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Alexander Tatarenko: „Ich wollte meine Familie retten“

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Von: Marion Morello

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Alexander Tatarenko (links) und Thorsten Wörsdörfer mit der Flagge der Ukraine.
Alexander Tatarenko (links) und Thorsten Wörsdörfer mit der Flagge der Ukraine. © Marion Morello

Der in Kiew geborene Ukrainer Alexander Tatarenko, Fußballer aus dem NNP-Land, erzählt im Interview von seinen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen.

Wer Alexander Tatarenko nicht kennt, hat irgendetwas versäumt. Im NNP-Fußball-Land ist er jedenfalls so bekannt wie der berühmte „bunte Hund“. Kein Wunder, hat sich der heute 47-Jährige als blutjunger Spieler – aus dem Profibereich in Belgien vom KSK Beveren kommend – als blutjunger Spieler 1994 den Eisbachtaler Sportfreunden angeschlossen. In der damaligen Oberliga Südwest spielte er Seite an Seite mit Thorsten Wörsdörfer, der wiederum bis zuletzt Trainer des Hessenligisten TuS Dietkirchen war. Zuletzt trainierte „Tata“ den VfR 07 Limburg.

Jetzt blutet sein Herz. Der in Kiew geborene Ukrainer weiß sein Heimatland im Krieg, gute Freunde an der Front, seine Familie in höchster Lebensgefahr, die Städte in seinem Land in Schutt und Asche, einige seiner früheren Fußballkameraden von Dynamo Kiew und Olimpik Kharkiv gefallen und unter der Erde. Es ist Zeit, darüber zu reden. NNP-Sportchefin Marion Morello hat sich mit „Sascha“ Tatarenko und Thorsten Wörsdörfer im Max-Value-Tower getroffen.

Herr Tatarenko, wissen Sie noch, was Sie am 24. Februar 2022 gemacht haben?

ALEXANDER TATARENKO: Das weiß ich noch ganz genau. In den frühen Morgenstunden hat mich mein Bruder Sergej angerufen und mir gesagt, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Das war für mich völlig unwirklich. Sergej ist Taxifahrer und wollte an dem Tag ursprünglich mit dem Wagen raus. Aber im Radio, im Fernsehen und den sozialen Medien hat man die Bevölkerung aufgefordert, zu Hause zu bleiben und nicht auf die Straße zu gehen.

Was war ihr erster Gedanke?

TATARENKO: Ich habe die ganze Zeit gedacht: Ich muss irgendwie meine Familie retten. Ich muss in die Ukraine. Aber das ging natürlich nicht. Also musste ich abwarten und war auf Informationen von daheim angewiesen.

Wo lebt Ihre Familie?

TATARENKO: Mein Bruder lebt mit seiner Familie in Kiew. Meine Mama und mein Papa sind bereits verstorben. Auch meine Freundin und ihr Sohn lebten zu der Zeit in der Ukraine.

Wie konnten Sie helfen?

TATARENKO: Wie sich bald schon gezeigt hat, ist Putins Plan, in einem Blitzkrieg die Hauptstadt Kiew einzunehmen, nicht aufgegangen, und er hat sich auf den Süden, Osten auf die Krim konzentriert. Ich konnte anfangs nicht viel machen. Mit dem Sohn eines Kumpels von der SG Heringen/Mensfelden haben wir gesammelt und das Geld überwiesen. Außerdem haben wir versucht, kugelsichere Westen zu bekommen und in die Ukraine zu schicken.

THORSTEN WÖRSDÖRFER: Zusammen haben wir aber mit der Max-Stillger-Stiftung in Kooperation mit den „Summer-Field-Kids“ massiv geholfen und die lokale Betreuung der Flüchtenden für Limburg-Weilburg übernommen. Wir haben die Menschen an der Grenze abgeholt und ihnen Unterkünfte besorgt. Da ist es extrem wichtig, jemanden dabei zu haben, der die Sprache der zum Teil völlig traumatisierten Menschen spricht. Und da war es ein Segen, dass wir Sascha hatten. Es waren hauptsächlich Frauen mit Kindern, die nach Deutschland kamen und immer noch kommen. Die Ukrainer waren froh, hier jemanden zu finden, der ihre Sprache spricht. Sascha hat für uns quasi als Dolmetscher fungiert. Auch jetzt noch fällt tagtäglich alles Mögliche an, für das wir Saschas Hilfe benötigen; bei Behördengängen, Arztbesuchen und so weiter.

Dennoch spürt man inzwischen, wie die Hilfsbereitschaft nachlässt und die Unterstützung für die Ukraine im Krieg zumindest kritisch hinterfragt wird. Haben Sie Verständnis dafür, wenn Menschen in Deutschland fordern, ans eigene Land zu denken statt an die Ukraine oder von einem Krieg sprechen, „mit dem wir nichts zu tun haben“?

TATARENKO: Natürlich muss ein Land auch an sich selber denken. Das ist ganz klar, aber in diesem Fall müssen wir gemeinsam denken, wir müssen größer denken. Jeder will seinen Vorteil, logisch. Unsere Hoffnung ist es, dass die USA und West-Europa uns so gut unterstützen, wie sie können, damit wir eine Chance haben, uns zu verteidigen.

Wie es sich in den letzten Tagen andeutet, erobert die Ukraine Gelände von den Russen zurück.

Ja, dieser Krieg wird dauern. Aber wir sind unendlich stolz auf unser Volk. Darauf, wie bereit es ist, sein Land zu verteidigen.

Sind Freunde von Ihnen ums Leben gekommen?

TATARENKO: Ja, ein ehemaliger Mitspieler von Dynamo Kiew ist im Krieg gefallen. Ein anderer wurde schwer verletzt.

Kennen Sie Ukrainer, die hier bei uns im Sport Fuß gefasst haben?

TATARENKO: Ich persönlich nicht, aber es gibt ein paar. Natürlich ist es schwierig, weil Männer das Land nicht verlassen dürfen.

Haben der Krieg und die Umstände Ihnen irgendetwas Positives gebracht?

TATARENKO: Meine Freundin ist seit Mai hier bei mir mit ihrem Sohn. Ich lasse sie nie mehr los. Wir bleiben jetzt für immer zusammen.

Der Steckbrief

Name: Oleksandr Tatarenko – auch genannt „Tata“, Sascha oder Alexander.

Alter: 47.

Vereine als Spieler: U17 Dynamo Kiew, Olimpik Kharkiv, Westfalia Rhynern, KSK Beveren, Sportfreunde Eisbachtal (1994 und 1997), FSV Frankfurt, SC Neukirchen, FV Engers, VfL Hamm/Sieg, Spvgg. Hadamar (2006), SC Niederhadamar (2012).

Vereine als Trainer: VfR 07 Limburg, SG Heringen/Mensfelden, SG Hausen/Fussingen.

Position: Zentrales Mittelfeld.

Statistik für Deutschland: 3 DFB-Pokal-Spiele, 47 Regionalliga-Spiele, 166 Oberliga-Spiele.

Aktuell: kein Verein. „Ich bin für alles offen“, sagt er. mor

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