Ein Shootingstar der Leichtathletik: Oliver Koletzko aus Schmitten.
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Ein Shootingstar der Leichtathletik: Oliver Koletzko aus Schmitten.

Leichtathletik, Hochtaunus

Europameister Oliver Koletzko hat die 8-Meter-Marke im Blick

  • Thorsten Remsperger
    VonThorsten Remsperger
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Im Alter von gerade mal 18 Jahren ist Oliver Koletzko schon Europameister und Deutscher Meister. Warum vor dem Schmittener Weitspringer eine glänzende Karriere liegen könnte und was er nie vergessen wird.

Schmitten – Im Internet ist der Sprung zu sehen, der ihn so stolz macht. Oliver Koletzko präsentiert dort Oliver Koletzko. Es gehört ja mittlerweile zur Normalität unter Leistungssportlern, die früher aufgrund ihrer Disziplin bestenfalls bei Olympia oder Weltmeisterschaften die Möglichkeit hatten, eine angemessene Wahrnehmung zu erfahren, sich in den sozialen Medien selbst zur Schau zu stellen. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, sondern ihr gutes Recht. Und bisweilen hochinteressant. 

Als Ausspielkanal schwer angesagt ist derzeit Instagram. Dort ist für die 4612 Abonnenten auf dem persönlichen Profil des Weitspringers ein Video zu sehen. Es zeigt die Momente, in denen der 17-jährige Teenager aus Schmitten-Dorfweil in der estnischen Hauptstadt Tallinn zum U20-Europameister wurde. Vor ein paar hundert Zuschauern in dem überschaubaren „Kadrioru staadion“, natürlich fernab von großem, medialen Interesse, nur ein nationaler TV-Sender und das Internetportal european-athletics.com zeigten bewegte Bilder. 

Koletzko also läuft in seinem schwarz-weiß-gelben Dress an, total flüssig sieht das aus. Er springt ab, läuft durch die Luft, bis er in voller Streckung in der Grube landet. Kurz ist in Nahaufnahme zu sehen, dass er das Brett beim Absprung mit seinem linken Fuß genau getroffen hat. Dann zeigt die Kamera den jungen Mann mit den stahlblauen Augen, wie er an der Tribüne gebannt auf die Anzeigetafel schaut. Es vergehen quälende Sekunden. Dann das Ergebnis: 7,98 Meter. Ein Aufschrei im Publikum, Koletzko läuft ein paar Meter, schon schließt ihn ein Nationalteamkamerad in die Arme, dann ein weiterer, Koletzko sackt in die Knie, klatscht wie wild in die Hände, schreit.

Oliver Koletzko: „Emotional von null auf hundert“

An „dieses Gefühl“, als es „emotional von null auf hundert ging“, erinnert er sich eine Woche später als Erstes, angesprochen auf den bisher größten Erfolg seiner Karriere. Als seine französischen Konkurrenten auch ein letztes Mal gesprungen waren und der Titelgewinn feststand, habe „erstmal alles rausgemusst“. Koletzko heulte wie ein Schlosshund. Später, als er alleine auf dem Hotelzimmer war, nochmals.

Rückblende: Im Januar, vor der Sportlerwahl der Taunus Zeitung, bei der Koletzko Rang zwei belegte, hatte sich der Schüler der elften Klasse der Adolf-Reichwein-Schule in Neu-Anspach zurückhaltend geäußert. „Ich denke nicht an die 8 Meter. Es wäre schön, wenn ich so weit springe. Wenn es nicht passiert, dann ist es auch okay.“ 

Damals lag seine Bestmarke ja auch bei 7,72 Meter. Jetzt ist er nur noch zwei Zentimeter entfernt. Und acht vom deutschen U20-Rekord aus dem Jahr 1984, den Ron Beer (Dynamo Berlin) hält. Denkt man beim Rekordhalter aufgrund der Jahreszahl und seiner DDR-Vergangenheit unweigerlich an verbotene Substanzen, die ihm womöglich weiterhalfen, so sorgten für die Leistungsexplosion von Oliver Koletzko seine letzten beiden Schritte beim Anlauf. Die setzt er unter seinem Trainer Peter Rouhi beim Wiesbadener LV jetzt anders.

Auch Koletzkos polnische Eltern, die mit ihren Kindern nach Deutschland kamen, als diese noch klein waren, waren gut zu Fuß. Der Vater Mittelstreckenläufer, die Mutter Mehrkämpferin. Mit seiner älteren Schwester Viktoria, einer Sprinterin, fährt „Oli“ mittlerweile immer nach der Schule ins Training. Bei den Bundesjugendspielen hatte man ihm, neunjährig, geraten, zur Leichtathletik zu gehen. Gefördert wurde sein Talent erst bei der SG Anspach, dann bei der TSG Wehrheim, ehe er 2019 in die Landeshauptstadt wechselte.

Zwei Schritte können viel verändern

Doch was kann man an zwei Schritten ändern? Er habe sich ein neues Bewegungsmuster für den Anlauf antrainiert, erklärt Koletzko, ein aufgeweckter Bursche, der älter klingt als jemand, der 17 ist. Vor dem Absprung habe er unbewusst immer abgebremst, „jetzt überlaufe ich das Brett, nehme die Geschwindigkeit mit“, erklärt er. Aber die 7,98 Meter in Tallinn seien, gemessen an seinem Leistungsstand, schon aus einem „grandiosen Sprung“ resultiert, bei dem alles passte.

Schon wieder Understatement in den klar formulierten Worten des Shootingstars der Szene. Bei den Deutschen Meisterschaften im Juni hätte ihm diese Weite locker zum Titel gereicht. Er sprang in Braunschweig als Dritter 7,61. Fabian Heinle gewann schon mit 7,81 Meter. Die 8-Meter-Marke hatte in Deutschland im Vorjahr überhaupt nur einer, Julian Howard (8,06 Meter), übertroffen.

Glänzende Perspektiven für den jungen Mann aus dem Hochtaunus, der noch ein weiteres Jahr in der Jugendklasse springen kann. Bei der Jugend-DM in Rostock hat er mittlerweile mit 7,76 Metern souverän den deutschen Meistertitel geholt. Vielleicht nimmt Koletzko Mitte August auch noch an den U20-Weltmeisterschaften teil. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat noch nicht final entschieden, ob er seine Talente inmitten der Pandemie nach Nairobi schickt.

Auf Instagram schreibt er: „The journey has begun“

DerEuropameister, 63 Kilogramm auf 1,80 Meter Körpergröße, harrt gelassen der Dinge, die da kommen. Einen groben Fahrplan für die weiteren Jahre gäbe es: in zwei Jahren das Abitur machen, danach entweder zur Sportfördergruppe der Polizei oder zur Bundeswehr. Er wolle sich voll auf den Sport fokussieren, sagt Oliver Koletzko. Das sei schon immer seine Leidenschaft.

Auf Instagram liest sich das selbstbewusster. In fließendem Englisch postet der 17-Jährige. Schreibt zu seinen Fotos manchmal nur eine Zeile. Auf dem bis dato letzten Bild einer Sportfotografin hat er sich die Deutschland-Fahne über die Schultern gelegt und die Hände vors Gesicht geschlagen. Seine Augen sind zu sehen. Er schaut darauf, als sei der Groschen gefallen. 

„The journey has begun“, hat er zu dem beeindruckenden Foto geschrieben. Darunter kommentieren seine Follower. Till zitiert den Deutsch-Rapper Cro: „Das Leben macht Spaß, ja, du bist’n’ Star.“

Im Netz fühlt sich Oliver Koletzko ob der überwältigenden Zustimmung bestimmt dieser Tage manchmal wie einer. Aber auch im wahren Leben fehlt ihm gar nicht mehr so viel dazu. 

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