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Matthias Bausch, stellvertretender Verbandsfußballwart.

Fußball

Corona-Zwangspause: Matthias Bausch spricht Tacheles

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Funkstille in Fußball-Deutschland. Während die Verantwortlichen der Profi-Clubs über Geisterspiele diskutieren, weiß im NNP-Land und in den Amateur-Ligen niemand, wie es weitergehen soll. Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir einen Experten befragt; einen, der sowohl an verantwortlicher Stelle im Hessischen Fußball-Verband steht als auch seine Wurzeln im Fußballkreis Limburg-Weilburg hat. Mit dem stellvertretenden Verbandsfußballwart und Klassenleiter der Gruppenliga Wiesbaden, Matthias Bausch (Hintermeilingen), sprach Sportredakteurin Marion Morello.

Vor gut einer Woche der Super-GAU: Der Hessische Fußball-Verband hat alle Spiele – egal ob Pokal- oder Pflichtspiele – und sogar die Trainingsaktivitäten gestoppt, um die Ausbreitung des Coronavirus’ zu verlangsamen. Wie ist die Situation jetzt, zehn Tage später? 

Um eines vorwegzunehmen: Wenn sich nicht augenblicklich ausnahmslos alle Menschen an die vorgegebenen Maßnahmen der Experten und der Bundesregierung halten, um die Pandemie aufzuhalten, müssen wir uns hier über Fußball – ob in absehbarer Zeit oder in naher Zukunft – gar nicht erst unterhalten. Es gibt immer noch viel zu viele Gruppenbildungen und sogar Partys. Wenn sich nicht alle strikt an die Hygienevorgaben und an das sogenannte „social distancing“, die Vermeidung sozialer Kontakte, halten, können wir das alles vergessen. 

Welche Pläne hat der Hessische Fußball-Verband in der Schublade für den Fall, dass sich die Situation irgendwann verbessert oder entspannt? 

Wir müssen immer im Hinterkopf behalten, dass man zuallererst einen Zeitpunkt ermitteln muss, bis wann eine Fortsetzung der Runden überhaupt noch realistisch ist. Die ausgesprochene Sperre gilt im HFV-Bereich zunächst bis einschließlich Karfreitag. Abgesehen davon gibt es für Hessen ein landesweites Veranstaltungsverbot zunächst bis 19. April. Angenommen, danach könnte man wieder spielen und würde die Saison – dank der Verlegung der Europameisterschaft ins Jahr 2021 ist dies ja möglich – bis Ende Juni hinziehen, wäre eine sportliche Beendigung der Saison 2019/20 natürlich möglich. Bis Karfreitag fallen beispielsweise in der Gruppenliga Wiesbaden, in der ich Klassenleiter bin, vier Spieltage aus. Die wären sicher problemlos bis Ende Juni durchzuführen. Allerdings würden auch in diesem Fall die angedachten Relegations- und Aufstiegsspiele entfallen. Der Auf- und Abstieg ist in allen Ligen grundsätzlich geregelt.

Was wäre in diesem Fall mit der Wechselfrist, die ja bekanntlich am 1. Juni beginnt und am 30. Juni endet? 

Das ist eben die Frage. Wie verfährt man damit? Darüber müsste man sich natürlich im Vorhinein Gedanken machen. Das ist noch völlig offen und müsste geklärt werden. Welche Alternative gibt es zur Variante, dass nach Karfreitag wieder gespielt werden kann? Wenn sich die Spielsperre noch weiter hinziehen wird, muss man über den Abbruch der Saison nachdenken. Das könnte bedeuten, dass Ende Juli/Anfang August die neue Saison 2020/21 von vorne starten würde mit gleicher Besetzung der einzelnen Ligen. Einfach noch einmal von vorne anfangen bei Null wäre eine Möglichkeit. 

Klingt simpel, birgt aber einen Haken: Die sportlich bis zur Spielsperre erfolgreichen Mannschaften, sprich: die Tabellenführer, würden sich vermutlich um ihre Belohnung betrogen fühlen, nämlich um den Aufstieg. Während die Mannschaften, die derzeit auf den Abstiegsrängen verharren, um den Gang in die untere Liga herumkämen und sich freuen würden. Wäre das gerecht? 

Nein, natürlich nicht. Es gibt allerdings noch andere Überlegungen. Zum einen könnte man ganz einfach die Halbzeittabelle als Abschlusstabelle fixieren. Dann hätten alle Mannschaften die gleiche Anzahl von Spielen und alle einmal gegen die anderen Vereine in der Konkurrenz gespielt. Und die zweite Überlegung? Das wäre die Heranziehung einer sogenannten Quotiententabelle. Dafür nimmt man für jeden einzelnen Verein die Anzahl der erspielten Punkte und teilt sie durch die Anzahl der ausgetragenen Spiele. Die Größe des Quotienten ergibt die Position in der Tabelle. 

Ein Beispiel bitte! 

Verein XYZ hat zurzeit 50 Punkte und 25 Spiele ausgetragen. 50 geteilt durch 25 ergibt 2. 2 ist der Quotient. Verein ABC hat 40 Punkte in 25 Spielen gesammelt. 40 geteilt durch 25 ergibt 1,6. Auch so kann man eine Tabelle ermitteln. 

Was schreibt die Satzung des Hessischen Fußball-Verbandes für eine solche Situation vor, die wir gerade erleben? 

In der Satzung ist ein solches Szenario schlicht und ergreifend nicht vorgesehen. Deshalb müssen wir versuchen, diesen Ausnahmezustand selbst mit allen anderen Landesverbänden und dem DFB zu lösen. Und zwar so, dass es für alle Beteiligten gerecht ist. Das aktuelle Klassement als Abschlusstabelle zu verwenden, ist jedenfalls keine Option. Hessen kann hier auch keine Insellösung präsentieren, da auch der Aufstieg durchweg bis in die Bundesligen einheitlich geregelt werden muss. 

Wäre es denn eventuell vorstellbar, die Saison entspannt bis in den November/Dezember zu ziehen und mit der neuen Saison im März 2021 zu beginnen? Dann hätte man auch den perfekten Rhythmus für die Fußball-WM 2022 in Katar, die ja bekanntlich im Dezember ausgetragen werden soll. 

Das ist so gut wie unmöglich. Das würde nur dann funktionieren, wenn alle mitziehen würden bis hin zur Bundesliga. Auch die europäischen Wettbewerbe, die Euro-League und die Champions-League müssten sich anpassen. 

Warum? 

Auf Amateur-Ebene wäre das eventuell noch denkbar, aber spielen wir das mal durch. Der C-Liga-Meister würde im November/Dezember in die B-Liga aufsteigen, der B-Liga-Meister in die A-Liga und so weiter. Aber: Was ist mit dem Hessenliga-Meister, wenn die Saison der Regionalliga erst im Mai, also ein halbes Jahr später, endet. Soll der Hessenliga-Meister ein halbes Jahr lang warten, bis es weitergeht? Und so zieht sich dieses Problem bis in die 1. Liga. 

Was bleibt uns allen also zu tun? 

Wir müssen einfach abwarten, wie sich die Pandemie entwickelt. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre alles Weitere reine Spekulation.

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