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Die Oberurselerin Nadine Okrusch setzt sich energisch durch und erzielt eines ihrer zehn Tore gegen den TV Hüttenberg.

Handball, Oberliga

Demonstration von Stärke: Oberursel siegt im Top-Spiel mit 43:26

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43:26 – ausgerechnet gegen ihren „Angstgegner“ gelingt Oberursels Handballerinnen der höchste Saisonsieg. Mehrere Spielerinnen überragen, und eine verletzt sich wahrscheinlich schwer.

Manchmal entscheidet sich auf dem Handballfeld in einer Szene der Verlauf eines Spiels, ja sogar der restlichen Saison.

Als Vanessa Müller, Rückraumspielerin der TSG Oberursel, sich in einem Zweikampf das Knie verdrehte, zu Boden ging und vor Schmerzen schrie, wurde es mucksmäuschenstill in der EKS-Halle. 12:11 stand es am Samstagabend in dieser 19. Minute im Spitzenspiel der Oberliga Hessen zwischen dem gastgebenden Tabellenführer und dem TV Hüttenberg, bis dato ein „Angstgegner“ für den Titelaspiranten – inklusive ihres Trainers. „Mit Bauchschmerzen“ war Paul Günther am Morgen sogar aufgewacht. Bis zu jener Aktion hatte er dann ein ausgeglichenes Spiel gesehen.

Zwei Schritte, Wurf, Tor

Müller wurde nach minutenlangem Verharren auf dem Hallenboden schließlich vom Spielfeld geführt, von zwei Mitspielerinnen gestützt. Sie konnte mit dem linken Bein nicht auftreten. Es ist zu befürchten, dass die Saison für sie beendet ist. Michelle Okrusch, die nach einem Foul ebenfalls Schmerzen hatte wegstecken müssen und sich deshalb kurzzeitig auf die Bank begeben hatte, kam für Müller zurück ins Spiel. Sie erhielt nach dem Freiwurf den Ball, machte zwei Schritte, sprang hoch und warf oben ins rechte Eck das 13:11.

Es wäre übertrieben, den furiosen Auftritt von Oberursels Handballerinnen nur an dieser Phase festzumachen. Es war – wie so oft in diesem Sport – das Zusammenspiel von vielen Faktoren, warum ein Sieg so ausfiel, wie er ausfiel. An diesem Abend vor rund 150 Zuschauern außergewöhnlich hoch – mit 43:26 für die TSGO.

Die Geschehnisse ab der 19. Spielminute sagen aber viel über den Charakter einer Mannschaft aus, in die ihr Trainer „grenzenloses Vertrauen“ hat, wie Günther sagt. Eine solche Schrecksituation wie die wahrscheinlich schwere Verletzung von Müller motiviere seine Spielerinnen nur noch zusätzlich, meinte der frühere Zweitliga-Spieler. „Wir haben für Vanessa gespielt“, sagte Viktoria Heilmann.

Völlig außer Puste

Sinnbildlich für den Spielstil des Spitzenreiters steht die Rechtsaußenspielerin. Sie befördert nicht nur den Ball trotz schwierigen Winkels als Rechtshänderin traumwandlerisch sicher in die Ecken des Tores. Sie läuft vor allem so viel und so schnell, dass ihr Trainer sie rund zehn Minuten vor Abpfiff einfach auswechseln musste. Heilmann war völlig außer Puste.

Oberursels Torjägerin Nummer eins (96 Treffer) war eine von mehreren Spielerinnen, die eine überragende Leistung zeigten an diesem Abend. Nadine Okrusch war auch so eine, wie Heilmann zehnmal erfolgreich und Taktgeberin des Tempospiels der Hausherrinnen. Ihre jüngere Schwester Michelle Okrusch erzielte neun ihrer zehn Tore in der ersten Halbzeit und schaffte es im Verlauf der Partie ungefähr ebenso oft, ihren Gegenspielerinnen den Ball aus den Händen zu spielen (was fast immer ein Gegenstoß-Tor durch eine Mitspielerin bedeutete).

Der erste Abschnitt hatte noch recht knapp geendet (20:16). Kaum zu glauben: Ein Tor mehr war den TSGO-Damen bei der Niederlage im Hinspiel insgesamt gelungen (21:24) – zugleich ist das für sie bis dato das letzte verlorene Saisonspiel. Elf Partien und gut fünf Monate später ließen sie sich auch gegen Hüttenberg durch nichts aufhalten, obwohl mit Jana Sellner (krank) eine wichtige Akteurin nicht mitwirken konnte.

„Irgendwann waren wir an einem Punkt, völlig befreit aufzuspielen“, sagte Heilmann, und ihre Augen glänzten immer noch, wie nach einem Rausch. „Wenn nicht die erste Welle geht, haben wir uns vorgenommen, halt die zweite zu spielen“, kommentierte Günther. Richtig Bock habe sein Team gehabt, schnellen Handball zu spielen. Und heraus kam „das beste Spiel“, so Günther, „seitdem ich in Oberursel Trainer bin“.

Wen der Mann mit dem kahlen Schädel auch in der zweiten Halbzeit einwechselte: Die Spielerinnen fügten sich nahtlos ein und zogen die Partie bis zum Schluss gegen die bedauernswerten Hüttenbergerinnen durch. Die brachten zu wenig Kondition mit, um dem Angriffswirbel auf Dauer standzuhalten. Die letzten sechs Minuten ließen sie über sich ergehen. Oberursel warf noch acht Tore, Hüttenberg keines mehr.

„Orschel ist der geilste Club der Welt“, sangen die TSGO-Spielerinnen. Sie tanzten dabei im Kreis, Arm in Arm. Zum Jubeln waren sie an den Spielfeldrand gekommen und nahmen dazu Vanessa Müller in ihre Mitte.

TSGO: Claudia Schilling, Ayana Petri; Michelle Okrusch, Nadine Okrusch (je 10), Viktoria Heilmann (10/3), Berit Mies (6), Katharina Löbrich (3), Selina Walde (2), Jennifer Krasnansky, Caroline Stahl (je 1), Vanessa Müller, Lisa Greb, Elfie von der Wehl.

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