Till hatte zu Beginn nicht ganz so die Abwehr vor sich«, ordnete der Bundestrainer dessen Leistung ein. Für Klimpke (»Das ist ein Gewöhnungsprozess«) aber eigentlich nichts Neues, auch bei seinem Bundesligaclub HSG Wetzlar setzt Trainer Benjamin Matschke auf sich verändernde Abwehrformationen.

Die erste von vier Paraden glückte Klimpke in der elften Minute gegen den sprung- und wurfstarken Rückraum-Linkshänder Dika Mem (3:4). In der 18. Minute entschärfte die Nummer 98 nacheinander sowohl erneut gegen den Champions-League-Sieger vom FC Barcelona als auch gegen den Halblinken Thibaud Briet vom HBC Nantes und hatte somit doch ein klein wenig Anteil am 9:9-Zwischenstand (19.). Über das 10:14 (25.) blieb dem gebürtigen Gießener bis zum 13:16 (28.) jedoch nur noch ein weiterer parierter Wurf des ehemaligen Bundesliga-Spielmachers Kentin Mahe (u. a. HSV) vergönnt, weshalb zwei Minuten vor der Pause 2016er-Europameister Andreas Wolff im DHB-Gehäuse übernahm.

Den eigenen Arbeitstag und den der deutschen Nationalmannschaft beschrieb Till Klimpke nach dem Last-Minute-Siegtreffer von Luca Witzke (59:59) zum 35:34-Erfolg in der Mixed-Zone, wo er als lokaler Newcomer natürlich zu den gefragtesten Interview-Partnern zählte: »Nach so einem Sieg fahren wir mit einem guten Gefühl zur EM, wir müssen aber auf dem Boden bleiben. Heute hat in der ersten Halbzeit die Emotion in der Abwehr etwas gefehlt, das war in der zweiten Hälfte besser. Da haben wir in der Abwehr viele Bälle gewinnen und vorne einfache Tore werfen können. Wichtig war, dass wir uns auch nicht von einem deutlichen Rückstand haben beirren lassen. Ich denke, man hat gesehen, dass sich ein richtig guter Teamspirit entwickelt.«

Den eigenen Auftritt betrachtete das Dutenhofener Torwart-Talent etwas kritischer. »Mit meiner Leistung bin ich nicht zufrieden, ich habe der Mannschaft kaum helfen können. Andreas Wolff hat das Spiel in der zweiten Halbzeit eher geprägt und dem Team Rückhalt gegeben«, resümierte Klimpke und räumte ein, dass die Partie vor dem lokalen Hintergrund schon etwas Besonderes für ihn war: »Es war immer mein Ziel, in die Nationalmannschaft zu kommen. Dass ich es so früh geschafft habe, ist einfach unglaublich. Die Partie war sehr emotional für mich. Für meine Heimat hätte ich mir gewünscht, dass die Halle voll gewesen wäre.«

Bundestrainer Alfred Gislason hatte auf der Pressekonferenz natürlich einige Fragen zu Till Klimpke zu beantworten. »In einem Spiel mit 13 technischen Fehlern gehst du eigentlich hoffnungslos unter gegen Frankreich. In der zweiten Halbzeit stand die Abwehr besser, da war es für Andy Wolff leichter an die Bälle zu kommen. Till hält vier, Andy sechs Bälle. Die technischen Fehler waren ja praktisch Eigentore von uns, das ist dann ein Spiel, in dem es die Torhüter schwer haben. Till ist aber ein Riesentalent, deshalb haben wir beschlossen, das Andy und er die Spiele in Mannheim und Wetzlar bestreiten.«

Deutschland im Umbruch und neuformiert, Frankreich corona- und verletzungsbedingt geschwächt. Da wurde nach dem 15:20 (33.) die stabilere, defensivere Deckung mit Steinert, Wiencek, Golla und Kühn vor Keeper Wolff u. a. gegen den zuvor oftmals freigespielten Weltklasse-Kreisläufer Ludovic Fabregas zu einem Faktor.

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