Die deutsche Mannschaft beim Erklingen der Nationalhymne vor dem EM-Spiel gegen Russland. Zweiter von rechts: Jörg Schmidtke.
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Die deutsche Mannschaft beim Erklingen der Nationalhymne vor dem EM-Spiel gegen Russland. Zweiter von rechts: Jörg Schmidtke.

Amputierten-Fußball-EM

Drei Siege und einige bewegende Momente für Jörg Schmidtke und das deutsche Team

  • VonSimone Dittmar
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Der Bad Homburger Jörg Schmidtke wird mit der Amputierten-Fußball-Nationalelf bei der zweiten EM-Teilnahme Deutschlands Neunter. Jetzt hofft die Mannschaft auf ein WM-Ticket.

Bad Homburg -Die Vorzeichen der deutschen Auftaktpartie gegen Russland erinnerten unweigerlich an die biblische Erzählung von David gegen Goliath. So wie der junge Hirtenjunge David mit Goliath einem schier übermächtigen Gegner gegenüberstand, waren es die deutschen Neulinge um den Bad Homburger Jörg Schmidtke, die mit Russland bei der Amputierten-Fußball-EM in Gruppe C auf einen der Turnierfavoriten trafen.

Acht der zwölf Akteure Deutschlands, das die jüngste Mannschaft stellte, nahmen in Krakau an ihrem ersten internationalen Turnier teil. Die russische Nationalmannschaft spielt hingegen schon seit 2001 zusammen und das äußerst erfolgreich. "Mit Russland können wir spielerisch nicht mithalten, aber wir werden versuchen, ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen", hatte Jörg Schmidtke, "Sportler des Jahres" im Hochtaunus, vor der Europameisterschaft prophezeit. Und genauso sollte es kommen, auch wenn die Partie mit 0:7 (0:3) klar verloren wurde.

Dabei ging es auf dem Fußballplatz in der südpolnischen Stadt weniger martialisch zu als in der alttestamentarischen Erzählung: Nach dem Abpfiff stoppten die russischen Spieler auf dem Weg in die Kabine auf Höhe der deutschen Bank, legten ihre Taschen ab und spendeten dem deutschen Team langanhaltenden Applaus. Ein bewegender Moment. Kämpferisch hatte die erst Ende Juli neuformierte Mannschaft aus Deutschland alles gegeben - und damit seinem Gegner imponiert. So zollte auch der russische Cheftrainer Ruslan Girzishev wenig später im Hotel seinem deutschen Kollegen Claus Bender Respekt: "Ihr braucht ein bisschen Zeit. Da steckt viel Gutes in eurem jungen Team."

WM-Teilnahme als Ziel

Das zweite Gruppenspiel gegen Irland ging ebenfalls verloren - denkbar knapp mit 1:2 (1:2). "Wir haben uns selbst geschlagen", resümiert Schmidtke, mit 48 Jahren der Routinier im deutschen Team. "Eigentlich waren wir spielerisch überlegen und hatten die klareren Torchancen." Die Enttäuschung in der deutschen Mannschaft saß zunächst tief.

"Wir haben uns dann vorgenommen, die nächsten Spiele alle zu gewinnen. Mit Rang neun im Endklassement wollten wir uns eine Minimalchance auf die Teilnahme an der Amputierten-Fußball-WM im kommenden Jahr in der Türkei wahren", erläutert Schmidtke, der vor sechs Jahren in Folge eines unverschuldeten Motorradunfalls den Unterschenkel seines linken Beines verlor.

Szene aus dem EM-Spiel Deutschland gegen Belgien (5:0). 2. von rechts: Christian Heintz (Anpfiff Hoffenheim).

Gesagt, getan: Einen Tag später schlug das Team im dritten und letzten Gruppenspiel Belgien mit 5:0 (2:0). Deutschland hielt die gesamte Partie das Tempo hoch, und auch der Bad Homburger steuerte ein Tor zum Erfolg bei: In der Schlussphase konnte sich Manuel Ortega auf der linken Seite durchsetzen und bediente den wachsamen Schmidtke im Torraum. Er zögerte nicht lange und versenkte zum 4:0 (47.) - Jörg Schmidtkes erstes EM-Tor.

Es folgten die Platzierungsspiele. "Das Spiel gegen Georgien war eine enge Kiste. Die Georgier haben übelst gut gekämpft. Wir aber konnten in der zweiten Minute der Nachspielzeit die Partie mit 2:1 für uns entscheiden", erzählt Schmidtke. Mit dem 1:0-Sieg über Griechenland am letzten Tag des Turniers war das Minimalziel, Platz neun, erreicht. Siegtorschütze war Christian Heintz, Teamkollege von Jörg Schmidtke bei Bundesligist Anpfiff Hoffenheim.

Tränen zum Abschied

Als die junge deutsche Mannschaft dann vorgestern auf dem Frankfurter Flughafen landete, flossen zum Abschied die Tränen. Prägend und harmonisch war die gemeinsame Zeit in Polen. Die Chancen für eine WM-Teilnahme stehen übrigens nicht schlecht: Da die Türkei Europameister wurde, aber auch WM-Gastgeber sein wird, könnte Deutschland noch unter die besten acht Teams Europas nachrücken. Ein weiteres mögliches Szenario ist, dass ein anderes europäisches Team seinen WM-Start absagt.

Im besten Fall gäbe es also 2022 für das deutsche Team eine neuerliche Chance, den etablierten Nationen im Amputierten-Fußball den Kampf anzusagen. Jung gegen Alt. Underdog gegen Establishment. David gegen Goliath.

(In der ersten Version des Textes war von der ersten deutschen EM-Teilnahme die Rede. Das stimmt nicht. Die Auswahl der Amputierten-Fußballer waren auch bei der Europameisterschaft 2017 dabei.)

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