1. Startseite
  2. Sport
  3. Regionalsport

Eine große Fußball-Familie

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Simone Dittmar

Kommentare

Die Schussstiefel werden geschnürt, die Muskeln gedehnt: Gleich beginnt beim ambitionierten A-Ligisten FC Kaichen das Training.
Die Schussstiefel werden geschnürt, die Muskeln gedehnt: Gleich beginnt beim ambitionierten A-Ligisten FC Kaichen das Training. © Heiko Rhode (Heiko Rhode)

Was für eine wichtige Rolle Sportvereine bei der Integration von Flüchtlingen spielen, beweist der FC Kaichen. Die ausländischen Kicker verstärken die Mannschaft auf unterschiedlichen Positionen und nehmen am Vereinsleben teil. Hiervon profitieren beide Seiten.

Ein Blick in das Vereinsheim verrät, dass Fußball in dem kleinsten Niddataler Stadtteil eine viel längere Tradition hat, als das Wappen des FC 1963 Kaichen verrät. Unmittelbar hinter der hölzernen Eckbank lehnen zwei gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien an der Wand: Die 1. und 2. Mannschaft des Freien Sportvereins Kaichen – aufgenommen im Juni 1928.

Neben den zehn Feldspielern und dem Torwart mit der obligatorischen Kappe auf dem Kopf, ist der damalige 1. Vorsitzende Ludwig Schweizer mit einem akkurat frisierten Seitenscheitel zu sehen, der gerade eine Zigarre raucht. Schweizer trägt einen Anzug samt weißem Hemd und dunkler Krawatte – ganz im Stil eines Pep Guardiola.

Knapp neun Jahrzehnte später geht es in Kaichen etwas gemütlicher zu: Die FCK-Vorstandsmitglieder Edmund Kliem (Spielausschussvorsitzender), Herbert Kollosche (Leitung Sport) sowie Lothar Ebert (Spielausschuss) tragen an jenem lauen Frühlingsabend legere Kleidung, etwa Trainingsanzüge in den Vereinsfarben Rot-Weiß. Alle drei blicken auf eine aktive Laufbahn beim FC Kaichen zurück, so auch der Ex-Abwehrspieler und ehemalige Kapitän Herbert Kollosche, der derzeit das Training leitet, weil Coach Patrick Ofcarek im Urlaub weilt.

Unterdessen haben die Spieler der 1. und 2. Mannschaft wenige Meter vom Vereinsheim entfernt auf dem Sportplatz an der Lögesmühle mit dem Training begonnen. „Bring mir bitte mal die roten Hütchen“, ruft Kollosche dem Torwarttrainer zu, um einen Übungsparcours für seine Schützlinge aufzustellen.

„Richtig Kaichenerisch“

Die jungen Männer sind gerade dabei, sich zu dehnen, abwechselnd legen sie ihr rechtes und linkes Bein auf die Metallstange, die rund um den Platz verläuft. Mittendrin: die beiden syrischen Flüchtlinge Mo und Lohman sowie Imah aus dem Iran.

21 Flüchtlinge leben derzeit in Kaichen, fünf Männer sind seit Beginn der Hinrunde in der Kreisliga A beziehungsweise B fester Bestandteil der beiden FCK-Mannschaften. Lohman aus der syrischen Hauptstadt Damaskus spielte unter anderem schon in der 1. Syrischen Liga, der „Syrian Premier League“. Deutsch habe er bereits an der Universität in Damaskus gelernt, berichtet der Mittelfeldspieler, dessen Muttersprache Kurdisch ist, der aber auch perfekt Arabisch spricht. „Und in einem Jahr, da spricht er dann garantiert auch richtig Kaichenerisch“, schmunzelt Edmund Kliem.

Bevor der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, spielte Lohman für „Al-Maged“ und „Al-Jaish“. Jene beiden Vereine kennt auch Mo, der ebenfalls aus Damaskus kommt. „In Syrien haben wir gegeneinander gespielt, hier spielen wir miteinander“, lacht der schlaksige, junge Mann, der sowohl im Mittelfeld als auch in der Abwehr eingesetzt werden kann. „Auf dem Platz verliert er keinen Zweikampf“, schwärmt Kliem. Der dritte Spieler, der heute am Training teilnimmt, ist Imah, der gerade ein Praktikum im Nachbarort bei einem Friseur absolviert. Er kommt aus der Provinz Gilan, die im Norden des Irans an das Kaspische Meer angrenzt. Sechs Jahre lang spielte er in seiner Heimat Fußball, am vergangenen Wochenende schoss der Stürmer in der Kreisliga B drei Tore.

Stets hilfsbereit

„Das sind super Kerle, die sich hervorragend ins Team eingefügt haben“, betont Kliem. Bei Vereinsfesten, etwa am 1. Mai, sind Lohman, Mo, Imah und die anderen Flüchtlinge mit von der Partie. Sie greifen dem Vorstand aber auch dann unter die Arme, wenn es etwa darum geht, Handzettel zu verteilen, die auf die Vereinsaktivitäten aufmerksam machen sollen.

Die Verbindung zwischen den Flüchtlingen und dem FC Kaichen kam über Ulrich Kalbhenn von der Flüchtlingshilfe Niddatal zustande, der in den 1980er-Jahren in den FCK-Farben auflief. Auch er ist auf den gerahmten Fotos im Vereinsheim zu finden. Beim Anblick der Bilder an den Wänden und der Pokale auf dem Regal schwelgen Edmund Kliem, Lothar Ebert und Michael Kuhn, ebenfalls Vorstandsmitglied, in Erinnerungen.

„Während des Zweiten Weltkrieges und auch in den Nachkriegsjahren sind die Fußballaktivitäten im Ort eingeschlafen – bis am 2. Februar 1963 der FC Kaichen neu gegründet wurde“, erklärt Michael Kuhn mit Blick auf die beiden Schwarz-Weiß-Fotografien. Auch wenn der Vereinsvorstand heute nicht mehr im feinen Zwirn à la Pep Guardiola am Spielfeldrand erscheint, eins hat sich seit 1928 nicht verändert: die Begeisterung für die Mannschaftssportart Fußball.

Für den bevorstehenden A-Liga-Spieltag gab Edmund Kliem die folgenden Tipps ab: SV Assenheim – TFV Ober-Hörgern 1:1, FSG Burg-Gräfenrode – KSG 1920 Groß-Karben (beide heute, 20.15 Uhr) 2:1, SC Dortelweil II – SG Rodheim (Sonntag, 13 Uhr) 2:2, SV Ober-Mörlen – SV Steinfurth II 1:3, SG Wohnbach/Berstadt – SV Gronau II 3:0, Traiser FC – SV Schwalheim 3:1, FSV Dorheim – FC Kaichen 1:3, FC Rendel – Germania Ockstadt (alle Sonntag, 15 Uhr) 0:2.

Auch interessant

Kommentare