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So mag es Robin Fischer vom RSV Nassovia (rechts) eigentlich am liebsten: auf der Straße, mit dem Atem der Konkurrenz im Nacken.

RSV Nassovia Limburg

Alle Welt fährt Rad - nur die Radsportler nicht

  • Marion Morello
    vonMarion Morello
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Ein weiteres Paradoxon infolge der Corona-Krise: Alle Welt fährt Rad, nur die Radprofis nicht - jedenfalls nicht so richtig. Wer dieser Tage einen Drahtesel im Keller oder in der Garage stehen hat, macht ihn flott und radelt los. Was eigentlich bei den ambitionierten Radsportlern gang und gäbe sein sollte, sieht tatsächlich derzeit etwas anders aus. Davon können die Aktiven des RSV Nassovia Limburg ein Liedchen singen.

Die Pedaleure können nicht richtig trainieren, weil das obligatorische Windschattenfahren gemäß der Hygiene-Verordnung des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) untersagt ist. Auch das Gebot zum Abstandhalten stellt ein echtes Hindernis dar. "Im Bereich Bahn- und Straßenradsport soll das Training auf der Straße mit maximal fünf Fahrern und einem Abstand von 50 Metern erfolgen", heißt es in den Übergangsregeln.

Ganz krass sieht es aber im Breitensportbereich aus. Hierfür heißt es beim BDR, was Tourenfahrten angeht: "Die Teilnahme ist für vereinslose Mitglieder nicht erlaubt. Zudem wird es Einzelfahren mit Mindestabstand von 30 bis 50 Metern als Vorgabe geben." Und: "Windschattenfahren ist strikt verboten."

Lars Götzler schwelgt in Erinnerungen

"Ohne Windschattenfahren macht Radfahrtraining keinen Sinn. Unser Vereinstraining liegt komplett auf Eis", berichtet RSV-"Urgestein" Lars Götzler. "Bei uns trainieren momentan alle einzeln, maximal in Ausnahmefällen mal zu zweit." Bislang - sprich: in der Zeit vor Corona - hatten sich die Limburger Radsportler sonntags und dienstags vor dem Arbeitsamt in der Ste.-Foy-Straße getroffen und sind gemeinsam losgefahren. Manchmal waren es nur zehn, ab und an aber auch gut und gerne 25 Fahrer. "Ein bunt gemischter Haufen", schwelgt Lars Götzler in nostalgischen Erinnerungen. Eigentlich ganz schön viele, wenn man bedenkt, dass der RSV Nassovia gerade einmal etwa 90 Mitglieder zählt. Von denen ist jedoch gut die Hälfte aktiv und ein Dutzend sind sogar Lizenzfahrer.

Mindestens zwei, drei Stunden sind die Limburger stets im Pulk gemeinsam gefahren; manchmal kamen locker 90 bis 100 Kilometer zusammen. Mitunter gesellten sich Ruderer und Triathleten zu den Radsportlern. Diese Zeiten sind leider vorbei - für den Moment jedenfalls. Das Wintertraining war noch richtig gut gelaufen, ehe Mitte März plötzlich alles auf "Stopp" gestellt wurde. Shutdown.

Ein Hauch "Rennfeeling" ist den ambitionierten Fahrern aber auch ohne die großen Freiluftrennen vergönnt. Die Online-Plattform "Zwift" bietet die Möglichkeit, virtuell zu trainieren, sich dort zu "verabreden" und Gruppenfahrten zu unternehmen. Davon ist Lars Götzler allerdings weniger begeistert: "Ich fahre seit 30 Jahren Rad, aber solche modernen Sachen mache ich nicht", sagt er voller Überzeugung.

Nun ist also Geduld gefragt, denn bis der Lehrer an der Integrierten Gesamtschule in Koblenz wieder an der Startlinie eines Rennens stehen wird, wird wohl noch eine gewisse Zeit vergehen. Bislang hat es für ihn kein einziges Rennen in diesem Jahr gegeben. Allerdings ist Elite-Fahrer Robin Fischer, der Beste unter den Nassoven, in diesem Jahr bereits zweimal in den Genuss eines Wettbewerbs gekommen; allerdings auf Mallorca und noch vor der Krise (siehe Infotext auf dieser Seite). Die Deutschen Straßenmeisterschaften der Elite waren für Mitte Juni in Stuttgart anvisiert - abgesagt. Das eigene Limburger "City-Rennen" ist für den 27. September geplant. Mal schauen... Bis dahin müssen Lars Götzler und seine Vereins-Kollegen sicher noch den einen oder anderen Straßenkilometer in Einsamkeit abradeln.

Robin Fischer: Lieber real als virtuell

Das Online-Portal "Zwift" bietet den Radrennfahrern zumindest eine Art Rennfeeling. In der Beschreibung heißt es: "Zwift ist ein ,Massively Multiplayer Online-Radsport- und Lauftrainingsprogramm', mit dem Benutzer in einer virtuellen Welt interagieren, trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen können." Robin Fischer, Elitefahrer des RSV Nassovia Limburg, kennt dieses Programm, nutzt es selbst allerdings nicht. Der 26-Jährige gerät schon ein bisschen ins Schwärmen, wenn er erzählt, wie die virtuelle Radsportwelt funktioniert: "Man benötigt natürlich zunächst das passende Equipment, ein spezielles Rad und einen interaktiven Rollentrainer." 

Auf dem Computer-Display, das als Verlängerung des Lenkers angebracht ist, kann der Fahrer jedes real existierende Profil einstellen. "Man kann zum Beispiel die legendäre Alpes-d'Huez-Etappe der Tour de France fahren oder Straßenrennen wie Paris - Roubaix." Sogar das Straßenprofil - im Fall von Paris - Roubaix die ebenso typischen wie tückischen Kopfsteinpflaster-Passagen - lässt sich virtuell nachempfinden. Hinzu kommen die entsprechenden Wattwerte, die der Fahrer auf die Rolle bringen muss, um diese Strecken bewältigen zu können. Die Grenzen sind völlig offen. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für den Preis. Unter 600 bis 700 Euro ist die Ausrüstung für dieses virtuelle Vergnügen nicht zu haben.

Ein echtes, reales Fahrradrennen kann ein Computer-Programm natürlich niemals ersetzen. Das Gefühl der Echtheit durfte Robin Fischer in 2020 tatsächlich schon zweimal erleben. Mit seinem pfälzischen "Team Erdinger alkoholfrei" weilte der 26-Jährige aus Steinbach Ende Februar, Anfang März unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie im zehntägigen Trainingslager auf Mallorca. Zum Abschluss starteten die ambitionierten Rennsportler bei einem 140-Kilometer-Straßenrennen rund um und quer über die Ferien-Insel. Robin Fischer kam als Vierter ins Ziel. Ein bis dahin optimistischer Saisonstart. Zurück in Deutschland wartete am 8. März der "Herforder Frühjahrspreis" über 80 Kilometer. Es war ein von Taktik geprägtes Rennen. "Ich habe für meinen Teamkameraden den Sprint eingeleitet. Er hat das Ding schließlich gewonnen", freut sich Robin Fischer im fast schon wehmütigen Rückblick. Was jetzt wird, ist noch recht unklar. "Wir wollten im März eigentlich nach Belgien und hatten die Unterkunft schon gebucht. Daraus ist dann nichts mehr geworden."

Robin Fischer will die Flinte nicht vorschnell ins Korn werfen. Für das Pfingst-Wochenende hatte er eigentlich einen Start beim Rennen auf dem Sachsenring geplant - ein Geisterrennen ohne Zuschauer auf einem abgeschlossenen Parcours. Kurz vor der Anreise erfolgte allerdings die Absage durch die sächsische Landesregierung: Die ließ kurzerhand nur die Vertragsfahrer zu, das ursprünglich 130er Feld schrumpfte auf gut 50. Und Robin Fischer war nicht unter ihnen... 

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