Königsteins Torwart Bugra Dursun fliegt durch den Strafraum.
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Königsteins Torwart Bugra Dursun fliegt durch den Strafraum.

Fußball, Hessenpokal

Der 1. FC-TSG Königstein bringt Kickers Offenbach ins Wanken

  • VonRobin Kunze
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  • Thorsten Remsperger
    Thorsten Remsperger
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Gut 30 Minuten lang darf der siebtklassige Gruppenligist aus dem Taunus sogar von einer Sensation im Hessenpokal träumen. Letztlich kommen die Profis von Kickers Offenbach mit einem blauen Auge davon. Für den 2:1-Sieg in Königstein müssen sie mehr investieren, als ihnen lieb ist.

Königstein -Wochenlang hatte der 1. FC-TSG Königstein dem Drittrundenspiel des Hessenpokals entgegengefiebert, schließlich hatte der Fußball-Gruppenligist mit Kickers Offenbach buchstäblich das große Los gezogen. Wer allerdings den Verein bei dieser einmaligen Partie gegen den Regionalligisten auf dem Feld vertreten würde, war für Trainer Till Sommerfeld die schwerste Entscheidung.

Stefan Böhmig gehörte als Kapitän zu den elf Auserwählten, doch der Mittelfeldstratege wusste, dass die "wahre Mannschaft" viel, viel größer war. "Es ist unfassbar, was die Leute um das Orga-Team hinbekommen haben. Es war eine Ehre, heute für den 1. FC-TSG auflaufen zu dürfen", schwärmte Böhmig nach der Partie. In der Tat hatten zahlreiche Helfer den Sportplatz am Kreisel in eine angemessene Bühne für ein sportliches Top-Event verwandelt. Von der Soundanlage über die VIP-Lounge im Vereinsheim bis hin zur Organisation des Einlasse verlief alles reibungslos.

Die Kapitäne Sebastian Zieleniecki (Offenbacher Kickers, links) und Stefan Böhmig (1 .FC-TSG Königstein) überreichen sich vor dem Anpfiff die Wimpel.

Da wollte sich die heimische Mannschaft auf dem kleinen Kunstrasen nicht lumpen lassen. Die Hauptakteure - in den meisten Fällen Spieler aus der eigenen Jugend - zeigten den gleichen Eifer wie die Helfer. Zu "Hells Bells" von AC/DC liefen die Lokalmatadoren, angeführt von Keeper Bugra Dursun, genannt "Mama Henne", um 18.25 Uhr aufs Feld. Königsteiner Jugendspieler standen Spalier, und tosender Applaus der rund 750 Zuschauern (nur wenige Tickets aus dem OFC-Kontingent wurden nicht genutzt) schien der jungen Mannschaft jedwede Nervosität zu nehmen.

Die Gastgeber gingen das sehr hohe Tempo der Offenbacher von Beginn an mit und erkämpften sich in der 2. Minute den ersten Eckball. Diesen zog Zino Zampach frech direkt auf den Kasten, so dass Keeper David Richter gleich eingreifen und erneut zur Ecke fausten musste. Der ein oder andere Hochtaunus-Verein, der es bereits mit Königstein und Zampach zu tun bekam, kann bestätigen: Das war vom Neffen des ehemaligen Publikumslieblings von Eintracht Frankfurt, Thomas Zampach, genau so gewollt.

Wie der Torschütze das 1:0 erlebte

Den zweiten Eckball trat Zampach scharf in die Mitte, wo Finn Patrick Döhla am höchsten sprang und den Ball zum 1:0 für Königstein über die Linie köpfte. "Ich weiß gar nicht, ob ich in dem Moment überhaupt nachgedacht habe", gestand Döhla später schmunzelnd, "ich habe einfach gehofft, dass das Ding zu mir durchkommt. Und die Flanke war dann auch perfekt."

Die Königsteiner Fans feiern während des Hessenpokalspiels ihre Mannschaft.

Ein Glückstreffer war das 1:0 nicht. Das bewies das furchtlose Königsteiner Team, das immer wieder mit schnellen Umschaltmomenten für Gefahr sorgte. Dass der OFC im Vergleich zum 2:0 am Sonntag beim FSV Frankfurt kräftig rotiert hatte (nur zwei Spieler blieben in der Startformation), darf weder für den Regionalisten eine Ausrede sein, noch die Leistung des Underdogs schmälern. "Für uns zählte nur das Weiterkommen", sagte OFC-Trainer Sreto Ristic, "unser Personal war nicht hundertprozentig sattelfest." Keeper Dursun bekam überraschend wenig zu tun. "Ich glaube, dass sie uns unterschätzt haben", meinte der Schlussmann, der den Gegner oft in Ballbesitz sah, aber für sein Tor weitestgehend ungefährlich agierend.

Das 1:1 durch Elsamed Ramaj fiel aus abseitsverdächtiger Position mit einem abgefälschten Schuss (31.). Dass der Torschütze danach mit einer Hand am Ohr in Richtung der Königsteiner Fans "Ich kann euch nicht hören" signalisierte, kann man als Fußballprofi bei einem Siebtligisten machen, muss man aber nicht.

Die Latte des leeren Tores steht im Weg

Mehr Klasse bewies Teamkollege Sebastian Zieleniecki, der mit einem Gewaltschuss aus über 30 Metern noch vor der Pause die Partie drehte (45. + 1). Viel mehr kam auch im zweiten Durchgang nicht vom Favoriten. Die zwei besten Chancen besaß Königstein: Schon nach 33. Minute hatte der verdutzte Zampach nach kapitalem Abspielfehler von Richter die Latte des leeren Tores getroffen. Und in der 62. Minute scheiterte der kurz zuvor eingewechselte Deniz Cayli aus kurzer Distanz am OFC-Torwart. Bis zum Schluss musste der Favorit ums Weiterkommen bangen.

"Das war Mut, Vollgasfußball und Leidenschaft. Die Jungs haben ihr Herz in die Hand genommen und fast eine Sensation geschafft", lobte Coach Till Sommerfeld. "Es ist schade, dass es am Ende nicht gereicht hat, aber so ist Fußball nun mal, wenn du deine Chancen nicht nutzt. Trotzdem können wir stolz auf uns sein", ergänzte Zino Zampach.

Der Routinier und seine Mitspieler wurden noch lange von den Königsteiner Fans gefeiert.

"Dieses Spiel ist eine Belohnung für den ganzen Verein"

Ari Bizimis befand sich auf der kleinen Anhöhe vor dem Vereinsheim gerade im Gespräch mit seinem Vorgänger Jörg Pöschl und Landrat Ulrich Krebs. Fast hätte der Vereinsvorsitzende deshalb das Tor zum 1:0 für seinen 1. FC-TSG Königstein verpasst. Ein paar Minuten später - und der Siebtligist führte immer noch gegen das so traditionsreiche Kickers Offenbach aus der Regionalliga Südwest - sprudelte es nur so aus ihm heraus. "Wenn man seit bald 20 Jahren Jugendarbeit macht wie wir, kann so etwas dabei herauskommen", strahlte Bizimis, "dieses Spiel ist eine Belohnung für den ganzen Verein." Auf Augenhöhe einem Proficlub wie dem OFC begegnen zu dürfen, erfüllte den Chef des 18 Jahre alten Zusammenschlusses aus 1. FC Königstein und der Fußball-Abteilung der TSG Falkenstein mit Stolz.

"Das ist einfach eine geile Nummer", fasste sich Vizepräsident Jugend Steffen Schmidt - nicht weniger euphorisch - etwas kürzer im Beschreiben seiner Freude. Derweil benötigte Schatzmeister Sven Gniza noch die erste Halbzeit, bis die ganze Last von seinen Schultern fiel, wie er sagte. Drei Wochen an Vorlaufzeit habe der 1. FC-TSG, der mit rund 600 Spielern in 26 Nachwuchsmannschaften über eine der größten Jugendabteilungen im hessischen Fußball verfügt, plötzlich nur gehabt. Zunächst war die Partie ja für den 11. Dezember geplant gewesen. Drei Wochen seien für ihn und andere Helfer gekennzeichnet gewesen von wenig Schlaf und vielen Telefonaten. Es habe so viel organisiert werden müssen wie Stromversorgung, Absperrgitter, Verpflegungsstände, Hilfsdienste. In drei Teams hatten sich die ehrenamtlichen Organisatoren aufgeteilt, um am Spieltag selbst um 9 Uhr mit dem Aufbau zu beginnen. Diese Mühen haben sich gelohnt: Der 1. FC-TSG Königstein stellte ein Event der Extraklasse auf die Beine. Während sich die beiden Vereine den Erlös aus dem Ticketverkauf für die Drittrundenpartie teilen, darf der Gastgeber die Einnahmen aus Speisen und Getränken komplett behalten.

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