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Drei Oberurseler Triathleten und die Prüfung ihres Lebens

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Von: Thorsten Remsperger

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Leon Kriszeleit vor wenigen Tagen beim Training auf dem Queen Ka’ahumanu Highway auf Hawaii.
Leon Kriszeleit vor wenigen Tagen beim Training auf dem Queen Ka’ahumanu Highway auf Hawaii. © Leon Kristeleit

Der Ironman auf Hawaii übt nicht nur auf Ausdauerdreikämpfer, sondern mittlerweile auch auf Millionen von Fernsehzuschauern eine Faszination aus. Hannah Hartlieb, Leon Kriszeleit und Benedikt Küstermann vom SC Oberursel starten in dieser Woche beim härtesten Triathlon der Welt. Die drei erzählen uns, warum sie das unbedingt wollen und was sie dafür alles getan haben.

Oberursel – Auf dem Weg zu seinem großen Ziel ist Leon Kriszeleit nur einmal vom Weg abgekommen. Das rettete ihm die Teilnahme am Ironman auf Hawaii und vielleicht sogar sein Leben.

In seinem vierten und abschließenden Trainingslager des Jahres war der Triathlet des Schwimmclubs Oberursel (SCO) im September auf seinem Wettkampfrad am Cap de Formentor auf Mallorca unterwegs, als ein Reisebus in einer Kurve auf seine Spur abdriftete. Kriszeleit lenkte sein Rad geistesgegenwärtig in Richtung Felswand und überschlug sich.

Dass der unverfrorene Busfahrer abbremste und schimpfte, um sich dann wieder ohne Hilfe zu leisten aus dem Staub zu machen, ist angesichts der Folgen (oder der Nicht-Folgen) für den deutschen Radfahrer fast eine Randnotiz. Denn Kriszeleit hatte Glück. Er zog sich nur Prellungen und Schürfwunden zu. Sein Start bei der Weltmeisterschaft der Ausdauer-Dreikämpfer war nicht gefährdet.

Der 33-Jährige, Sohn eines Oberurseler Internisten, erzählte dieser Zeitung schon vor zwei Wochen vom unliebsamen Zwischenfall. Kurz darauf saß er im Flugzeug nach Kona. Auf dem größten Eiland der Inselgruppe im Pazifik wird er am Samstag beim schwersten Rennen der Welt an den Start gehen. 3,86 Kilometer Schwimmen im Pazifik, 180,2 Kilometer Radfahren bei böigem Wind und 42,195 Kilometer Laufen zwischen heißen Lava-Feldern – dieser Streckenverlauf führt jedes Mal dazu, dass selbst Topfavoriten nicht das Ziel in Kailua-Kona erreichen, sondern entkräftet aufgeben müssen.

Kriszeleit hat es schon einmal ins Ziel geschafft. Es ist für ihn der zweite Start nach seiner Hawaii-Premiere im Jahr 2019, als er in der Zeit von 9:07,11 Stunden starker Zwölfter seiner Altersklasse wurde. Die Berechtigung erwarb er durch einen Altersklassensieg in der beeindruckenden Zeit von 8:44 Stunden beim Ironman in Klagenfurt.

Seine beiden Teamkollegen aus dem qualifizierten Trio der Triathlon-Abteilung des SCO werden auf Hawaii debütieren: Hannah Hartlieb (26), Vize-Europameisterin ihrer „Age Group“ in Frankfurt 2021, springt im Frauenrennen schon heute/Donnerstag (18.30 Uhr MEZ) ins Meer. Für den Oberurseler Benedikt Küstermann (42), durch Altersklassenplatz fünf beim diesjährigen Ironman in Frankfurt startberechtigt, geht es am Samstag los (18.40 Uhr MEZ). „Wir werden uns gegenseitig an der Strecke anfeuern“, lächelt Hannah Hartlieb.

Der Ironman, ein teurer Spaß

Die drei Triathleten haben sich unterschiedlich auf die wohl teuerste Weltmeisterschaft aller Sportler auf diesem Planeten vorbereitet. Die 6000 bis 8000 Euro, die man für eine Reise nach Hawaii braucht, müssen sie selbst finanzieren oder bei Sponsoren auftreiben. Alleine die Startgebühr beträgt 1250 Euro, die das amerikanische Investment-Unternehmen Advance, dem die Marke Ironman inzwischen gehört, pro Teilnehmer einstreicht. Die Ausgaben erscheinen aber wie ein Klacks im Vergleich mit dem Aufwand, den die Sportler betreiben, um genau jetzt topfit zu sein.

Bei Benedikt Küstermann war der Trainingsumfang noch „überschaubar“. Neuneinhalb Stunden pro Woche investiere er, der von Vereinskamerad Jan-Luca Mölling konzipierte Plan ziele auf eine hohe Effizienz ab. Mehr ginge wahrscheinlich auch gar nicht für einen dreifachen Vater, der eine Zahnarztpraxis in Frankfurt betreibt. Um dorthin zu gelangen, schwingt Küstermann sich natürlich jeden Tag aufs Rad.

Triathlon hat seiner Meinung nach als „Midlife-Crisis-Sportart“ den Marathon abgelöst. Vor allem viele Männer setzten sich in ihrer Mitte des Lebens plötzlich solchen körperlichen Strapazen aus. Er selbst sei schon in der Schule auf den Geschmack gekommen, damals noch in Würzburg. Als ihn seine Banknachbarin zunächst zum Schwimmen mitgenommen hatte, weil diese einen Schwimmtrainer so toll gefunden habe, erzählt er lächelnd. Zum Triathlon war’s dann nicht mehr weit.

Mit der Hawaii-Teilnahme erfülle der 42-Jährige sich jetzt den Lebenstraum vieler Eisenmänner: „Es ist affenheiß, unfassbar teuer, aber eine große Show“, sagt er. Eigentlich verrückt. Sieht Küstermann nicht so. Das sei eher menschlich. „Triathlon ist wie eine Sucht, und Hawaii muss halt einmal gemacht werden. Eintracht-Fans reisen durch halb Europa ihrer Mannschaft für ein Spiel hinterher. Das ist doch auch bekloppt.“

Vier Trainingslager in einem Jahr

Rübergeflogen ist er am Samstag. Früher ging nicht. „Bei meinem ersten Start auf Hawaii habe ich das auch so gemacht, aber zu Hause schon versucht, mich an die Zeitumstellung zu gewöhnen“, erzählt Leon Kriszeleit. Weil für Hawaii die Uhren zwölf Stunden zurückgestellt werden müssen und der Mensch pro Stunde Zeitverschiebung je einen Tag benötigt, um sich umzustellen, sei er immer früher zu Bett gegangen.

Das braucht der gebürtige Oberurseler, der mittlerweile als Abteilungsleiter eines Konsumgüterkonzerns in Düsseldorf arbeitet, diesmal nicht. Für zwei Monate hat er sich freistellen lassen, seinen Jahresurlaub bereits zuvor für Trainingslager auf Fuerteventura (mit Freunden), Lanzarote (mit Trainingspartnern), Mallorca (alleine) und Kroatien verwendet.

Nach Südosteuropa hatte ihn übrigens ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln eingeladen, einer seiner Sponsoren. Weil Kriszeleit – wie die meisten seiner Kollegen – rege in den Sozialen Medien ein wenig Selbstvermarktung betreibt, hatte ihn die Firma auf Instagram angeschrieben, ob er nicht zum „Powerteam“ mit je zehn österreichischen und deutschen Triathleten gehören wolle. Kriszeleit sendete seine Vita – und erhielt unter rund 1000 Bewerbern direkt den Zuschlag.

In Sachen Selbstvermarktung ist auch Hannah Hartlieb ganz schön auf Zack. Nachdem ihr Vize-Europameistertitel in Frankfurt kaum zur Kenntnis genommen worden war, begann sich die 26-jährige BWL-Studentin selbst um Geldgeber zu bemühen. Dafür bot die Schwimmlehrerin des SCO den Firmen Gegenleistungen an: hält Mitarbeitervorträge über Motivation, organisiert Lauftage für die Belegschaft. Das Geld für den Hawaii-Trip hat sie mittlerweile beisammen.

Hartlieb und Kriszeleit verbindet, dass ihre Väter sie einst mit dem Faible für den Ausdauersport angesteckt haben. Ihre Familien werden sie auch auf Hawaii anfeuern. Für Hannah Hartlieb geht’s darum, anzukommen. Wie übrigens auch für Benedikt Küstermann: „Wenn ich gesund und ordentlich ins Ziel laufe, dann ist alles fein.“ Leon Kriszeleit ist um einiges ambitionierter. „Es wird nach drei Jahren Corona-Pause das stärkste Age-Group-Rennen aller Zeiten werden. Und ich möchte besser als das letzte Mal sein.“

Er selbst ist oft schon um halb sechs aufgestanden, um noch vor der Arbeit zu trainieren. Überhaupt trainierten sich für Hawaii alle kaputt. Das meint der gebürtige Oberurseler, weil nicht nur Ex-Weltmeister Jan Frodeno sich gefilmt hat, als er in der Corona-Pause einfach auf seinem Anwesen in Spanien den Ironman absolvierte, sondern die Top-Stars, aber auch die Altersklassen-Konkurrenten über ihre sozialen Netzwerke vieles von ihrer Wettkampfvorbereitung preisgeben.

Nicht mehr so neu ist es, in der Sauna Rad zu fahren, um sich an das tropische Klima auf der Pazifik-Insel zu gewöhnen. Das machen tatsächlich einige.

Der neueste Trend sieht nun vor, sich zur Vorbereitung direkt nach dem Sport in eine Badewanne mit 40 Grad heißem Wasser zu legen. „Kann doch nicht gesund sein“, denkt sich Hannah Hartlieb, „das können gerne andere nachmachen. Das Problem dieser immer neuen Trends ist, dass es keine fundierten Studien dazu gibt.“

Verrückt sind Triathleten also nicht unbedingt. Die digitale Parallelwelt lässt manche aber anscheinend durchdrehen.

650 Gramm Spaghetti als Tagesration

Freilich greifen die Oberurseler Ironman-Teilnehmer auch zu Mitteln, die früher noch als exotisch eingeordnet worden wären. Kriszeleit und Hartlieb haben beispielsweise eine „Salzstrategie“ ausgetüftelt. Dass sie während des Rennens per Gel oder Tabletten die notwendige Portion zu sich nehmen. Auch das sogenannte Carboloading ist ein Thema. Dabei geht es um die optimale Aufnahme von Kohlenhydraten. „Bei mir sind das drei Tage vor dem Wettkampf umgerechnet 650 Gramm Spaghetti“, erzählt Kriszteleit lächelnd, wohlwissend ob der erstaunten Reaktion seines Zuhörers.

Nein, dass ihm die Ernährung ausgeht während des Rennens, wie bei seiner Hawaii-Premiere, das soll dieses Mal nicht passieren. Um weiter vorne zu landen, würde er es auch riskieren, zu „explodieren“. So nennen die Triathleten es, wenn sie beim abschließenden Marathon ihre Leistungsgrenze überschritten haben und sich höchstens noch gehend fortbewegen können.

Wenn er nicht explodiert, wenn er so gut ist wie noch nie, dann hat er sogar eine Chance auf die Schale aus Koa-Holz. Die gibt’s für die besten fünf jeder Altersklasse. „Das wäre ein Traum“, sagt Leon Kriszeleit. „Dann fülle ich das Ding mit Apfelwein von meinem Sponsor und trinke es in einem Zug leer.“

Leon Kriszeleit
Leon Kriszeleit (SC Oberursel) © Leon Kriszeleit
Hannah Hartlieb
Hannah Hartlieb (SC Oberursel) © Hannah Hartlieb
Benedikt Küstermann
Benedikt Küstermann (SC Oberursel) © Benedikt Küstermann

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