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Wehmut: Kerstin Garefrekes vor dem von ihrem Fanclub zum Abschied gemalten Abbild.

Kerstin Garefrekes

Abschied der „Großen Dame“

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Kerstin Garefrekes beendete am Montag nach 18 Jahren Bundesliga, davon die vergangenen zwölf im Trikot des 1. FFC Frankfurt, ihre großartige Fußball-Karriere.

Der Abschied war emotional: Unzählige Fans kamen zum letzten Saisonspiel des 1. FFC Frankfurt an das Brentanobad, nur um ihr Idol zu verabschieden. Ehemalige Mitstreiterinnen wie Birgit Prinz, Doris Fitschen, Sandra Smisek, Conny Pohlers, Nia Künzer, Marleen Wissink, Louise Hansen, Christina Zerbe, Uschi Holl und Stephanie Ullrich sowie die frühere Trainerin Monika Staab standen bei ihrem Abschied Spalier und feierten später eine Abschiedsparty. „Ich freue mich, dass so viele Menschen gekommen sind, um sie zu würdigen. Sie hat den richtigen Zeitpunkt zum Abschied gefunden, zwölf Jahre lang war sie ein Gesicht des 1. FFC Frankfurt. Sie hat den Abschied, den nicht jede der langjährigen FFC-Spielerinnen erhalten hat, voll und ganz verdient“, sagte Sandra Smisek.

Alle waren sich einig: Mit Kerstin Garefrekes verliert nicht nur der Frankfurter Verein eine große Spielerin, die mehr als ein Jahrzehnt auf Weltklasse-Niveau spielte, sondern der gesamte deutsche Frauenfußball eine seiner größten Persönlichkeiten. „Mit ihr geht die letzte der großen Generation um Prinz, Fitschen, Steffi Jones, Maren Meinert oder Bettina Wiegmann, die den Frauenfußball in Deutschland, ja sogar weltweit geprägt haben“, sagte Monika Staab. Es gäbe immer weniger solche Typen, die immer 100 Prozent Einsatz zeigen, immer mit großer Leidenschaft kämpfen, immer die Mannschaft im Vordergrund sehen.

Typisch für Garefrekes ist ihre Antwort auf die Frage nach ihrem größten Erfolg: „Ich musste immer an meine Leistungsgrenze gehen, damit die Mannschaft erfolgreich bleibt.“ Es gab in ihrer Karriere viele Erfolge: Sie war je zwei Mal Weltmeisterin (2003, 2007), Europameisterin (2005, 2009) und Olympia-Dritte (2004, 2008), drei Mal Champions-League-Siegerin (2006, 2008, 2015), drei Mal Deutsche Meisterin (2005, 2007, 2008) und vier Mal DFB-Pokalsiegerin (2007, 2008, 1011, 2014). Hätte sie sich 2011 nach zehn Jahren Nationalmannschaft nicht für einen Rücktritt entschieden, stünden viel mehr als „nur“ 130 Länderspiele zu Buche. „Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Auch nicht den Rücktritt aus der Nationalmannschaft und jetzt vom Fußball überhaupt“, sagte sie nach ihrem 355. und zugleich letzten Bundesligaspiel.

Das hätte die 36-Jährige beinahe mit einem Kopfballtor beendet. In der 83. Minute stieg sie in ihrer unnachahmlichen Art hoch – genauso wie beim legendären Kopfballtor, mit dem sie 2003 das 1:0 gegen die USA erzielte und mit dem der Grundstein zum 3:0-Halbfinaltriumph gegen die Gastgeberinnen eingeleitet wurde, der drei Tage später im Gewinn der Weltmeisterschaft durch das Golden Goal von Nia Künzer gipfelte. Nur, dass diesmal der Ball um Zentimeter vorbeiging. Sekunden später wurde das Spiel für mehrere Minuten unterbrochen. Um den Mitstreiterinnen auf dem Rasen sowie den über 2000 Fans auf den Rängen die würdige Verabschiedung der ausgewechselten „Grand Dame“ des deutschen Frauenfußballs zu ermöglichen. „Noch betrachte ich es bloß als das Saisonende. Aber wenn die neue Saison losgeht und ich nicht dabei bin, dann werde ich realisieren, dass es ein Abschied für immer ist.“

Mit Blick auf ihr Leistungsvermögen hätte sie ruhig weiterspielen können. Es gab in der Bundesliga immer noch kaum eine Spielerin, die kämpferisch so viel in die Waagschale werfen kann und so uneigennützig für ihre Mannschaft spielt wie Garefrekes. Torschützenkönigin war sie trotz insgesamt 246 Bundesligatoren nur einmal. Kein Wunder. Selbst als sie am letzten Spieltag 2011 nur einen Treffer hinter der führenden Conny Pohlers lag, bediente sie völlig frei vorm Tor stehend lieber ihre Mitspielerin, der sie die Torjägerkanone gönnte.

Kerstin Garefrekes wechselte den Verein nur einmal: 2004 kam sie nach sechs Jahren von Heike Rheine nach Frankfurt. FFC-Manager Siegfried Dietrich erinnert sich noch gut, wie oft er mit Monika Staab nach Rheine fahren musste, um sie zu überzeugen. „Kerstin wusste, dass es für ihre Karriere besser wäre, in einem Spitzenverein zu spielen. Sie war aber bodenständig, wollte Rheine nicht verlassen. So wie sie dann zwölf Jahre lang uns die Treue gehalten hat.“ Sie selbst bezeichnete ihren damaligen Wechsel als eine Mischung aus Kopf- und Bauchgefühl. „Es war eine große Umstellung. Aus Rheine in eine Großstadt. In Frankfurt wartete auf mich die höhere körperliche Belastung, die erste eigene Wohnung, ein neuer Job und eine neue Universität.“ Bis 2009 war sie von der Stadtverwaltung Rheine, wo sie als Beamtin arbeitete, für die Zeit des Studiums in Frankfurt freigestellt. „Ich habe mir schon ernsthafte Gedanken über eine Rückkehr gemacht. Aber ich hing mittlerweile am FFC, an meinen Mitspielerinnen, an den tollen Fans und an der Stadt Frankfurt, die ich auf den zweiten Blick lieben gelernt habe.“ In der Main-Metropole fand sie einen Job bei der Stadt-Kämmerei. „Bis zum 30. Juni bin ich Fußball-Profi. Danach werde ich meine Zeit hauptsächlich im Büro verbringen. Aber ich möchte gern auch im Fußball weiter arbeiten. In welcher Funktion, weiß ich noch nicht.“

Der Frauenfußball habe sich während ihrer Karriere sehr gewandelt. „Die Infrastruktur ist anders, die Trainer- und Betreuerteams größer, die Videoanalysen gründlicher, die Taktik flexibler. Vom Tempo her und vor allem in puncto Athletik hat sich sehr viel getan.“ Dass sie dennoch so lange Fußball spielen würde, hätte sie nicht einmal geträumt. „Wie sollte ich ahnen, dass mir mein Körper ermöglicht, mit Mitte 30 auf diesem Niveau in der Bundesliga zu spielen.“

Nun ist aber Schluss. Was bleibt, ist ein emotionaler Abgang. „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele kommen würden, um mich zu verabschieden. Danke Euch allen“, sagte sie, gerührt vor einem riesigen Bild von sich stehend, das ihr Fan-club für sie zum Abschied extra angefertigt hat.

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