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Benjamin Weber: Von Tuchels Assistent zum Sportchef

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Von: Thorsten Remsperger

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Benjamin Weber während seiner Vorstellung als Geschäftsführer Sport beim Fußball-Zweitligisten SC Paderborn.
Benjamin Weber während seiner Vorstellung als Geschäftsführer Sport beim Fußball-Zweitligisten SC Paderborn. © SC Paderborn/Instagram

Der Mann aus Schmitten war mit dem FC Chelsea Champions-League-Sieger und unterschrieb nun beim SC Paderborn einen Vertrag. Ein Abstieg für Benjamin Weber? Das Gegenteil ist der Fall.

Schmitten – Paris, London und jetzt Paderborn. In diesen Städten hat Benjamin Weber, aufgewachsen im Schmittener Ortsteil Arnoldshain, zuletzt gelebt und gearbeitet. Hört sich nach einem ziemlichen Rückschritt an. Für Weber persönlich ist es aber ein Aufstieg. Einer, der für ihn einerseits vor wenigen Monaten so noch keineswegs geplant war, andererseits aber auch nicht völlig überraschend kommt und in seiner Lebensplanung schon länger eine Option war.

Bisher war der 39-jährige Familienvater von Beruf Chef-Spielanalyst und als dieser ein ständiges Mitglied des Fußballtrainer-Teams von Thomas Tuchel – und seit September ohne Job gewesen. Seit diesem Monat ist Weber nun beim ambitionierten Zweitligisten SC Paderborn angestellt. Als Sportchef fungiert er als einer von drei Geschäftsführern beim früheren Bundesligisten, der ihn gestern offiziell vorstellte.

Weber ist seit Jahren in der Branche hochangesehen, sein Gesicht war den meisten Fußball-Fans dennoch unbekannt. Das hat sich spätestens seit Freitag schlagartig geändert. Medienhäuser aus ganz Deutschland schickten ihre Reporter zur Pressekonferenz.

Rückblende in den Sommer 2021. Benjamin Weber sitzt in einem Café in Wehrheim. Schwarzes T-Shirt, schwarze Basecap, Dreitagebart, freundliches Lächeln. Ein Gesprächspartner, mit dem man direkt warm wird. Zum kurzen Heimatbesuch ist er in den Taunus vor allem gekommen, um einen runden Geburtstag eines Freundes mitzufeiern. Aber auch um seiner fast 90 Jahre alten Großtante Gothe „hallo“ zu sagen. Außer den beiden Journalisten am Tisch kennt „Benni“, wie ihn seine Freunde nennen, hier keiner.

Zeitreise auf den Mainzer Domplatz

Weber nimmt seine Zuhörer mit in den Mai 2004, als auf dem Mainzer Domplatz alles begann. Als Jugendlicher war er einer der besten Tennisspieler seines Jahrgangs, ehe er sich wegen einer Verletzung eine Karriere als Tennisprofi abschminken musste. Weber war aus dem Hochtaunus nach Mainz gezogen, um Sportwissenschaften zu studieren. Dort landete er dann, obwohl Fan von Eintracht Frankfurt, auf der Bundesliga-Aufstiegsfeier des FSV Mainz 05, bei der Trainer Jürgen Klopp der Menge einheizte.

In der folgenden Saison nahm ihn ein Mitbewohner seiner WG zu der Medienproduktionsfirma mit, die alle Spiele der „05er“ filmte. Weber fand Gefallen an Spielanalysen. Und in der neu gegründeten Scouting-Abteilung war er bald auch mit dabei. Wie unter anderem Thomas Tuchel, damals noch U-19-Trainer. Die Chemie zwischen beiden stimmte auf Anhieb. Und als Mainz 05 im Jahr 2009 Tuchel zum Cheftrainer beförderte, begann dessen steiler Aufstieg – mit dem Mann aus dem Taunus als treuer Wegbegleiter an seiner Seite.

Beeindruckende Titelsammlung

Weber war als videoanalysierender Assistenztrainer einer der Garanten für große Erfolge: bei Borussia Dortmund (2015 bis 2017), Paris Saint-Germain (2018 bis 2020) und dem FC Chelsea (2021 bis September 2022). In dieser Zeit wurde er mit den Fußballmannschaften DFB-Pokalsieger (2017), französischer Meister (2019, 2020) sowie Gewinner der Champions League (2021), des Uefa-Supercups und der Fifa-Klub-Weltmeisterschaft (jeweils 2022).

Beim lockeren Kaffee-Plausch in Wehrheim vor rund eineinhalb Jahren äußerte sich Weber begeistert von den Arbeitsvoraussetzungen, die beim FC Chelsea herrschen. Er, der auf dem Trainingsgelände am Mainzer Bruchweg einst aus Paletten ein Podest baute, weil sich bis dahin noch niemand Gedanken darüber gemacht hatte, das eigene Training zu filmen, stand nun einem fünfköpfigen Team für die Videoanalyse vor. Auch während der Spiele war er übrigens mit Tuchel in Kontakt, in den Halbzeitpausen tauschte der Chefcoach sich mit seinen drei Assistenztrainern stets intensiv aus.

Abruptes Ende in London

Weber schwärmte von einem „professionell und gut geführten Verein, in dem so menschlich und freundschaftlich miteinander umgegangen wird“. Seine Frau und Tochter fühlten sich ebenfalls wohl in London. Beim Kaffeetrinken in Wehrheim signalisierte er – kurz nach der Vertragsverlängerung bis Sommer 2024 – sich auf die weiteren Jahre dort zu freuen. Wenn er auch damals schon andeutete, er könne sich vorstellen, einmal in das Management eines Vereins einzusteigen. Und dass er irgendwann gerne mit seiner Familie ins Rhein-Main-Gebiet zurückkehren wolle.

Ein Schlag muss für ihn im September die plötzliche Freistellung beim FC Chelsea gewesen sein, dessen neue Besitzer offensichtlich mit Tuchel nicht gut konnten. In der folgenden Auszeit klopfte der SC Paderborn an, der Anfang Dezember Sportgeschäftsführer Fabian Wohlgemuth an den VfB Stuttgart verloren hatte.

„Wir waren kreativ. Keiner aus unserem fünfköpfigen Ausschuss kannte Benjamin Weber vorher, aber er bringt fast alles mit, was wir brauchen“, sagte Präsident Thomas Sagel. Mehr als 50 Bewerber hätten sich beim ostwestfälischen Sportclub in der 150 000-Einwohner-Stadt gemeldet, der schon zwei Spielzeiten der 1. Bundesliga angehörte (2014/15 unter Trainer Steffen Baumgart, 2019/20 unter André Breitenreiter) und derzeit Tabellensechster der 2. Liga ist.

Keiner passte so gut wie Benjamin Weber. Und dieser zeigte sich nach zwei persönlichen Treffen vom Konzept des SC 07 beeindruckt. So sehr, dass er die Zusammenarbeit mit Thomas Tuchel bei dessen (noch offenen) nächsten Station nicht fortführen möchte und seinen Lebensmittelpunkt nach Paderborn verlegt. Seine hochschwangere Frau stehe voll hinter der Entscheidung und werde sobald wie möglich mit seiner Tochter nachkommen.

Am Freitag um 5 Uhr morgens flog er aus England ein, wo privat noch einiges zu erledigen war. Um 16 Uhr stand er den Journalisten Rede und Antwort. „Ich bin sehr gespannt und sehr motiviert, ich fühle mich mit all den Erfahrungen und geknüpften Kontakte der letzten Jahre bereit für die Aufgabe“, sagte Weber, unauffällig gekleidet, im dunklen Pulli, die meiste Zeit ein Lächeln auf den Lippen. Er habe sich immer weiterentwickelt, und auch jetzt freue er sich wieder darauf, neue Dinge zu lernen. In Paris beispielsweise sei das in einem Drei-Wochen-Crash-Kurs sogar eine komplett neue Sprache gewesen. Nun geht es für ihn erstmals darum, einen kompletten Geschäftsbereich eines Proficlubs zu leiten.

Familiär, zielstrebig, ehrlich

Die Werte, für die der SC Paderborn stehe, fuhr der 39-Jährige fort, entspreche dem, was er gerne vermitteln würde: familiär, zielstrebig, rechtschaffen und ehrlich. Zu seinen Zielen befragt, hielt sich Weber noch bedeckt. Er wolle als Teamplayer mit seinem Know-how möglichst dafür sorgen, dass Spieler, aber auch Vereinsmitarbeiter den nächsten Schritt gehen, sagte er. Heute ist Weber schon mit dem Team ins Trainingslager nach Murcia in Spanien aufgebrochen, als Vorbereitung auf die Rundenfortsetzung am 27. Januar mit dem Spiel beim Karlsruher SC.

Für Benjamin Weber und seine bald vierköpfige Familie hat also eine neue Episode begonnen. In einem Business, über dessen Schnelllebigkeit der Arnoldshainer sich voll bewusst war und ist. Er hält es für ein Privileg, Teil davon zu sein. Zeigt sich demütig. Gab schon viel zurück, indem er im Taunus Benefiz-Veranstaltungen organisierte. Nie vergessend, wo er herkommt. Nach Hause, das stellte er bei seiner Vorstellung erfreut heraus, seien es für ihn jetzt mit dem Auto nur noch drei Stunden.

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