Simon Hörter vom SV Wilsenroth (vorne, rechts) im Kampf um den Ball mit Muhammed Ali Simsek, Nr. 8 des Osmanischen SV Limburg. All die Siege der Wilsenröther werden nicht mehr zählen, sollte der HFV-Verbandsvorstand am Samstag für die Annullierung der Saison stimmen.
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Simon Hörter vom SV Wilsenroth (vorne, rechts) im Kampf um den Ball mit Muhammed Ali Simsek, Nr. 8 des Osmanischen SV Limburg. All die Siege der Wilsenröther werden nicht mehr zählen, sollte der HFV-Verbandsvorstand am Samstag für die Annullierung der Saison stimmen.

Vor dem wahrscheinlichen Saisonabbruch in Hessen

Die „Meister der Herzen“: SV Wilsenroth und SG Nord

  • Marion Morello
    vonMarion Morello
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Alle Zeichen stehen auf Saisonabbruch. Am Samstag, 9.30 Uhr, wird der Vorstand des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) zu einer weiteren historischen Online-Sitzung zusammenkommen und – alle Anzeichen deuten darauf hin – voraussichtlich den Abbruch der Fußballsaison 2020/21 beschließen. Wenn das passiert, gibt es auch im Fußballkreis Limburg-Weilburg sowohl Gewinner als auch Verlierer.

Zur Abstimmung stehen zwei Optionen: 1. Saisonabbruch und Annullierung; 2. Beendigung der Vorrunde und Wertung.

Was ist anders als in der Abbruch-Saison 2019/20? Auch wenn es zum zweiten Mal hintereinander zum Abbruch der aktuellen Spielzeit kommen würde, so wäre die Situation mit der Beendigung der letzten Saison 2019/20 dennoch nicht zu vergleichen. Beim ersten Lockdown im März 2020 war in allen Amateurligen die Vorrunde längst beendet und sogar schon ein Teil der Rückrunde absolviert. Damals gab es sogar gleich zwei Optionen für die Wertung: zum einen die Halbzeittabellen, zum anderen die Quotientenregelung (Punkte geteilt durch die Anzahl der Spiele). 2020 stimmte die Mehrheit für die Quotienten-Variante, es gab Auf- und Absteiger. Dieses Mal ist alles anders, denn nicht einmal die Einfachrunde ist in trockenen Tüchern. Für diesen Fall sieht die Satzung des HFV keine Wertungsoption vor, es bleibt im Grunde nur die Annullierung und ein Neustart – irgendwann – mit gleicher Ligenbesetzung.

Die Optionen. Selbst wenn die Abstimmung am Samstag in Richtung Wertung der Einfachrunde tendieren würde – was als eher unwahrscheinlich eingeschätzt werden darf –, wäre die Austragung der noch fehlenden Vorrundenspiele schlichtweg utopisch, weil es völlig ungewiss ist, wann überhaupt wieder das Training aufgenommen werden könnte. Und am 30. Juni muss die Saison beendet sein. Auch die Abstimmung im Fußballkreis Limburg-Weilburg war eindeutig. 98 Stimmen waren möglich, 13 Vereine sind derzeit nicht am aktuellen Spielbetrieb beteiligt. Das ergibt 85 mögliche Stimmen. 17 gaben überhaupt kein Votum ab, 54 stimmten für die Annullierung, 14 für die Beendigung der Hinrunde mit anschließender Wertung.
Natürlich wird es Gewinner und Verlierer geben. Und genau die beleuchten wir hier.

Die Gewinner. Gewinner sind zweifelsohne die Vereine, die derzeit auf Abstiegsplätzen stehen und sich – einige übrigens schon zum zweiten Mal – bei Annullierung der Saison retten würden.

Die Verlierer. Derer gibt es einige. Um es vorwegzunehmen: Der größte Verlierer ist zweifellos der Amateurfußball als großes Ganzes. Es wird Vereine geben, die komplett von der Landschaft verschwinden werden, Mannschaften, die aufgrund von Spielerschwund gar nicht mehr werden melden können. Aber es gibt auch Vereine im Fußballkreis Limburg, die es extrem hart treffen wird.

Allergrößter Verlierer ist sicherlich der SV Wilsenroth. Der Tabellenführer der Fußball-Kreisliga B1 Limburg-Weilburg hat zehn von 15 notwendigen Vorrundenspielen absolviert und führt mit sage und schreibe zehn Punkten Vorsprung vor dem Osmanischen SV Limburg und dem SC Ennerich (beide 20 Punkte). Der SVW-Spielausschussvorsitzende Gernot Gräf (er hat entgegen anders lautender Behauptungen selbstverständlich für Wertung der Vorrunde gestimmt) macht seinem Frust Luft: „Nicht nur für uns selbst, sondern für alle Vereine hätten wir uns über eine sportlich faire Sicht der Situation gefreut. Vier Spiele fehlen uns zur Halbzeitmeisterschaft und dem dann wahrscheinlich gewesenen Aufstieg. Fair wäre es gewesen, die Saison einfach um einen Monat zu verlängern. Die Leistung, die wir gebracht haben, zählt jetzt wohl ganz einfach nicht. Wahrscheinlich werden sich unsere sportlichen Gegner in der neuen Saison anders gegen uns vorbereiten. Wer weiß denn, wie sich das dann entwickeln wird?“

Gernot Gräf: „Jetzt erst recht“

Eine Annullierung der Saison werde seine Mannschaft als Motivation für die nächste Spielzeit sehen. „Jetzt erst recht, eine andere Chance haben wir anscheinend nicht“, sagt Gernot Gräf, der aber unisono klarstellt, dass der SV Wilsenroth nicht juristisch gegen die zu erwartende Entscheidung vorgehen werde.

Knüppelhart trifft es auch die SG Nord. Schon 2019/20 fehlten dem Team 0,1 Quotientenpunkte gegenüber der SG Taunus zum Sprung in die Kreisoberliga. Jetzt führt die Mannschaft von Spielertrainer Tobias Schuth nach elf von 17 Vorrundenspielen mit vier Punkten vor dem FC Steinbach und der FSG Dauborn/Neesbach. „Für uns wäre die Annullierung natürlich extrem bitter, weil wir dann wieder nicht aufsteigen werden. Wir wollten unbedingt in die Kreisoberliga. Was soll ich meinen Spielern sagen?“, ist Tobias Schuth ratlos. „Ich weiß gar nicht, wie ich meine Jungs noch motivieren soll, wenn sie schon wieder um den verdienten Lohn gebracht werden.“

Gebeutelt ist auch die TSG Oberbrechen, als Aufsteiger sensationeller Spitzenreiter der Kreisoberliga. 31 Punkte hat die Mannschaft von Spielertrainer Alexander Schraut in zwölf von 18 Vorrundenpartien erkämpft. Dahinter liegt die SG Ahlbach/Oberweyer mit 27 Zählern aus elf Spielen. „Natürlich ist eine Annullierung nach zwölf Spielen als klarer Tabellenführer sportlich sehr ärgerlich. Gerade nach so einem Steilflug als Aufsteiger wäre ein möglicher Doppelaufstieg sensationell für den Verein und die Spieler gewesen“, sagt Alexander Schraut. Aber er blickt positiv nach vorne: „Das wirft uns nicht zurück, sondern macht uns nur noch hungriger. Ehrlich gesagt, ist das Wichtigste für uns alle nur noch, wieder zurück auf den Sportplatz zu dürfen, egal in welcher Liga, einfach wieder kicken!“

Aufstiegshoffnung erneut geplatzt

Doch nicht nur aktuelle Spitzenreiter „beißen ins Gras“ im Falle eines Abbruchs ohne Wertung. In der Gruppenliga Wiesbaden haben sich die punktgleichen Tabellenzweiten, SV Rot-Weiß Hadamar 2 und FC Dorndorf, berechtigte Aufstiegshoffnungen gemacht.

Dorndorfs Spielertrainer Florian Hammel ist natürlich enttäuscht. „Wir hätten in den fünf fehlenden Vorrundenspielen drei Heimspiele gehabt und das letzte sogar gegen den aktuellen Tabellenführer TuS Hornau. Das ist sehr ärgerlich.“ Er habe irgendwie „die Hoffnung gehabt, in zwei, drei Wochen“ sei alles gut, aber leider sei es anders gekommen. Aber er habe ein junges, starkes Team, das in der nächsten Spielzeit wieder angreifen werde. Florian Hammel: „Man sollte vielleicht mal darüber nachdenken, grundsätzlich den Spielplan zu ändern und eine Saison von März bis November durchzuspielen.“

Sein Hadamarer Trainer-Kollege Heiko Weidenfeller ist seinerseits ziemlich „bedient“. „Letzte Saison hat uns zum Zeitpunkt des Abbruchs ein einziges Tor zum Aufstieg gefehlt, und jetzt wird uns wieder die Möglichkeit zum Sprung in die Verbandsliga verbaut“, sagt der Rot-Weiß-Coach, der hinterherschiebt: „Ich bin der Meinung, dass wir das beste Team der Liga sind.“ Allerdings dämpft er die Hoffnung auf einen Saisonstart im Sommer: „Ich sehe vor Herbst keinen Amateurfußball.“

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