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Drum plane nie einen Urlaub, ohne WM-Daten zu checken

Sprachurlaub in Winnipeg und ein Ferienhaus am Lake Manitoba: Was sich so idyllisch anhört, erweist sich für unseren „Durch-und-durch-Fußballfan“ als alles andere als sexy.

Mexiko und ich, ich und Mexiko – nicht erst seit dem mauen Auftakt der Deutschen gegen die Sombrero-Träger in Russland ist mal klar, dass in dieser Beziehung was nicht passt. Was allerdings nicht die Schuld der Mexikaner ist, sondern meine – oder noch besser: die meiner Eltern. Denn das Unheil begann schon viel früher, 1986, um genau zu sein.

Die damals 13. Auflage der Fußball-Weltmeisterschaft fand im mittelamerikanischen Staat statt. Und ich sollte den Sommer in Kanada verbringen. Was ja nun erst mal nichts Schlechtes ist. Mein Englisch sollte aufpoliert werden. Was auch keine dumme Idee war. Das Drama an der Geschichte: Mein (Sprach-)Urlaub in Winnipeg überschnitt sich um eine Woche mit der WM. Viel zu spät fiel mir auf, dass mein Hinflug auf den Tag des deutschen Halbfinales terminiert war.

Deutschland gegen Frankreich, die Wiederholung der epischen Schlacht von 1982 (die Nacht von Sevilla), und ich sollte zur gleichen Zeit in einem Flugzeug über den Atlantik jetten? Für mich, damals 17 Jahre alt, ein unglaubliches Drama. Aber alle Einwände brachten nichts. Weder ließ sich der Rotary Club, der meine Reise organisierte, dazu überreden, den Flug um einen Tag oder am besten auf den Tag nach dem Endspiel zu verschieben, noch nahm mir irgendeiner meine plötzliche Sommergrippe ab.

Heute würden meine Kinder bei einem solchen Problem die Augenbrauen hochziehen, spöttisch lächeln und auf die Segnungen des Internets und von Live-Streams hinweisen. Na danke, anderes Jahrtausend, ihr Schlaumeier. Damals, im Jahre 1986, wogen Computer noch eine gefühlte Tonne und unter Handys verstand man Handtaschenwärmer. Newsticker: Fehlanzeige.

Den Viertelfinalsieg im Elfmeterschießen gegen Mexiko (ja, immer wieder Mexiko) hatte ich noch in der nun so fernen Heimat gemeinsam mit meinen Jungs gesehen. Aber dass wir es tatsächlich wieder ins Finale geschafft hatten, erfuhr ich erst nach der Landung in Winnipeg per Ferntelefonat mit meiner Mutter.

Wir hatten also die Gelegenheit, die Schmach der Finalniederlage von 1982 (chancenlos beim 1:3 gegen Italien) wiedergutzumachen. Ich war nicht da, also nicht in der Heimat. Traurig, aber wahr: Ich hatte ganz insgeheim ein klitzekleines bisschen damit geliebäugelt, dass wir im Halbfinale rausfliegen, damit sich mir in Kanada nicht auch noch das Final-Problem stellen würde.

Denn mir war natürlich bewusst, dass die Kanadier in der Vorrunde krachend aus dem Turnier geflogen waren, was die Euphorie im Land meiner Gasteltern eventuell ein wenig gedämpft haben könnte. Kommt hinzu, dass die Kanadier bis heute jede Sportart, die nicht auf Kufen stattfindet, alles andere als sexy finden. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war der TV-Goldrausch noch nicht ins Laufen gekommen. Würde das Finale denn überhaupt in Kanada übertragen werden?

Nach dem herzlichen Kennenlernen mit meinen Sechs-Wochen-Eltern am Flughafen gab ich ihnen und mir noch ein gutes Viertelstündchen, bevor ich ansprach, was mir auf dem Herzen lag: Wie sieht es mit der Übertragung des Fußballendspiels aus? Die Antwort – „Oh, there is a football world cup this year?“ – ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich war im fußballtechnischen Niemandsland gestrandet.

Aber da jedes Sahnetörtchen seine Kirsche braucht, wollte das Schicksal mir noch einen obendrauf setzen: Um das neue Familienmitglied gebührend zu empfangen, war direkt ein Ausflug ins Ferienhaus der Familie am Lake Manitoba geplant worden. Sie wissen schon, das Ferienhaus mit dem Fernseher mit der Zimmerantenne. Oh, ihr Götter, was hatte ich euch nur angetan. Und so verbrachte ich das Finale der Fußball-WM 1986, Deutschland gegen Argentinien, jenseits von nirgendwo.

Am Ende eines Tages, an dem ich noch den Rasen rund ums Haus gemäht hatte, erfuhr ich dann von unserer 2:3-Niederlage. Immerhin – die deutschen Tore von Kalle Rummenigge und Rudi „Tante Käthe“ Völler bekam ich später in einer kurzen Nachrichtensendung präsentiert, genauso wie den vergeblichen Sprint von Hans-Peter Briegel, der es am Ende nicht mehr schaffte, Burruchaga am 3:2 für die Gauchos zu hindern.

Aber ach, dafür saß ich in einem, wie ich zugeben muss, herrlichen Ferienhaus, mit einer tollen Familie an einem hammermäßigen See. Generell muss ich sagen, dass die sechs Wochen Kanada unglaublich schön waren. Und mein Frust über die Niederlage war relativ bald verflogen. Außerdem habe ich in diesem 1986 eine wichtige Lektion gelernt: Plane nie wieder einen Urlaub, ohne vorher die WM- (oder EM-)Daten gecheckt zu haben. Eine Lektion, die ich noch heute beherzige.

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