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Christopher Schmidt: Vom OP-Tisch in die Nationalmannschaft

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So ist Christopher Schmidt vielen Fußballfans in der Region bekannt: Als Stadionsprecher der Eisbachtaler Sportfreunde ist er beiden Oberliga-Spielen der Westerwälder zu hören.
So ist Christopher Schmidt vielen Fußballfans in der Region bekannt: Als Stadionsprecher der Eisbachtaler Sportfreunde ist er beiden Oberliga-Spielen der Westerwälder zu hören. © Andreas Egenolf

Vor elf Jahren wusste Christopher Schmidt noch nicht einmal, ob er seinen 17. Geburtstag erleben würde. Heute ist der 28-jährige Nentershäuser frisch gebackener deutscher Fußball-Nationalspieler im sogenannten „CP-Fußball“ (CP = Cerebral Prasy; Symptome mit Bewegungsstörungen und Muskelsteife) und verkörpert am eigenen Leib, dass man niemals aufgeben sollte.

Den 13. Oktober 2010 wird Christopher Schmidt nie vergessen. Wochen und Monate war der Nentershäuser von Arzt zu Arzt getingelt, da er immer wieder Schmerzen in der Hand verspürte. „Es wurde immer wieder auf Stress geschoben, und es hieß, ich soll doch in einem halben Jahr wiederkommen“, erinnert sich der 28-Jährige. Doch um sicher zu gehen, schickte ihn einer der Mediziner zur Kernspintomographie. Die niederschmetternde Diagnose am 13. Oktober vor elf Jahren: Hirntumor. „Das war im ersten Moment natürlich ein Schock“, sagt Christopher Schmidt. „Ich war mir damals aber auch nicht über die Auswirkungen bewusst. Ich habe nur gedacht, dass ich Glück hatte, zur MRT geschickt worden zu sein.“

Nicht einmal vier Wochen danach lag er Anfang November 2010 auf dem Operations-Tisch. „Ein halbes Jahr später hätte ich vielleicht schon nicht mehr operiert werden können. Darüber möchte ich gar nicht nachdenken“, sagt der Westerwälder.

Körperliche Einschränkungen in Form einer Halbseitenlähmung sind geblieben, die man dem lebensfrohen jungen Mann allerdings nahezu nicht anmerkt. Mit dazu beigetragen haben unzählige Stunden von Krankengymnastik, EMS-Training (EMS = Elektro-Muskel-Stimulation) und Co., die Christopher Schmidt beweglich und körperlich fit halten. Und er hat vor allen Dingen eines nicht: mit dem Schicksal gehadert. Seine erste große Leidenschaft, die Musik, hat er nicht an den Haken gehängt. Vor seiner Erkrankung hatte er zehn Jahre lang Saxophon gespielt und musste aufgrund seiner körperlichen Einschränkung umschulen. Jetzt spielt er im Musikverein Holler das Tenorhorn.

Und auch seine zweite große Leidenschaft, der Fußball, hat dem Nentershäuser stets Zuversicht gegeben. Gekickt hat der Westerwälder, der früher auch im TTC Nentershausen keine schlechte Rolle an der Tischtennisplatte abgegeben hat, schon immer leidenschaftlich gern. Als Kind mit Freunden auf den Asche- und Rasenplätzen seiner Westerwälder Heimatgemeinde und bis heute auch nahezu wöchentlich in der Nentershäuser Freiherr-vom-Stein-Halle mit einer bunt gemischten Freizeitgruppe.

Eingefleischter Fan von Borussia Dortmund

Bei den Eisbachtaler Sportfreunden steht der eingefleischte Fan von Borussia Dortmund außerdem als Stadionsprecher der Oberliga-Mannschaft seit mehreren Jahren am Mikrofon, doch aktiv im Verein Fußball gespielt hat Christopher Schmidt lange Zeit nicht. Seit einigen Monaten leitet er eine Fußball-AG an der Pfarrer-Toni-Sode-Grundschule in Nentershausen.

Durch einen Zufall wurde er im Internet vor knapp drei Jahren allerdings auf die Fußballauswahl des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes (HRBS) für Menschen mit Zerebralen Bewegungsstörungen (CP) aufmerksam. Christopher Schmidt suchte den Kontakt zu Auswahltrainer Bruno Pasqualotto, der Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre unter anderem für Borussia Dortmund und im Jugendbereich bei Eintracht Frankfurt gespielt hatte. Der lud den Westerwälder kurzerhand zur Sichtung ein – und Christopher Schmidt überzeugte. „Früher wäre ich mit einer ,Ich-war-dabei-Medaille’ nicht zufrieden gewesen. Aber nach all den Jahren war ich froh, überhaupt dabei zu sein“, zeigt sich der 28-Jährige demütig über seine Nominierung für die Hessen-Auswahl, der er bis heute angehört.

Was er bei seinem Debüt im Januar 2019 noch nicht ahnen konnte: Auch der CP-Fußball-Bundestrainer Conny Frank Fritsch wurde nach den ersten Auftritten in der Hessenauswahl auf den Nentershäuser aufmerksam – aus gutem Grund, wie Bruno Pasqualotto seinerzeit befand: „Christopher ist bei den Trainingseinheiten mit großem Ehrgeiz und voller Leidenschaft bei der Sache und hat sich schon nach kurzer Zeit zu einem Leistungsträger in der Hessenauswahl-CP entwickelt. Er zeigt unglaublich viel Spielfreude, bringt eine hohe Spielintelligenz mit.“ So durfte Christopher Schmidt im April 2019 erstmals an einem Leistungslehrgang der CP-Nationalmannschaft teilnehmen, die sich seinerzeit auf den World Cup in Sevilla vorbereitete. Beim Turnier selbst war er zwar dann noch nicht dabei, doch der Bundestrainer verlor den Westerwälder nicht aus den Augen.

Nachdem coronabedingt 2020 der CP-Fußball weitestgehend zum Erliegen gekommen war, durfte Christopher Schmidt in der zweiten Jahreshälfte 2021 nach zwei Vorbereitungslehrgängen endlich sein Länderspieldebüt in der Nationalmannschaft feiern. Bei der „Barcelona Trophy“, bei der das deutsche Team auf Thailand, Dänemark und Katalonien traf, debütierte er Ende November wenige Tage nach seinem 28. Geburtstag. „Das war ein ganz besonderer Moment für mich. Da haben die Knie ganz schön geschlottert. Ich war schon ein paar Tage vorher aufgeregt, was ich normalerweise gar nicht bin“, erinnert sich Christopher Schmidt. Und was für ein Debüt: Nach seiner Einwechslung bereitete er das 4:1 gegen Thailand vor. Und auch generell wird er das erste Spiel für die CP-Nationalmannschaft so schnell nicht vergessen: „Mit dem Trikot mit dem Adler auf der Brust aufzulaufen, das ist natürlich ein ganz besonderes Gefühl.“

Tags darauf sollte der Nentershäuser sogar noch einen draufsetzen: Nach seiner Einwechslung gegen Dänemark (11:0) gelang dem 28-Jährigen sein erstes Länderspieltor: Nach einem Abpraller vom Torhüter reagierte er blitzschnell und schob den Ball ins Netz. „Ich habe mich natürlich mega gefreut und war dann auch ein bisschen angefixt und hätte auch gern noch eins oder zwei mehr machen wollen. Aber beim Stand von 10:0 muss man auch mal ein bisschen langsamer machen.“

Für die deutsche Nationalmannschaft Fußball-CP lief es hiernach bei dem Vierer-Nationen-Turnier in Spanien wie am Schnürchen: Mit weiteren Siegen gegen Katalonien (8:0) und erneut gegen Thailand im Finale (5:2) gewann Deutschland die „Barcelona Trophy“. Christopher Schmidt kam in allen vier Partien zum Einsatz, wenn auch jedesmal als Einwechselspieler, was für ihn allerdings kein Problem darstellte: „Ich durfte nicht von Beginn an ran, das war für mich aber von vornherein klar. Ich habe jetzt mein erstes Länderspiel gemacht und bin seit Kurzem erst dabei. Von daher muss ich mich in der Hierarchie erst einmal hinten anstellen.“ Eine Antwort, die auch von einem gestandenen Fußballprofi stammen könnte.

Der Nentershäuser will auch in Zukunft Bestandteil der deutschen CP-Fußball-Nationalmannschaft bleiben, die laut dem Bundestrainer einen erweiterten Kader mit rund 200 Spielern im Blick hat. Das nächste Ziel ist der World-Cup in Spanien 2022 mit den besten 16 Mannschaften der Weltrangliste. Um dranzubleiben und trainieren zu können, hat sich Christopher Schmidt nunmehr dem Team United des SV Teutonia Köppern angeschlossen, einer inklusiven Fußballmannschaft im Taunus, die ebenfalls von Bruno Pasqualotto gecoacht wird.

Ob Christopher Schmidt dort auch seine Sangeskünste als Udo-Lindenberg-Imitator zum Besten geben wird? Nach dem Turniersieg in Barcelona hatte er im Bus zum Mikrofon gegriffen und Lindenbergs „Cello“ intonisiert, wie von seinen Nationalmannschaftskollegen gefordert. Und auch bei seinem ersten Länderspieltor war Udo Lindenberg dabei, als über die Stadionlautsprecher „Ich mach’ mein Ding“ erklang – ganz so, wie es Christopher Schmidt seit seiner lebensbedrohlichen Hirntumor-Diagnose vor mehr als elf Jahren gemacht hat... ANDREAS EGENOLF

CP-Fußball: International seit 1978 – in Deutschland noch in den Kinderschuhen

Eines haben die Spieler beim CP (Cerebral Prasy)-Fußball gemeinsam: Sie leiden unter Schädigungen des zentralen Nervensystems im Gehirn. Die Formen der Bewegungsstörungen sind dabei vielfältig und reichen von der einfachen und doppelseitigen Halbseitenlähmung, über die Lähmung von Rücken und Beinen bis zur Unmöglichkeit, gezielte Bewegungen durchzuführen.

Die Spieler werden von medizinischen Experten und Gutachtern in insgesamt drei Klassen eingeteilt, die von stark körperlich eingeschränkt (Klasse 1) über mittlere (Klasse 2) bis zu wenigen Einschränkungen (Klasse 3) reichen. Pro Spiel muss ein Akteur aus Klasse 1 spielen, und es darf nur ein Spieler aus Klasse 3 auflaufen. Auf dem Feld unterscheidet sich der CP-Fußball von einem Senioren-Fußballspiel in mehreren Dingen. So beträgt unter anderem die Spielzeit 2 x 30 Minuten, und es wird auf einem bis zu 75 x 55 Metern großen Spielfeld auf 5 x 2 Meter große Tore gespielt. Zudem spielen beide Mannschaften nur mit jeweils sechs Feldspielern und einem Torhüter gegeneinander. Auf Abseits wird verzichtet.

Auf internationaler Bühne zählte der CP-Fußball lange Jahre zu den paralympischen Sportarten. 1978 international erstmals öffentlich gespielt, war von 1984 bis 2016 diese Art des Fußballs fester Bestandteil der Paralympics, ehe er überraschend aus dem Programm gestrichen wurde. Trotz dieser eigentlich langen Tradition, steckt der Fußball-CP in der Bundesrepublik noch weitestgehend in seinen Kinderschuhen: Während es beispielsweise in Russland eine eigene Profiliga gibt, besteht erst seit dem Frühjahr 2014 eine deutsche Nationalmannschaft. Diese ist allerdings nicht unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wie es in nahezu allen anderen Ländern Standard ist, sondern unter dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) organisiert.

Einen eigenen, großflächigen Spielbetrieb für CP-Fußball gibt es in Deutschland bisher nicht. Viele der Aktiven spielen beispielsweise im normalen DFB-Spielbetrieb teilweise bis zur Ober- oder Landesliga. Und auch in den Bundesländern gibt es bisher lediglich in Hessen und Bayern Landesauswahlen im Fußball-CP, aus denen sich auch der überwiegende Teil der Nationalspieler speist.

Finanziell ist die Förderung der CP-Fußball-Nationalmannschaft, gerade seit dem Paralympics-Aus 2016, ausbaufähig: Wie Bundestrainer Conny Frank Fritsch, der selbst Fußball-Lehrer ist, in einem Video-Interview vor Kurzem erklärte, steht dem CP-Fußball-Nationalteam ein niedriger fünfstelliger Betrag, „wo eine Eins vorne steht“, pro Jahr zur Verfügung. Daher ist die Nationalmannschaft über jeden einmaligen oder dauerhaften Sponsor froh.

Bei den vergangenen Turnieren erreichte die Nationalmannschaft 2018 Platz sechs bei der Europameisterschaft in Zeist (Niederlande) und beim World Cup 2019 in Sevilla den zehnten Rang. 2022 steht nunmehr der World Cup in der Nähe von Barcelona an, für den sich das deutsche Team als Weltranglisten-Vierzehnter qualifiziert hat. 2023 wird die EM ausgespielt, dann folgen die WM-Qualifikation und die Weltmeisterschaft. sfe

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