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EC Bad Nauheim: Warum im Dschungel von Costa Rica die Daumen gedrückt werden

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Von: Michael Nickolaus

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Markus Riemer und seine Frau Eva (beide im Hintergrund) verfolgen mit Nachbarn und Angestellten in Costa Rica regelmäißg die Spiele des EC Bad Nauheim. © Red

Mehr als 9000 Kilometer, mehr als 13 Flugstunden von Bad Nauheim entfernt. Im Dschungel von Costa Rico werden den Roten Teufeln die Daumen gedrückt. Das hat einen guten Grund.

Playa San Miguel auf der Halbinsel Nicoya. Mehr als 9000 Kilometer, 13 Flugstunden und acht Zeitzonen von Bad Nauheim entfernt. Mitten im Dschungel von Costa Rica. Irgendwo zwischen Brüllaffen, Nasenbären und Opossums. Hier, in der Palmetto Lodge, werden dem EC Bad Nauheim die Daumen gedrückt.

Zweimal wöchentlich kommen sie zur Mittagszeit vor dem Großbildfernseher auf dem Pool-Deck zusammen. Mal zu acht, mal zehnt, mal zu zwölf sitzen sie hier in oft viel zu großen rot-weißen Jerseys, trinken aus Plastikbechern, schwenken ihre Schals und versuchen via Livestream einer kleinen Hartgummischeibe und in einer vielen so fremden Sportart zu folgen. Markus Riemer, vor eineinhalb Jahren mit seiner Frau Eva aus Wöllstadt ausgewandet ist, hat Eishockey an die mittelamerikanische Pazifikküste gebracht und bei Nachbarn und Angestellten die Neugierde auf die Roten Teufel geweckt.

»Anfangs hat man sich gefragt, was denn wohl auf dem Laptop gerade passiert ist, dass ich mich auf der Terrasse so aufrege«, erinnert sich Riemer und lacht. »Irgendwann hat mir der eine oder andere über die Schulter geschaut - und zu den Playoffs der vergangenen Saison haben wir dann erstmals ein kleines Event daraus gemacht.«

In der Wetterau kennt man den 57-Jährigen als Produzenten der sechsteiligen Dokumentation »Wir sind die Legende«. In der Saison 2018/19 hatten Riemer und sein Team den Eishockey-Zweitligisten eng begleitet. Die Corona-Pandemie mit der mangelnden Auftragslage für seine PR-Agentur hat die Pläne der Riemers, auszuwandern, dann beschleunigt. Der Diplom-Journalist und seine Frau haben in Costa Rica eine neue Heimat gefunden, eröffnen hier im Dezember ihre Lodge für Touristen - und gehen in ihren so ungewohnten Rollen richtig auf. »Vor 30 Jahren hat sich Auswandern sicherlich noch anders angefühlt. Mit den heutigen Kommunikationsmitteln ist leichter, mit Freunden und Familie in Kontakt zu blieben.« Und natürlich mit dem EC Bad Nauheim.

Seit 1977 verfolgt Riemer die Roten Teufel. Er hat Rainer Philipp noch im VfL-Trikot gesehen, er hat Insolvenzen erlebt und Wiederaufstiege gefeiert. Trikots, Schals, Becher, Mützen, Tshirts und vieles mehr hat das Ehepaar aus der Wetterau mitgebracht. »Wir versuchen ein bisschen Stadion-Atmosphäre zu vermitteln.« Nur eine Bezugsquelle für Rindswurst, die habe man noch nicht gefunden, lacht Riemer, während die Gruppe um den Bildschirm zunehmend wächst. Die Nachbarn in der touristisch noch weitgehend unerschlossenen und weitläufigen Region, sind spontan vorbeigekommen; wie passend: Auch sie sind Auswanderer, stammen aus Frankfurt und Landshut, ehemaligen und aktuellen Konkurrenten der Roten Teufel.

In Costa Rica ist Fußball der Nationalsport - danach kommt lange nichts. Bei der WM in Katar sind die Mittelamerikaner Gruppengegner von Deutschland. Das wird in der Palmetto Lodge am Tag vor der offiziellen Eröffnung natürlich gefeiert. Und entsprechend ungewohnt ist für die fußball-verrückten Einheimischen das Spiel mit Schlittschuhen und Puck auf eisigem Untergrund. Bei den ersten Versuchen, den »Ticos«, wie die Costa Ricaner genannt werden, Eishockey näher zu bringen, habe er unweigerlich an das olympische Abenteuer einer Bob-Mannschaft aus Jamaika denken müssen, das einst Geschichte schrieb. Wen wundert’s, bei 30 Grad im Schatten und einer erfrischenden Brise, die die wenigen Hundert Meter vom Ozean herüberweht und die Übertragung begleitet?

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