+
Beim FC Schlossborn mit offenen Armen aufgenommen: Salomun (links) und Yosief aus Eritrea.

FC Schlossborn

Einfach ein ganz normales Leben

Die 2. Mannschaft des FC Schlossborn hat sich verstärkt. Nicht etwa aus der eigenen Jugend oder einem Konkurrenzverein, eine Ablösesumme war nicht fällig. Neu sind zwei, die für ihren Weg in den Taunus mehr als 7000 Kilometer zurücklegen mussten – mit Schiffen, Zügen, dem Fahrrad und zu Fuß.

Von Konstantin Piotrowski

Die beiden Männer sind abgehärtet, das ist auf den ersten Blick zu sehen. Die immer noch ungemütlichen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt halten Yosief (22) und Salomun (24) nicht davon ab, später in kurzen Hosen auf dem Sportgelände des FC Schlossborn das Fußballtraining aufzunehmen. Auf der Flucht in ihr neues Leben haben sie ganz andere Unannehmlichkeiten ausgehalten – Qualen und Ängste, monatelang, bis ihre 7000 Kilometer lange Reise schließlich ein vorläufiges Happy End fand.

Yosief und Salomun stammen ursprünglich aus Eritrea und wohnen seit etwa einem Jahr in Glashütten. Sie sind hier, weil sie auf ein besseres Leben hoffen. Um diese Chance zu haben, mussten sie ihre Eltern, Geschwister und Großeltern zurücklassen. In ihrem Heimatland Eritrea seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1993 der Machthaber Isayas Afewerki mit eiserner Hand. Alle Schulabgänger werden automatisch und meist ein Leben lang zum Militärdienst eingezogen. Wer desertiert, wird gefoltert oder mit Lagerhaft bestraft. Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben haben die Wenigsten in Eritrea. Yosief und Salomun gehörten auch nicht dazu. Dass sie einmal in Glashütten, in Deutschland, mitten in Europa richtig Fuß fassen, lag lange außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Als der Zweite Vorsitzende des FC Schlossborn, „Ecki“ Schmidt, vor einem Jahr durch den „Freundeskreis Integration“ in Glashütten auf die neuen Mitbürger in der Nachbarstadt aufmerksam wurde, lud sein Verein die jungen Flüchtlinge auf den Fußballplatz ein. „Zunächst sind sogar immer fünf, sechs zum Training der zweiten Mannschaft gekommen. Bei Yosief und Salomun hat sich schnell gezeigt, wie viel ihnen an der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Kicken liegt, seit dem Sommer lassen die beiden keine Trainingseinheit ausfallen“, erzählt Schmidt.

Meist werden die beiden von Mitspielern mitgenommen, im Sommer kommen sie auch mal mit dem Fahrrad zum Sportplatz gefahren. Mittlerweile haben sie Spielerpässe, ein Trikot und kommen auf drei Einsätze in Freundschaftsspielen. Als im Ort und Verein bekannt wurde, dass für die Mannschaftsverstärkung aus Afrika noch Sportbekleidung benötigt werden, dauerte es laut Schmidt keine fünf Minuten, „und schon hatten wir einen Berg an Trikots, Hosen und Schuhen zusammen“.

Die Schloßborner Neuzugänge haben das Fußballspielen auf den Straßen der eritreischen Hauptstadt Asmara gelernt. In ihrem neuen Verein sind Yosief und Salomun mehr als herzlich aufgenommen worden, dass merkt man ihnen an. Kaum auf dem Platz angekommen, verbreiten beide gute Laune. Im Gespräch fällt das Wort Familie, obwohl sie den FCS meinen. Begrüßt werden die Mitspieler mit „My friend“, einem Handschlag, ab und zu auch einer Umarmung. Gefragt nach ihrer eigentlichen Familie, wirken die beiden zwar ernst, aber gefasst. „Es war schließlich unsere eigene Entscheidung, nach Deutschland zu gehen“, sagt Yosief.

Das Wort „gehen“ trifft es. Kaum vorstellbar wirkt es, wenn die beiden von ihrer Flucht quer durch Afrika und Europa erzählen. Zunächst sind sie ins Nachbarland Sudan gelaufen. Das dauerte sechs Tage. Anschließend fuhren sie drei Wochen mit dem Fahrrad durch den Sudan und Libyen. An der Mittelmeerküste angekommen, wartete dann der wohl gefährlichste Teil der Flucht: die Überfahrt mit bis zu 300 Menschen an Bord gen Italien – auf einem Holzboot. Doch auch diese Hürde nahmen die beiden, schafften es so tatsächlich, bis nach Sizilien und schließlich aufs italienische Festland. Nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in Rom ging es für beide per Zug nach Frankfurt, von dort in die hessische Erstaufnahmeeinrichtung nach Gießen und nach weiteren zwei Monaten nach Glashütten. Gekostet hat beide ihre Flucht rund 4000 US-Dollar. Befragt nach dem Schlimmsten, nennen die jungen Afrikaner aber nicht die hohen Kosten oder lebensgefährliche Situationen wie die Überfahrt über das Mittelmeer. Während ihres Aufenthaltes in Rom mussten beide auf der Straße schlafen. So etwas, sagen sie, wollten sie nie wieder erleben.

Die Gedanken an diese Zeit verblassen. Beim FC Schlossborn finden sie nun in den Trainingseinheiten die Gelegenheit abzuschalten, einen Moment lang mal nur an Fußball zu denken. Im Alltag gibt es zur Beschäftigung sonst nicht gerade viele Möglichkeiten und vieles ist weiterhin ungewiss. Drei Mal in der Woche bekommen die beiden beim „Freundeskreis Integration“ Deutschunterricht. Yosief kann sich mit einem Mix aus Deutsch und Englisch fast problemfrei verständigen, und auch Salomun hat sich beim Deutsch lernen die letzten Monate schwer ins Zeug gelegt. Arbeiten dürfen beide noch nicht, so sehr sie es auch wollen.

Die Hürden auf dem Weg zu einer Arbeitsgenehmigung sind für Asylsuchende in Deutschland hoch. Die Chancen auf ein Bleiberecht sind für Flüchtlinge aus Eritrea hingegen gut. 2013 lag der Anteil der bewilligten Asylanträge bei 95,5 Prozent, das ist die zweithöchste Quote nach Syrien. Eritrea gilt aufgrund des meist lebenslangen Arbeitszwangs, getarnt als Militärdienst, als das „Nordkorea Afrikas“.

Beim Eingewöhnen in der Fremde haben vor allem die Mitspieler und Verantwortlichen beim FCS geholfen, denen sie dafür sehr dankbar sind. Das betonen Yosief und Salomun oft. Auch Ecki Schmidt ist diese Dankbarkeit nicht entgangen: „Man merkt, dass sie unheimlich gern etwas zurückgeben wollen“, fängt er an zu erzählen. „An der Weihnachtsfeier des Vereins haben die zwei für uns Gerichte aus ihrer Heimat gekocht. Als ich Yosief zum Einkaufen der Zutaten nach Frankfurt begleitet habe, wollte er wie selbstverständlich die Rechnung übernehmen. Ich musste ihm dann erst mal erklären, dass der Verein die Kosten übernimmt“, schmunzelt Schmidt.

Für ihre Zukunft haben die Schloßborner Neuzugänge sehr bescheidene Wünsche. Yosief, der wegen seiner Flucht die Schule abbrechen musste, möchte sie fortführen, Und Solomun will besser Deutsch sprechen. Einen Arbeitsplatz wollen beide finden, sobald sie dürfen. Kurzum, so Yosief: „Einfach ein ganz normales Leben führen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare