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Geschwind geht es immer höher.

Extremsport Sportklettern

Ästheten in der Wand

Sie wollen hoch hinaus: Sportkletterer verbinden Kraft, Körperbeherrschung und Konzentration, um leichtfüßig und elegant bis zu 20 Meter hohe Kletterwände zu bezwingen. Die Besten dürfen in drei Jahren erstmals um olympische Medaillen klettern. Aus dem Hochtaunuskreis kommen gleich zwei ehrgeizige Nachwuchstalente.

Das Interesse am Klettern als Sportart nimmt kontinuierlich zu. Nicht nur in den Großstädten laden immer neue Kletter- und Boulderhallen (Boulder ist das englische Wort für „Felsbrocken“) dazu ein, die eigenen Koordinations- und Konditionsfähigkeiten an künstlichen Felswänden zu testen. Spätestens, seit das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschlossen hat, Sportklettern 2020 zur olympischen Disziplin zu erheben, rücken nationale und internationale Wettbewerbe verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Zuständig für diejenigen, die Klettern als Leistungssport betreiben, ist der Deutsche Alpenverein (DAV). In dessen Frankfurter Sektion trainieren auch zwei Nachwuchstalente aus dem Hochtaunuskreis.

Timon Schneider hat seine Leidenschaft für das Sportklettern erst relativ spät entdeckt. Erst seit vier Jahren ist der 17-Jährige dabei, wechselte damals vom Turnen. In dieser kurzen Zeit hat er sich in der Szene aber bereits einen Namen gemacht: Bei den Deutschen Meisterschaften im Leadklettern (nähere Informationen zu den Disziplinen siehe Infokasten) Anfang November im nordrhein-westfälischen Hilden erreichte er als einziger A-Jugendlicher das Herrenfinale und wurde dort Achter.

Als Belohnung gab es die Nominierung für den Perspektivkader der Nationalmannschaft. Wenn der in Köppern lebende Gymnasiast über seinen Sport redet, beginnen seine Augen zu leuchten: „Es wird nie langweilig. Jede Kletterroute, jeder Boulder ist wieder eine neue Herausforderung. Man ist mental und körperlich voll gefordert, um die Probleme der Routen zu bewältigen.“

Das sieht auch die 14-jährige Emma Bernhard so. In den drei- bis vierstündigen Trainings kann sie sich „extrem verausgaben“. Und das findet sie gut. Seit sie vier Jahre alt ist, schnallt sich die Oberurselerin den Klettergurt um oder hangelt geschickt an Boulderwänden entlang. Klettern ist bei ihr Familiensport: Wie sie verbringen auch der Vater, die Mutter und der achtjährige Bruder Anton viele Stunden in der Kletterhalle der DAV-Sektion Frankfurt an der Homburger Landstraße.

In diesem Jahr wurde Emma Bernhard unter anderem Westdeutsche Meisterin im Leadklettern. Ihr sportliches Ziel ist es, sich – ganz im Sinne ihrer Sportart – „immer weiter nach oben zu arbeiten“ und irgendwann einmal im Nationalkader zu stehen. Dafür fährt sie vier- bis fünf Mal pro Woche in die Trainingshalle. 90 Prozent sind reines Klettertraining, selbst zum Aufwärmen wird erst einmal „gebouldert“. Denn die Kunst dieser Sportart besteht darin, Bewegungsmuster zu verinnerlichen und das richtige Verhältnis von Fuß- und Armarbeit zu finden, um den Körper auf den kleinen Tritt- und Griffsteinen in die jeweils optimale Position für die nächste Bewegung zu bringen.

DAV-Trainerin Anna Gießel (33), selbst mehrfache Hessische Meisterin und in diesem Jahr Dreizehnte der Deutschen Meisterschaften, sieht bei beiden Nachwuchstalenten „noch deutlich Luft nach oben“. Von Emma und Timon könne man zukünftig noch einiges erwarten, ist sie sich sicher. Die Grävenwiesbacherin hat ihren Sport zum Beruf gemacht, ist ausgebildete C-Trainerin Wettkampfklettern. Nicht zuletzt durch die jüngste Disziplin – das Bouldern – sei der Sport in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden, sagt sie. Die Faszination liege in der immer wieder neuen Herausforderung: „Wenn man klettert, kann man in einen richtigen Flow kommen“, beschreibt sie es. „Und wenn man eine Schwierigkeit gemeistert hat, dann will man gleich das nächste Projekt angehen.“

Je nach Können steigt der Schwierigkeitsgrad der zu bewältigenden Routen. Dieser wird von den Sportlern selbst vergeben, sobald eine gewisse Anzahl von ihnen die Wand bezwungen hat: Eine „1“ symbolisiert eine leichte Route, eine „10“ ist nur etwas für absolute Profis, die höchsten Schwierigkeiten weltweit tragen eine „12“. Das Frankfurter Kletterzentrum bieten in mehreren Räumen und auch an einer Außenwand insgesamt 170 Routen auf mehr als 1700 Quadratmetern Wandfläche.

In der Regel werden die bunten Tritt- und Griffsteine von erfahrenen Routenbauern halbjährlich neu „geschraubt“. Langeweile kommt also kaum auf. Dennoch nehmen die Leistungssportler gern weite Fahrten in Kauf, um auch in anderen Hallen zu trainieren. „Für neues Futter im oberen Schwierigkeitsgrad fährt man schon viel herum“, lacht Anna Geißel.

Auch zu den Wettkämpfen werden viele Kilometer zurückgelegt. Da es für Bouldern, Lead- und Speedklettern unterschiedliche Wettbewerbe auf Landes-, regionaler und Bundesebene gibt, kommen bei den Leistungssportlern leicht rund 15 Meisterschaften jährlich zusammen. Emma Bernhard und Timon Schneider werden vom hessischen Landestrainer Dr. Andreas Vantorre auf die Wettkämpfe vorbereitet.

Im Eiltempo die Wand hoch

Neben der traditionellen Disziplin Leadklettern und dem beliebten Bouldern, rückt auch das Speedklettern immer mehr in den Fokus – bislang eher eine Spezialität der Russen und Osteuropäer. Beim Klettern auf Zeit müssen die Sportler die 15 Meter hohe Wand über eine standardisierte Route erklimmen. Das Tempo ist atemberaubend – der Deutsche Rekord liegt bei den Männern bei 7,28 Sekunden, der Weltrekord eines Ukrainers bei 5,60 Sekunden.

Im Frankfurter Kletterzentrum üben bereits die jüngsten Sportler diese Disziplin, bei der es vor allem um Schnell- und Maximalkraft geht. Gut gesichert springen die Grundschüler förmlich die senkrechte Wand empor. „Die Hüfte an der Wand lassen“, ruft der Trainer, „Rhythmus beibehalten, und jetzt beschleunigen!“ Die Mädchen und Jungen holen die letzten Kraftreserven aus sich heraus, um den Toprope (den obersten Griff, der im Wettkampf ein Buzzer ist) zu erreichen. 17 Sekunden haben die Schnellsten heute gebraucht. Nächste Woche versuchen sie es wieder.

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