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Annabelle Winzig: EM-Silber fürs Familienalbum

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Von: Thorsten Remsperger

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Das gute alte Polaroid-Foto ist wieder modern. Unser Sofortbild zeigt die beiden deutschen Silbermedaillen-Gewinnerinnen Annabelle Winzig (links) und Annika Würfel.
Das gute alte Polaroid-Foto ist wieder modern. Unser Sofortbild zeigt die beiden deutschen Silbermedaillen-Gewinnerinnen Annabelle Winzig (links) und Annika Würfel. © Franziska Winzig

Die Nationalkader-Athletin der Homburger TG trumpft bei der U-23-EM in Sarajewo auf. Warum sich Annabelle Winzig trotzdem erstmal ärgerte.

Sarajewo/Bad Homburg -Es ist ja nicht so, dass es ein solches Ereignis noch nicht gegeben hat. Diesmal musste dieser große sportliche Erfolg aber unbedingt festgehalten werden. Auf Polaroid.

Es wird den einen oder anderen überraschen, dass junge Menschen wie Annabelle Winzig, 21, Judoka der Homburger TG und frisch gekürte Silbermedaillen-Gewinnerin bei den U-23-Europameisterschaften, auf eine Sofortbildkamera zurückgreifen. Es ist aber tatsächlich so, dass die Polaroidkamera, ein Relikt aus analoger Zeit, gerade eine Renaissance erfährt. Bevor eine digitale Aufnahme in irgendeiner Cloud oder auf einer Festplatte verschwindet, werden in den jüngeren Generationen gerne zu besonderen Anlässen wieder Polaroid-Bilder gemacht, um den in Sekundenschnelle fertigen Fotoabzug stolz in der Hand zu halten. Franziska Winzig kam auf die Idee, ihre Retro-Kamera mit nach Sarajewo zu nehmen, wo sie ihre Schwester Annabelle unterstützte, die bei den kontinentalen Titelkämpfen auf die Judomatte ging. Und als der Deutsche Judo-Bund am ersten Wettkampftag die beiden Medaillen seiner Kampfsportlerinnen Winzig (Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm) und Annika Würfel (Bronze/bis 52 Kilogramm) feiern konnte, schritt die Polaroid-Fotografin flugs zur Tat. Klick.

Während es für Annabelle Winzig das erste Sofortbild von einer Siegerehrung war, hat das Ausnahmetalent, das in Idstein aufgewachsen ist und mittlerweile in München lebt, um am dortigen Olympiastützpunkt trainieren zu können, schon ein paar Medaillen in ihrer Sammlung. Kaum zu glauben: Bei Nachwuchs-Europameisterschaften war es bereits die vierte in Silber.

Entscheidung fällt sechs Sekunden vor Schluss

„Am Ende kann ich sehr zufrieden sein, überhaupt wieder im Finale gestanden zu haben“, blickt die 21-Jährige zurück, „aber im ersten Moment war das schon sehr, sehr ärgerlich, dass ich wieder verloren habe.“ Vier Minuten dauert ein solcher Kampf, in dem die Kämpferinnen ständig auf Tuchfühlung gehen, um eine Wurf-, Bein- oder Fußtechnik anzusetzen. Aufgrund einer strittigen Entscheidung hatte die Kosovarin Laura Fazliu überhaupt erst ausgleichen können, um sechs Sekunden vor dem Ende ihre nur für einen Moment unaufmerksame Gegnerin noch auf die Matte zu befördern: Ippon, das war’s.

Annabelle Winzig blieb länger liegen, schlug die Hände vors Gesicht. Sie konnte es nicht fassen, als sie zum Mattenrichter trottete, der dann den Arm ihrer Konkurrentin als Zeichen des Sieges hob. „So knapp wie diesmal war es noch nie“, erzählt die HTG-Kämpferin. Doch es dauerte nicht lange, bis ihre Freude über den erneuten Podestplatz überwog, spätestens bei der Siegerehrung und vor der ihr bestens bekannten Polaroid-Fotografin. Klick.

Physikum trotz Tour durch Europa

Die Ausnahmekämpferin der HTG trainiert jeden Tag, ist öfters für internationale Wettkämpfe in Europa unterwegs und hat „nebenbei“ schon das Physikum ihres Zahnmedizin-Studiums absolviert. Wenn sie sich entscheiden müsste, wäre die Silbermedaille aus Budapest ihre bisher wertvollste. Bei der U23-EM im Vorjahr habe sie „die meisten guten Leute geschlagen“. Diesmal waren es nach einem Freilos die Türkin Habibe Afyonlu, die Französin Melodie Turpin und die Italienerin Antonietta Palumbo.

2019 bei der U21-EM in Vantaa (Finnland) und 2017 bei der U18-EM in Kaunas (Litauen) war Annabelle Winzig ebenfalls Zweite gewesen. Freilich gab’s sogar schon bei Weltmeisterschaften Edelmetall: 2017 gewann sie bei der U18-WM in Santiago de Chile Bronze.

Qualifikation für Olympia hat schon begonnen

In diesem Jahr hatte die HTG-Judoka nach einem verletzungsträchtigen Sommer beim European Cup in Malaga in der Frauenkonkurrenz schon ganz oben auf dem Podest gestanden. Da verwundert es nicht, dass die Olympia-Teilnahme 2024 in Paris ihr Ziel ist. Die Qualifikationsphase hat bereits begonnen. Annabelle Winzig muss in ihrer Gewichtsklasse die beste deutsche Kämpferin werden, und sie muss unter die besten 30 der Weltrangliste kommen - was angesichts der zurzeit gleichwertigen, aber überschaubaren nationalen Konkurrenz die schwierigere Aufgabe werden dürfte. Heute fliegt sie bereits wieder nach Baku, um beim Grand Slam des Weltverbandes in Aserbaidschan möglichst Punkte für die Weltrangliste zu holen. Die Sofortbildkamera hat sie mit im Gepäck.

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