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Hans-Dieter te Poel, DFB-Fußballlehrer aus Hadamar, zeigt mit dem Finger auf die "Wunde".

Serie: Kein Sport! Was macht das mit dem Nachwuchs?

Beim Jugendsport herrscht Handlungsbedarf - nicht erst seit Corona

Auch der Sport in Schulen und Vereinen leidet, seit die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft im Griff hat. Kinder und Jugendliche und nicht zuletzt die zahlreichen Talente unter ihnen trifft das hart, nicht erst seit dem zweiten Lockdown. 

Regelmäßige Sportstunden finden nicht mehr statt, der Trainingsbetrieb in den Vereinen liegt brach. Welche gesundheitlichen Folgen hat das für den Nachwuchs? Welche Auswirkungen hat das auf die Talente, ihre Motivation und ihre Förderung durch Schule, Verein und Verbände? In den nächsten Wochen werden in dieser Zeitung einzelne Aspekte unter die Lupe genommen - angefangen heute mit einem Denkanstoß von Hans-Dieter te Poel, Gymnasiallehrer in Hadamar und DFB-Stützpunkttrainer. 

Die Zeiten sind nicht einfach, schon gar nicht für die vielen Talente im Sport. Einige professionelle Teamsportler, vor allem die in den Nachwuchsleistungszentren, können ab der U15 weiter trainieren. Andere stehen sprichwörtlich "auf dem Schlauch" und sind auf Informationen und Beratungen per Telefon, Video und Trainingsplan angewiesen.

Dennoch besteht vielleicht auch einmal für uns Trainer in der erneuten Phase eines Lockdowns Zeit und Muße, über die generelle Talentförderung aus unserer Perspektive heraus nachzudenken und auch das ein oder andere zu überdenken. Der 4. Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht 2020, über 400 Seiten stark, hat mich hierzu besonders motiviert.

Welche Effekte des Lockdowns und bereits zurückliegender Entwicklungen kommen auf uns Talentförderer in ganz Deutschland zu? Sportartspezifische Kompetenzen verzögern sich, die Sozialisation durch Sport und Bewegung ist beeinträchtigt, ebenso die Hebung sportlicher Potenziale durch ausbleibende Sichtungen an der Basis. Die soziale Ungleichheit nimmt zu. Nicht jeder hat einen eigenen Garten, ein eigenes Zimmer, einen eigenen "Rechner" und so weiter.

Es besteht die Gefahr der Vernachlässigung der Gesundheits- und Körperthematik, die normale kindliche Entwicklung ist bedroht, da bereits 30 Prozent der Kleinkinder unter Koordinations- und Sprachstörungen leiden. Studienergebnisse der WHO (Weltgesundheits-Organisation) zeigen, dass in Deutschland etwa 80 Prozent der Jungen und 89 Prozent der Mädchen körperlich nicht aktiv genug sind.

Bei der Wahl der Sportangebote spielt die Kosten-Nutzen-Abwägung eine immer größere Rolle. Die Rahmenbedingungen des Schulsports sind deutschlandweit zunehmend kritisch: durch Reduzierung der Stundentafel, hohe Quote fachfremden Unterrichts, den Anstieg der Nichtschwimmer-Quote und den Verlust des Fachs als Kernfach/Einstellungsfach. Die Förderung von Leistung und Wettkampf lässt in den Vereinen nach, weil sie hohe Qualitätsanforderungen stellt und weitere finanzielle Kosten zur Folge hat.

Immer mehr Jugendliche wenden sich kommerziellen Angeboten zu. Von der Digitalisierung profitieren Trend- und Fun-Sportarten. Jugendliche verhalten sich heute zunehmend gegenwartsbezogen: Sie treffen Freunde (zumindest vor dem Lockdown, aber auch wieder danach), betätigen sich zunehmend medialer. Die Folge: Langfristige Mitgliedschaften in Vereinen stagnieren bei acht Jahren Dauer. In den letzten Jahren ist der Anteil an Sportvereinen, die sich im Bereich der leistungssportlichen Talentförderung engagieren, jedoch signifikant rückläufig. Die Vereine haben zunehmend das Problem, Jugendliche zu gewinnen und anschließend zu binden. Das liegt zum einen an der mangelnden Nachfrage vonseiten der Jugendlichen, zum anderen an der Abwerbung durch andere Vereine.

Leistungsorientierte Sportvereine müssen folglich in Qualität investieren, somit steigen die monatlichen Beiträge an. Diese Vereine klagen signifikant stärker über finanzielle Probleme, auch weil die Kosten für die Aufrechterhaltung des Wettspielbetriebs ansteigen. In Folge dessen nimmt die systematische Ansteuerung der Leistungsorientierung mit der Zeit ab.

Im Hinblick auf all die Probleme, derartige Veränderungen und Prognosen muss man als Trainer in der Begabtenförderung schon einmal richtig durchschnaufen, zumal die Anforderungen an den Spitzensport ständig steigen und die gesellschaftlichen Erwartungen ebenfalls. Was kann man also tun, um diesem Ist-Zustand und diesen Trends zu begegnen?

Finanzielle Fördermaßnahmen, prioritäre Sportstättenvergabe und das Erteilen von Zertifikaten stehen bisweilen bereits im Mittelpunkt der Sportentwicklung. Management-Kompetenz könnte noch hinzukommen. Aber das Fördergeld muss erst einmal erwirtschaftet werden, und die Pandemie wird uns alle auch in den nächsten Jahren noch finanziell fordern.

Pragmatische Lösungen sollten her, zumal wir Trainer in der Talententwicklung und -förderung von den Vorleistungen zahlreicher beteiligten Institutionen "leben". Es ist mittlerweile eine empirische Tatsache, dass das Funktionieren von "Kooperativen" ein Erfolgsfaktor für sportlichen Erfolg ist.

Insbesondere die Zusammenarbeit mit Schulen muss in diesem Zusammenhang besonders herausgestellt werden, da die Nachwuchssportler, die nicht an einer Bildungsstätte im Verbundsystem der Schulen sind, keine professionelle Unterstützung bei der Planung und Bewertung ihrer dualen Karriere erhalten. Die dualen Karrieren sind den steigenden Leistungserwartungen anzupassen als existenzsichernde Perspektive.

Die Intensivierung der Trainer-Ausbildung und -Fortbildung ist zwingend notwendig, zumal jeder fünfte Trainer im Kinderwettkampfsport und jeder sechste im Jugendwettkampfsport über keinerlei Ausbildung für diese Tätigkeit verfügt. Da sich Methoden und Inhalte insbesondere des Trainings für den Leistungssport regelmäßig weiterentwickeln und auch verändern, sollten die vielen Trainer im Nachwuchsleistungssport zahlreiche Möglichkeiten und Angebote erhalten: "Die Besten an die Basis!"

Notwendig sind abgestimmte pädagogische Leitkonzepte zur Erhaltung von Freude, Fair Play, Persönlichkeitsentwicklung, dem Mitgestalten/Mitbestimmen von Training/Wettkampfmodi und der Integration von Behinderten. Aber auch die Sportpolitik und sportpolitische Maßnahmen müssen aktiviert werden, da sie besonders am "kollektiven Erfolg" und an der regelmäßigen Evaluation der Förderansätze interessiert sind.

Die Rahmenbedingungen des Schulsports sind deutschlandweit zunehmend kritisch.

Hans-Dieter te Poel ist Diplom-Sportwissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln, Gymnasiallehrer in Hadamar, sowie DFB-Fußballlehrer mit UEFA Pro-Lizenz. Er war langjähriger Mitarbeiter an den Leistungsstützpunkten in Dortmund und Essen. Zudem hat er jahrelange Erfahrungen als Auswahlspieler und Trainer in seiner Heimatregion im Ruhrgebiet. Über sechs Jahre war er konzeptionell an den Lehrplänen des Hessischen Kultusministeriums für das Schulfach Sport beteiligt. Neben seiner Autorenschaft für Fachzeitschriften wie "fussballtraining", "Leistungssport" und "sportunterricht" veröffentlichte er zwölf Bücher in deutscher, englischer und chinesischer Sprache. Aktuell geht er unter anderem der Digitalisierung im Sport und der Trainerausbildung nach. red

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