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Blickt in eine ungewisse nahe Zukunft: Christopher Strauch, Torwart des Hessenligisten SV Rot-Weiß Hadamar.

Fußball im NNP-Land

Christopher Strauch: "Eine Wahnsinnssituation!"

Die Vereine im deutschen Profifußball werden nicht müde, öffentlich auf ihre prekäre finanzielle Situation, die durch die Saisonunterbrechung entstanden ist, hinzuweisen. Einige Spieler verzichten bereits auf ihre Gehaltszahlungen, um die Liquidität des Vereins und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter nicht zu gefährden. Doch wie sieht es im "semiprofessionellen" Fußball aus? Wie gehen die Hessenligisten aus dem NNP-Land, der SV Rot-Weiß Hadamar und der TuS Dietkirchen, sowie Rheinland-Pfalz/Saar-Oberligist Sportfreunde Eisbachtal mit der aktuellen Lage um?

Eines vorweg: Trotz der Ungewissheit, wie und ob die Spielzeit fortgeführt wird, haben sich die Vereine mit den Entscheidungen der Politik und der Fußballverbände arrangiert. "Der Fußball spielt erstmal keine Rolle. Die Gesundheit steht schließlich über allem", sagt der geschäftsführende Vorstand der Eisbachtaler Sportfreunde,Uwe Quirmbach. Dementsprechend hat man sich auch bei den "Eisbären" an die Vorgaben seitens des Verbandes gehalten und auch den Trainingsbetrieb vollständig eingestellt. "Zu den Auswirkungen auf den Verein kann ich aber noch nichts sagen. Über die gesamte Tragweite der Situation ist man sich ja auch noch gar nicht bewusst", so Quirmbach.

Das sagt auch SFE-TrainerMarco Reifenscheidt. "Das betrifft uns alle. Mich genauso wie die Spieler", so der 38-Jährige. "Es ist unser Hobby, da sollten wir alle solidarisch sein und dem Verein entgegenkommen. Das erwarte ich auch von meinen Spielern." Sportlich besonders wehgetan habe den "Eisbären" allerdings der Ausfall des Rheinlandpokal-Halbfinales am 18. März, in dem die Sportfreunde beim Liga-Konkurrenten FV Engers hätten antreten müssen. Wie es weitergeht, vermag Reifenscheidt nicht zu prognostizieren. "Ich glaube nicht, dass der Ball in drei bis vier Wochen wieder rollt. Wir müssen abwarten", sagt er. Bis dahin gelte es, sich für den Ernstfall bereit zu halten. "Mit dem Training halten wir es klassisch. Die Spieler gehen drei- bis viermal pro Woche laufen. Dazu kommt Intervall- und Stabilitätstraining", sagt der Trainer. Mehr sei momentan ohnehin kaum möglich. "Was fehlt, ist natürlich das Teamgefühl."

Die Spieler helfen ihrem Verein

Von einer "Wahnsinnssituation" spricht auch Christopher Strauch, seit vielen Jahren Schlussmann bei Hessenligist SV Rot-Weiß Hadamar, der sich ebenfalls für Solidarität gegenüber seines Vereins ausspricht. "Gerade in den Vereinen, bei denen Vertragsamateure spielen, ist das eine besonders schwierige Lage", so Strauch. Beispiele dafür gibt es bereits zu Genüge: Der FC Gießen hatte zwar schon vor der Corona-Krise finanzielle Probleme, durch die ungewisse Situation tut sich der Regionalligist nun allerdings noch schwerer, zahlungswillige Sponsoren zu finden. Auch weil an eine Fortsetzung des Spielbetriebs vor Publikum kaum zu denken ist, verschärft sich die Situation des letztjährigen Hessenliga-Meisters zunehmend. Dort haben die Spieler bereits per Videobotschaft in den sozialen Medien zur Unterstützung aufgerufen. Mit "Retter-T-Shirts" und "Geistertickets" sollen hier verlorengegangene Einnahmen kompensiert werden, um die schwierige Situation zu überbrücken.

Eine ähnlich angespannte Lage ist bei den Fürstensstädtern nicht zu erwarten. Dennoch haben sich die Rot-Weiß-Spieler zusammengetan und verzichten in dieser ungewissen Zeit auf ihre Gehälter, berichtet Strauch. "Wir müssen dem Verein da helfen. Es fallen ja nicht nur die Eintrittsgelder weg, sondern auch sämtliche Einnahmen vom Verkauf am Sportplatz", so der 32-Jährige.

Auch einige Kilometer weiter beim TuS Dietkirchen ist die Lage entspannter. "Finanziell ist unser Verein breit aufgestellt, so dass wir trotz der Einnahmeverluste in aller Ruhe auf die Entscheidungen der Verbandsfunktionäre warten können, in deren Haut ich jetzt nicht stecken möchte", sagt Ulrich Schmitt, der 1. Vorsitzende der Reckenforstler. "Gerade für unser Abenteuer in der Hessenliga tut es mir für die Fußballer leid, dass das Spiel mit all den Besonderheiten derzeit nicht stattfinden kann. Der ganze Verein hatte sich so darauf gefreut." Bis bekannt ist, wie es weitergeht, halten sich auch die Schwarz-Roten eigenständig mit Laufeinheiten und Stabilitätsübungen fit. "So gut es geht", sagt TorhüterRaphael Laux. "Wir sollen dreimal in der Woche mindestens acht Kilometer laufen." Per App auf dem Smartphone hat Co.-Trainer Robin Böcher die Möglichkeit, die Trainingsergebnisse seiner Teamkollegen zu kontrollieren. "Auf Dauer ist das natürlich für alle nicht schön. Momentan gehen wir davon aus, dass die Saison annulliert wird", so Laux.

Doch auch am Reckenforst sind sich alle bewusst, dass der Sport nicht die oberste Priorität hat. "Ich hoffe, dass unsere Mitglieder vom Virus verschont bleiben, unsere treuen Sponsoren auch die wirtschaftliche Krise gut meistern und wir bald wieder unser Sportgelände als Platz für die sozialen Kontakte nutzen können", sagt Ulrich Schmitt, der genau wie alle anderen gespannt darauf wartet, was bei der Sitzung des Vorstandes des Hessischen Fußball-Verbandes am heutigen Samstag passiert. Auch wenn nun zumindest bekannt ist, dass der Spielbetrieb im deutschen Amateurfußball "bis auf Weiteres" ruht und die DFB-Spielordnung an die aktuelle Lage angepasst wurde. Ginge es nach Thorsten Wörsdörfer, dem Trainer des TuS Dietkirchen, sollten die Verantwortlichen dem Vorbild des englischen Fußballverbandes folgen. Dieser hatte vergangene Woche die Saison für die Clubs ab der siebten Liga und darunter mit sofortiger Wirkung annulliert. "Dann gibt es kein langes Hin und Her", so Wörsdörfer. Yannick Wenig

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