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Sportgericht

Die Chronologie der Gewalt

  • Marion Morello
    vonMarion Morello
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Diese Entscheidung ist ebenso einzigartig wie längst überfällig: Aufgrund der jüngsten Vorfälle auf dem Sportplatz in Wilsenroth und der von der Polizei eingeleiteten Ermittlungen hat das Sportgericht im Fußballkreis Limburg-Weilburg unter Vorsitz von Heinz Schneider ein vorläufiges Spielverbot für den Fußball-B-Ligisten WGB Weilburg verhängt.

Um was geht es? Am vergangenen Sonntag hatte es verstörende Szenen am Rande des Fußball-B-Liga-Spiels des SV Wilsenroth gegen WGB Weilburg (1:0) gegeben. Nachdem zwei WGB-Spieler unter anderem gegen den Schiedsrichter, Marvin Conradi (SV Heiligenroth), tätlich geworden sein sollen, rückte die Polizei an, die unverzüglich Ermittlungen einleitete und jetzt Zeugen sucht. Kreisfußballwart Jörn Metzler hat daraufhin einen Antrag auf Spielverbot gestellt.

Wie lautet der Beschluss? Sehr schnell hat das Sportgericht im Fußballkreis Limburg-Weilburg unter Vorsitz von Heinz Schneider gehandelt. In dem Beschluss heißt es wörtlich: „1. Auf Antrag des Kreisfußballwartes des Fußballkreises Limburg-Weilburg, Jörn Metzler, wird gemäß § 8 6. Strafordnung angeordnet, dass die WGB Weilburg bis zur Verhandlung und Entscheidung durch das Sportgericht vorläufig auf die Dauer von einem Monat vom Spielbetrieb ausgeschlossen wird.“

Was steht in Paragraf 8 6. der HFV-Strafordnung? Paragraf 8 befasst sich mit dem „Spielverbot“. Unter Punkt 6 heißt es im Wortlaut: „In Fällen besonders schwerwiegender Vergehen gegen § 37, § 39, § 39a oder § 40 Strafordnung kann der Vorsitzende des zuständigen Sportgerichts auf Antrag des zuständigen Fußballwartes im schriftlichen Verfahren auf die Dauer von längstens einem Monat anordnen, dass der beschuldigte Verein bis zur Verhandlung und Entscheidung durch das Sportgericht vorläufig vom Spielbetrieb ausgeschlossen wird. Das vorläufige Spielverbot ist auf das im Urteil ausgesprochene Spielverbot anzurechnen.“

Wann wird verhandelt? Die Sitzung des Sportgerichts ist für Freitag, 30. Oktober, im kleinen Saal des Offheimer Bürgerhauses anberaumt. Unter den gegebenen Hygiene- und Pandämie-Vorgaben werden zu dieser öffentlichen Sitzung allerdings nicht allzu viele Personen Einlass finden.

Was sagt der Vorsitzende des Sportgerichts? Heinz Schneider ist seit März Nachfolger des früheren Sportrichters Guido Erwes. Er sagt: „Dass ich das Spielverbot gegen WGB Weilburg verhängen konnte, ist allein der Tatsache geschuldet, das Jörn Metzler den Antrag gestellt hat.“ Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger geht Heinz Schneider offensiv mit Urteilen, Verhandlungen und Beschlüssen um. Was den aktuellen Fall angeht, gibt er zu bedenken: „Ein Spielverbot zu verhängen, ist grundsätzlich immer die letzte Instanz, wenn man erkennt, dass alle anderen Maßnahmen nicht mehr fruchten.“ So hat beispielsweise ein Langzeitcoaching mit Experten des HFV bei WGB keinerlei Ergebnisse gebracht.

Eine Chronologie des Grauens. Es sind einige wenige Akteure von WGB Weilburg, die seit Jahren aufgrund ihrer Aggressionen und Unbeherrschtheit für Aufsehen sorgen. Ein paar Kostproben gefällig? Im Februar 2017 hatte ein WGB-Spieler nach einer Roten Karte gegen seinen Teamgefährten die Faust ins Gesicht eines Fußballers der SG Hangenmeilingen/Niederzeuzheim geschlagen. Als auch er Rot sah, stieß er beim Verlassen des Platzes einen einheimischen Linienrichter (66) derart brutal um, dass dieser stürzte und die folgende Nacht im Krankenhaus verbringen musste. Die beiden Übeltäter wurden vom Einzelrichter – seinerzeit Heinz Schneider – zu 40 und zehn Spielen Sperre verurteilt. Vor dem Limburger Amtsgericht gab es gegen den Hauptbeschuldigten wegen Körperverletzung 90 Tagessätze à 50 Euro obendrauf. Im April 2017 attackierte ein WGB-Spieler den damaligen Coach des VfR Niedertiefenbach, woraufhin dieser den Schiedsrichter um Spielabbruch bat. Im März 2017 war WGB vom Sportgericht zu 150 Euro Geldstrafe sowie drei Punkten Abzug belegt worden, weil sich einige Spieler in der A-Liga beim SV Erbach danebenbenommen hatten. Am 21. September 2015 hatte ein WGB-Akteur einem Betreuer des TuS Linter bei einem Handgemenge den Arm gebrochen.

Der Kommentar

Erstmals überhaupt hat ein Sportgericht im Fußballkreis Limburg-Weilburg eine so mutige und historische Entscheidung getroffen und das Team von WGB Weilburg mit einem Spielverbot belegt. Immer wieder hatte es in den letzten Jahren zum Teil brutale Vorfälle im Zusammenhang mit einigen Spielern von Gencer Birligi gegeben. Wohlgemerkt: Es sind einige wenige Akteure, die ihren Verein permanent und in regelmäßigen Abständen in Verruf bringen, beileibe nicht alle.

So zuletzt auch auf dem Sportplatz des SV Wilsenroth, wo gleich mehrere standhafte Ordner den Schiedsrichter vor – dem Vernehmen nach – zwei wildgewordenen Weilburger Spielern schützen mussten. Wenn ein kräftiger, hünenhaft gewachsener Mann sagt: „Ich habe wirklich Angst gehabt“, dann will das schon etwas heißen. Letztlich musste die Polizei für Ordnung sorgen. Die Sportplätze sollten Orte der Freude und des sportlichen Vergleichs sein. Angst hat hier überhaupt nichts zu suchen.

Die Furcht vor der WGB war in den letzten Jahren zum Teil derart prekär, dass Mannschaften ernsthaft über Boykott nachgedacht haben, weil ihre Spieler gegen die Weilburger schlichtweg nicht antreten wollten, da sie Angst um ihre körperliche Unversehrtheit hatten.

Nachdem das Sportgericht des Fußballkreises Limburg-Weilburg in den zurückliegenden Jahren stets – zwar satzungskonform – aber dennoch äußerst milde geurteilt hat, wenn es um Vorfälle mit Beteiligung von WGB Weilburg ging, scheint in diesem Gremium jetzt ein anderer Wind zu wehen. Endlich hat sich ein Sportrichter gewagt, den Übeltätern das Handwerk zu legen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Es war allerhöchste Zeit. Sportplätze sind kein rechtsfreier Raum.  MARION MORELLO

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