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Über ihr Smartphone organisieren immer mehr Aktive ihren Sport.

Bad Homburger Sportmanagement-Tage

So digital tickt der Sport bereits

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An der accadis Hochschule sprechen führende Köpfe über Herausforderungen und Potenziale der Digitalisierung im Sport. Es wird einmal mehr deutlich, dass Vereine und Verbände sich besser aufstellen müssen, wenn sie im Fokus der meisten Sportlern bleiben wollen.

Einer der verblüffenden Aspekte der Digitalisierung ist sicher der unterschiedliche Wissensstand der Menschen. Was der eine als Innovation ansieht, ist für den anderen schon wieder ein alter Hut, und für den nächsten hört sich Reales immer noch wie eine Vision an. Was, das gibt es schon?

Matthias Vatheuer zählt zu den Menschen, die sich mit der Digitalisierung im Sport schon länger beschäftigen. Der Weißkirchener arbeitet in Frankfurt als Generalsekretär des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). Vor sieben Jahren hatte sein Verband sich an einem Strategieprojekt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) beteiligt und gemeinsam mit einem spezialisierten Anbieter begonnen, Ausbildungsmöglichkeiten für Trainer auf der digitalen Schiene zu entwickeln. Stichwort: Social Video Training.

Das Ergebnis: Um seine Eignung zu beweisen, muss ein Übungsleiter nur noch selten zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort präsent sein. Er kann Praxis-Übungen in der nahe gelegenen Turnhalle durchführen und filmen, und sich mit dem Prüfer live oder zeitversetzt besprechen. Wie es ihm am besten passt. Theoriestunden und Tests können zudem über ein E-Learning-Programm durchgeführt werden.

Ob sich das digitale Angebot positiv auf die Anzahl an Trainern im DTTB auswirkt, werde noch ausgewertet, sagte Vatheuer am Rande der Bad Homburger Sportmanagement-Tage. Es ist stark davon auszugehen. Der Tischtennis-Funktionär aus dem Taunus gehörte zu einer Vielzahl illustrer Gäste aus Verbänden, Vereinen, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die sich auf Einladung der accadis Hochschule zu den Herausforderungen und den Potenzialen der Digitalisierung für den Sport austauschten.

Trendforscherin Anja Kirig

 

Die Mega-Trends sind eindeutig. In repräsentativen Umfragen, die Trendforscherin Anja Kirig vom Zukunftsinstitut Stuttgart vorstellte, bezeichnen sich fast die Hälfte der Befragten als Sporttreibende, 38 Prozent tun mindestens einmal pro Woche etwas für ihre Fitness. Dabei nehme der selbstorganisierte Sport zu, wie auch der Wissenschaftler Professor Holger Preuss, Vorstand der Deutschen Olympischen Akademie, bestätigte. Nur 21 Prozent der Befragten gaben bei einer Umfrage unter Sportlern an, Sport im Verein auszuüben, ins Fitnessstudio gehen lediglich 14 Prozent. Der Großteil treibt Sport daheim (41 Prozent), in der Natur (39 Prozent) und unterwegs (29 Prozent), etwa von zu Hause zum Arbeitsplatz.

Ministerium plant digitalen Sport-Atlas

Ergo: Die Vereine sind mehr denn je gefordert, sich um Mitglieder zu bemühen. Von alleine kommen immer weniger. Mit welchen Herausforderungen das verbunden ist, spiegeln schon aktuelle Bemühungen der Politik und Spitzenverbände wider. Minister Peter Beuth, im Land Hessen für Sport zuständig, kündigte in Bad Homburg an, bis zum Jahresende zumindest den Prototyp eines digitalen Sport-Atlases zu präsentieren. Dieser soll eine nutzerfreundliche Übersicht über das Sportangebot jeder Kommune bieten. „Bei der Adressensuche geht’s schon los“, verdeutlichte Jens-Uwe Münker, Abteilungsleiter Sport im Ministerium, die Schwierigkeit des Vorhabens. Die letzte Übersicht hessischer Sportstätten stamme aus dem Jahr 2000. Mancher Sportplatz habe noch gar keine Anschrift.

Moderator Kai Gemeinder (Bildmitte) unterhielt sich mit illustren Gästen: Professor Holger Preuss (Vorstand Deutsche Olympische Akademie), Andreas Klages (Geschäftsführer Landessportbund), Timm Jäger (Vorstandsreferent Eintracht Frankfurt Fußball AG), Jens-Uwe Münker (Abteilungsleiter Sport im Hessischen Ministerium) und Marketingberater Karsten Bentlage (Lagardère Plus).

Veronika Rücker, Vorstandsvorsitzende des DOSB, erzählte von einer 15-köpfigen Arbeitsgemeinschaft, in der auch der Landessportbund und Spitzenverbände mithelfen würden, eine Digitalstrategie zu entwickeln. Mit den Fragestellungen: Wo gibt es Unterschiede und Überschneidungen bei den Lösungen, die schon entwickelt wurden? Welches Wissen von Experten kann man zusammenführen? Und welcher Sponsor bezahlt das? Rücker sprach von einem Kulturwandel, in dem sich der Sport befinde. Von einem Change-Prozess für Verbände und Vereine, der zugleich aber auch Zeit und Geduld erfordere.

Sportler denken in Apps

Demgegenüber werden Potenziale der Digitalisierung von anderen Playern schnell genutzt und neue erkannt. Michaela Röhrbein, die als Generalsekretärin des Deutschen Turner-Bundes gerade die Digi-Turn GmbH mit aufbaut (ein Start-Up, der dem DTB digitale Perspektiven aufzeigen soll), verwies auf Dienstleister, die das Sportbusiness aufmischen – via Applications auf dem Smartphone. Menschen verabreden sich beispielsweise zum gemeinsamen Sport („Spontacs“). Sie organisieren für ihre Teams digital die Mannschaftskasse, Abstimmungen, Trainingsbeteiligungen („Dein Team“). Fußballtalente können sich über eine App als Person coachen lassen und für ihre Karriere selbst vermarkten („Gokixx“).

Ganz zu schweigen von den mannigfaltigen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen können inzwischen Sportverletzungen behandelt und Rehabilitationsmaßnahmen durchgeführt werden, referierte Trendforscherin Kirig. Sie habe auch schon davon gehört, dass man sich bei einem individuellen Fitnesstraining zu Hause in einem großen Spiegel nicht nur selbst sehen könne, sondern auch mit dem Trainer und anderen Teilnehmern interagiere.

Der Trend "Multigrafie"

Ist das nur für die jüngeren und nachfolgenden Generationen interessant? Ihr „Nein“ begründet Kirig mit veränderten Biografien der Menschen, die nicht mehr linear wie früher verliefen. „Trend ist die Multigrafie“, erläuterte sie. Nach der „Rush Hour“ in der Lebensmitte folge oft der „zweite Aufbruch“ und ein andauernder „Unruhezustand“. Rentner hätten vermehrt ähnliche Sportbedürfnisse wie Jugendliche. Kein Wunder, dass sich unter die rund drei Millionen E-Sportler in Deutschland auch „Altersklassenspieler“ mischen.

Mehr Infos: https://www.accadis.com/

KOMMENTAR VON TZ-SPORTCHEF THORSTEN REMSPERGER

Wie der Sport zum Menschen kommt

Ein unbestrittener Vorteil der Digitalisierung für den Menschen ist die damit verbundene Flexibilität. Je flexibler ein jeder sein Leben gestaltet, desto mehr erwartet er dies aber auch früher oder später von seiner Umwelt. Die renommierte Trendforscherin Anja Kirig liegt mit ihrer Kernthese deshalb völlig richtig, wenn sie sagt: Der Sport muss zum Menschen kommen.

Wie aber kommen die Vereine an bisherige und potenzielle neue Mitglieder heran? Für die Antwort braucht man sich nur umzusehen: am unmittelbarsten via Smartphone, Tablet oder Notebook. Wer dabei glaubt, mit einem monatlichen Newsletter oder E-Mail-Briefings sein Soll erfüllt zu haben, der irrt. Wenn die Vereine ihren Servicecharakter nicht digital zu Ende denken, werden sie gnadenlos abgehängt.

International tätige, kommerzielle Anbieter fahren mit ihren flexiblen Angeboten schon auf der Überholspur und erreichen immer mehr Sporttreibende. Der Urban Sports Club wirbt zum Beispiel mit mehr als 5000 Standorten in fünf europäischen Ländern, an denen 50 verschiedene Sportarten ausgeübt werden können. Dazu reicht eine Mitgliedschaft. Wo das passgenaue Training stattfindet, kann sich das Mitglied mittels App auf dem Handy aussuchen. Und Freizeitsportler üben ihre Leibesertüchtigung immer ungebundener von Ort und Zeitpunkt aus, das belegen die neuesten Studien.

Den Sportvereinen muss bei solch übermächtig erscheinender Konkurrenz aber nicht angst und bange werden. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er wird morgen und auch in 50 Jahren noch nach Sympathiewerten gehen. Und er wird sich an den Erfahrungen orientieren, die andere gemacht haben. Am besten in nächster Umgebung.

Um nah dran zu bleiben an den Mitgliedern, mit ihnen in Kontakt zu treten oder ihn zu halten, sind digitale Medien aber mittlerweile unabdingbar. Welche Wege genutzt werden – Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram, Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Organisations-Apps – ist von sekundärer Bedeutung. Wichtig ist, dass Vereine aktiv sind oder werden.

Einen Digital-Beauftragten sollte es daher in jedem modernen Sportverein geben. Und wenn nicht, liebe Vereinsvertreter: Lassen Sie freiwillige Blogger im Sinne ihres Vereins, einer Abteilung, einer Mannschaft einfach ran. Einige tun es ja schon fleißig. Es geht darum, vernetzt zu sein, Reichweite zu erzielen und damit auch weiterhin direkt an die Menschen heranzukommen.

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