Akrobatisch: Die Seulberger Sportgymnastin Nora Kießling beim Training mit dem Ball.
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Akrobatisch: Die Seulberger Sportgymnastin Nora Kießling beim Training mit dem Ball.

Sportgymnastik, Hochtaunus

Der TV Seulberg und das lange Warten auf die Heim-DM

  • Thorsten Remsperger
    VonThorsten Remsperger
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Erstmals möchte der TV Seulberg den Deutschland-Cup für Sportgymnastinnen ausrichten. Klappt es in diesem Jahr? Über Sportler und Vereinsvertreter, die sich diszipliniert in Geduld üben.

Seulberg -Fabienne Harreus muss noch ein wenig durchhalten, bis sie ihre Karriere krönen kann. Bei den deutschen Meisterschaften zu starten und noch dazu vor heimischem Publikum: Welcher Sportler träumt davon nicht? Für die 28-jährige Sportgymnastin des TV Seulberg sollte der Traum eigentlich im Juni 2020 wahr werden.

Die Verantwortlichen ihres Heimatvereins befanden sich schon fleißig in den Vorbereitungen für die erstmalige Ausrichtung des Deutschland-Cups. So werden die nationalen Titelkämpfe für die Breitensportvariante der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) bezeichnet. Für ein Wochenende sollte die Sporthalle der Philipp-Reis-Schule in Friedrichsdorf zum Zentrum des künstlerisch und athletisch zugleich anmutenden Individualsports hergerichtet werden. "Wir waren voll in der Planung, hatten uns um Sponsoren gekümmert, im Rahmenprogramm wollte der Verein sich präsentieren", erzählt Harreus. Dann nahm die unsägliche Geschichte mit dem Coronavirus ihren Lauf.

Die Sportgymnastinnen des TVS ließen sich nicht entmutigen. "Wir haben uns einfach wieder beworben", erzählt Fabienne Harreus, deren Mutter Angela die Abteilung stellvertretend leitet und auch Gau-Fachwartin für diese Disziplin ist. Prompt erhielt der Verein aus dem Taunus, der seit einigen Jahren eigene Teilnehmerinnen für den Deutschland-Cup herausbringt, wieder den Zuschlag. Der erste Termin im Mai kam freilich erneut nicht zustande. Jetzt setzen die Vereinsmitglieder alle Hoffnungen auf das letzte Wochenende im Oktober.

Sportgymnastin Fabienne Harreus vom TV Seulberg.

Die Organisation eines solchen Indoor-Events, zu dem dann hoffentlich auch Zuschauer zugelassen sind, ist aber nur die eine Seite. Die andere - und zwar jene für die Sportlerinnen - gestaltet sich in der Pandemie noch diffiziler. Denn in der Sportgymnastik verhält es sich ähnlich wie beim Turnen oder der Leichtathletik. Gewisse erlernte Techniken und das Timing kommen den Sportlern langsam abhanden, wenn sie nicht regelmäßig geübt werden. Dazu muss man aber bestenfalls eine Sporthalle betreten - im zweiten Lockdown von der Politik aufgrund des vermeintlichen Infektionsrisikos als ein Terrain eingestuft, das von Menschen tunlichst gemieden werden sollte.

Der letzte Regio-Cup liegt zwei Jahre zurück

"Wir haben trotzdem fast jeden Tag trainiert", sagt Fabienne Harreus, die beim letzten bis dato durchgeführten Regionalentscheid in Troisdorf den zweiten Platz hinter ihrer Vereinskameradin Carlotta Spadano belegt hatte. Im Mai 2019. Dazu muss man wissen, dass es in der "Breitensportvariante" der Sportgymnastik, die weniger "gesundheitsgefährdende" Elemente als die klassische RSG in ihrem Übungskatalog hat, sowieso kaum Wettkämpfe gibt. Als die Pandemie schon tobte, zog der Turngau Feldberg im vergangenen Jahr wenigstens die Gau-Meisterschaften durch. Allerdings blieben die Sportlerinnen jedes Vereins in ihrer Halle unter sich. Die Ergebnisse wurden später zusammengetragen.

Trainerin Simone Drott im Gespräch mit Isabel Frank.

Eigentlich bauen die Meisterschaften als jeweilige Qualifikationswettkämpfe aufeinander auf: Nach der Kreisebene folgen die Hessenmeisterschaften, danach der Regio-Cup, dessen Einzugsgebiet mehrere Landesverbände umschließt, und dann der Deutschland-Cup.

Noch nicht ganz klar ist, wie sich die Sportgymnastinnen diesmal für die nationalen Titelkämpfe qualifizieren können. "Ende August gibt es eventuell eine Quali, es bedarf aber noch einer Genehmigung durch den Hessischen Turnverband", berichtet Angela Harreus.

Ein schlechtes Gewissen habe sie jetzt schon gegenüber der Konkurrenz aus anderen Regionen Deutschlands, wo kein kontinuierliches Training möglich gewesen sei, sagt Simone Drott, langjähriger Coach der Seulberger Leistungssportgruppe und auch Leiterin der Abteilung. Unter der Regie der früheren DDR-Jugendmeisterin ist dagegen auch in Pandemie-Zeiten "Zug drin". Zunächst trainierten "ihre Mädels" Isabel Frank, Diana Ritter, Julia Habrom, Nora Kießling und die Geschwister Fabienne und Chantal Harreus fleißig zu Hause weiter.

Sportgymnastin Chantal Harreus vom TV Seulberg.

Vor allem Übungen für Kraft und Beweglichkeit seien im ersten Lockdown angesagt gewesen, erzählt Fabienne Harreus, deren drei Jahre jüngere Schwester Chantal übrigens nicht minder talentiert ist. Zur Eingabe der Trainingsleistung habe jede Teilnehmerin eine App auf ihr Mobiltelefon geladen. So konnte auch Drott die Daten einsehen.

Wenn es das Wetter zuließ, sei sie auch durch den Hof gesprungen, erzählt Fabienne Harreus lächelnd. Wobei das mit der notwendigerweise großzügig bemessenen Trainingsumgebung so eine Sache sei. Ringe, Keulen und Bänder werfen Sportgymnastinnen ja in die Luft - um sie idealerweise auch wieder aufzufangen. . . Von den Nachbarn habe sich jedenfalls niemand beschwert.

Im Team gab's den größten Erfolg für die Sportgymnastinnen des TV Seulberg

Im zweiten Lockdown hätten die Leistungssportlerinnen von der "großen Unterstützung" ihres Vereins profitiert, lobt Drott. Als an ein Open-Air-Training wetterbedingt nicht mehr zu denken war, durften die Mädchen und jungen Frauen jeweils zu zweit in die vereinseigene Turnhalle.

Auch Carlotta Spadano versuchte bei Besuchen in der Heimat wieder in ihren Rhythmus zu kommen. Die athletische wie auch ausdrucksstarke Drittplatzierte des bis dato letzten Deutschland-Cups (mit dem Handgerät Keule) wohnt inzwischen studienbedingt in Bielefeld.

Mittlerweile trainieren die Seulberger Sportgymnastinnen wieder in Gruppenstärke. Weiterhin spielen sie mit dem Gedanken, die neu gebildete fünfköpfige Kürgruppe bei den Titelkämpfen ins Rennen zu schicken. Mit einem Quartett hatte die Abteilung vor sieben Jahren den achten Rang belegt und war von den TZ-Lesern zur "Mannschaft des Jahres" gewählt worden. Ihre bisher erfolgreichste Saison, findet Fabienne Harreus.

Mittlerweile sitzt die Friedrichsdorferin an ihrer Bachelor-Arbeit in Sportwissenschaften. Trainiert den zehn- bis 13-jährigen Nachwuchs gemeinsam mit ihrer Schwester Chantal, Simone Drott und Elena Ritter. Hat auch noch das Laufen für sich entdeckt. Und gewöhnte sich als Sportgymnastin in "fortgeschrittenem Alter" daran, dass am Tag nach dem Training auch mal alles wehtut. Für das "Finale dahoam", frei nach einer Wortkreation kickender Wahl-Bayern, würde sich das alles lohnen. "Dann mit unserer neuen Kürgruppe anzutreten", sagt Fabienne Harreus, "das wäre das Größte."

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