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Standen Rede und Antwort (von links): Stefan Kühne, Marco Reifenscheidt und Thorsten Wörsdörfer.

Das Interview: Oberliga-Trainer im Lockdown

Von fehlendem Adrenalin, Hausarbeit und vogelwilden Spielern

  • Marion Morello
    vonMarion Morello
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Wir haben die drei Top-Trainer aus dem NNP-Land aus den Fußball-Oberligen Hessen und Rheinland-Pfalz/Saar gefragt, wie sie ihre Spieler im Lockdown bei Laune und bei der Stange halten, welche Ängste sie plagen, und was die Pandemie mit ihnen macht. Mit Stefan Kühne (SV Rot-Weiß Hadamar), Thorsten Wörsdörfer (TuS Dietkirchen) und Marco Reifenscheidt (Eisbachtaler Sportfreunde) sprach NNP-Sport-Chefin Marion Morello.

Fällt Ihnen nicht allmählich die Decke auf den Kopf?

STEFAN KÜHNE: Einerseits fehlt mir der Fußball natürlich – wenn man 14 Jahre lang im Seniorenfußball unterwegs war, kein Wunder; andererseits steht familiär immer viel an. Ich habe jetzt mehr Zeit für meine beiden Kinder, sehe sie aufwachsen. Mit meinem Großen, er ist neun Jahre alt, zocke ich ab und zu. Und ich greife daheim auch schon mal zum Staubsauger und helfe meiner Frau, erledige samstags die Einkäufe. Beruflich ist viel los. Wir haben in der Spedition, bei der ich beschäftigt bin, ziemlich viel Arbeit wegen des „Brexits“. 

THORSTEN WÖRSDÖRFER: Es fühlt sich ein bisschen an wie gelähmt, und der Trainingsbetrieb mit meinen Spielern fehlt mir, aber ich versuche mich abzulenken und arbeite mehr. Vieles läuft über das Telefon, und in den verschiedenen Kanälen kann man sich virtuell mit allen treffen. 

MARCO REIFENSCHEIDT: Klar, man gewöhnt sich an alles. Aber wenn es früher normal war, viermal in der Woche auf dem Sportplatz zu stehen, fehlt das schon. Ich spiele Fußball seit ich fünf Jahre alt bin; Fußball ist Teil meines Lebens, und der fällt im Moment weg. Das ist schon schwierig. Aber es hat auch etwas Positives: Ich habe wieder angefangen zu laufen. Vielleicht kann ich das beibehalten, wenn es mit dem Spielbetrieb wieder losgeht. 

Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Spielern?

REIFENSCHEIDT: Wir treffen uns einmal in der Woche zum Workout in einer Zoom-Konferenz. Den Einstieg in dieses Training übernehme ich, und jede Woche übernimmt ein anderer Spieler das restliche Programm. Dabei kann man auch Neuigkeiten untereinander austauschen. 

WÖRSDÖRFER: Vieles läuft über WhatsApp oder mit Video-Workouts. Jeder Spieler stellt dort etwas vor oder etwas ein. Das ist abwechslungsreich. Darüber hinaus telefonieren wir viel. 

KÜHNE: Ich versuche jedenfalls, meine Spieler nicht zu nerven, halte telefonisch Kontakt und gebe ihnen ab und an ein Update, wie es weitergehen könnte.

Geben Sie Ihren Spielern Trainingspläne an die Hand, oder basiert das Fithalten auf Vertrauensbasis? 

REIFENSCHEIDT: Nicht ganz auf Vertrauensbasis. Einigen Spielern hilft es auch eher, dran zu bleiben. Also gebe ich einen Teil des Trainings vor. Wir laufen zweimal die Woche und einmal machen wir ein gemeinsames virtuelles Workout für Kraft und Athletik. Die Spieler schicken mir dann Screenshots von ihren Lauf-Apps. Dauernd laufen ist natürlich eintönig und schlägt auf die Stimmung. Für viele war Fußball immer eine Art Ausgleich zum Berufs- oder Privatleben; das fällt jetzt komplett weg. Auch die Alternative, ins Fitnessstudio zu gehen, ist nicht mehr da. Aber meine Spieler achten größtenteils sehr auf ihren Körper. Das ist nicht mehr so wie früher. 

KÜHNE: Ich vertraue meinen Jungs voll und ganz und will sie nicht kontrollieren. Das sind junge Kerle, die sollten auf jeden Fall ihren Körper in Schuss halten. Dreimal die Woche sollen sie laufen. Wenn es wieder losgeht, muss ich die Gewissheit haben, dass alle konditionell auf der Höhe sind, weil wir uns dann in der kurzen Vorbereitungszeit mit Ausdauer-Sachen nicht mehr beschäftigen können. Zum Trainingsstart erwarte ich, dass alle schon bei 80 Prozent ihres Leistungsvermögens sind. 

WÖRSDÖRFER: Vertrauen ist so eine Sache... Wir haben es in den letzten beiden Jahren gut hinbekommen, ein großes Bewusstsein dafür zu schaffen, was wichtig und nötig ist. Ich habe weniger Angst, dass einige Spieler zu wenig trainieren, als eher, dass einige sozusagen ihren Hund „totlaufen“, oder die Freundin hinterher zu fit ist. Ich will meine Spieler nicht in allem kontrollieren. Sie laufen, und einmal in der Woche gibt’s ein Workout, das ein Spieler vorstellt. 

Kann eine Mannschaft eventuell komplett auseinanderbrechen in dieser schwierigen Zeit?

KÜHNE: Das kann natürlich grundsätzlich passieren. Von einem Freund weiß ich, dass sich kürzlich ein wirklich vielversprechendes 19 Jahre altes Top-Talent des SV Wehen Wiesbaden einfach abgemeldet hat, weil er keine Lust mehr hatte. Und natürlich wird jetzt viel gewildert, Vereine versuchen abzuwerben, man bekommt das ja nicht so mit derzeit. Aber das ist völlig legitim. Meine Spieler sollen sich ruhig alles anhören und dann selbst entscheiden, ob sie bleiben oder gehen wollen. Ich würde das nicht anders machen. 

WÖRSDÖRFER: Es gibt natürlich viele Vereine, die diese Zeit dazu ausnutzen möchten, um Spieler abzuwerben. Diese Gefahr ist sicher groß, denn das „Freigehege“ ist für alle offen, und die Spieler sind sozusagen „soziales Freiwild“. Auf unserem Niveau kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass einer plötzlich lieber Tischtennis oder Tennis spielen will. Doch müssen die Vereine aufpassen, dass sie ihren Spielern und Mitgliedern Perspektiven geben. Ich denke, wir sind beim TuS da ganz gut aufgestellt. 

REIFENSCHEIDT: Es ist manchmal schwierig, Spieler zu überzeugen, im Verein zu bleiben, wenn man keinen direkt Einfluss auf sie hat. Etwas leichtgläubigere Spieler sind in dieser Zeit durchaus gefährdet. Je länger der Lockdown noch dauert, umso problematischer wird es, weil man nicht so nah am Spieler ist. Man weiß auch derzeit nicht, ob ein Sponsor bei der Stange bleibt, oder ob er jetzt nicht zunächst seine Mitarbeiter in der Firma halten muss. Alles ist vage. 

Was bewirkt eine so lange Pause? Sie kann immerhin ein halbes Jahr oder sogar noch länger andauern. Wie viel spielerische Qualität verliert ein Fußballer? Oder gewinnt er möglicherweise sogar?

WÖRSDÖRFER: Das ist wie bei den Impfstoffen gegen das Coronavirus: die Langzeitstudien fehlen. Für die verletzten und angeschlagenen Spieler ist die lange Pause womöglich ein Vorteil, um sich komplett auszukurieren und auf denselben Stand zu kommen wie die anderen. Es gibt auch die Chance, alte Verhaltensmuster zu löschen und abzulegen. Natürlich kann es auch sein, dass die Spieler fitter sind als vorher, weil sie viel an Athletik und Ausdauer gearbeitet haben. Das muss man dann sehen. 

REIFENSCHEIDT: Der eine oder andere wird sich mental verbessern, weil der Dauerdruck nicht da ist. Wenn er sich viel mit sich selbst und seinem Körper beschäftigt, gewinnt er womöglich. Dass beim Re-Start alle bei Null anfangen, könnte auch eine Motivation sein. Es ist im Lockdown aber wahrscheinlich genauso wie vorher: Technisch Begabtere trainieren vielleicht gar nicht am Ball, andere benötigen eine gewisse Zeit, um wieder Ballsicherheit zu bekommen und Abläufe zu trainieren. Fußball ist heutzutage viel komplexer geworden. Ich schätze, es wird zwei bis zweieinhalb Monate dauern, bis wir wieder auf dem Niveau wie vor dem Lockdown sind. 

KÜHNE: Fragen Sie mich das mal nach dem ersten Training. Ich denke, wir dürfen da balltechnisch nicht groß was erwarten. Die meisten werden zunächst mal gar kein Gefühl mehr für den Ball haben. Als beim ersten Lockdown Training zu zweit noch erlaubt war, haben wir Einzeltraining angeboten. Und das werden wir auch dieses Mal wieder, wenn es machbar ist. 

Muss man, wenn die Vorbereitung irgendwann beginnt, quasi bei Null anfangen? 

WÖRSDÖRFER: Bei Null nicht, eine gewisse Basis muss man voraussetzen können. Allerdings will ich – überspitzt gesagt – nicht Adipositas behandeln müssen. Man muss abwarten. Ich hoffe, dass meine Spieler verinnerlicht haben, auf was es in der Hessenliga ankommt. 

KÜHNE: Nein, es wird direkt ans Spielen gehen, für Kondition ist dann keine Zeit mehr. Wir werden viel mit dem Ball machen, Spielformen üben und vor allem Spaß reinbringen. Ich schätze, nach der Pause, werden meine Jungs erstmal vogelwild rumspringen. 

REIFENSCHEIDT: Bei Null müssen wir sicherlich nicht anfangen. Aber bei einer so langen Pause, braucht es eigentlich mindestens fünf Wochen Vorbereitungszeit, um unter Wettkampfbedingungen spielen zu können. Die geplanten vier Wochen sind ziemlich wenig. 

Was haben Sie persönlich aus dieser Krise gelernt? 

KÜHNE: Ich habe zwei Jungs, drei und neun Jahre alt, die wollen beschäftigt werden bei Wind und Wetter. Aber das ist schön, so viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. Gelernt habe ich, dass Zeit Gold wert ist. Ich sehe meine Kinder aufwachsen, das ist unbezahlbar, und das weiß ich sehr zu schätzen. Mein Großer spielt auch Fußball, war früher auch oft mit bei der Mannschaft.

REIFENSCHEIDT: Dass ich mich auch gut anderweitig beschäftigen kann. Aber der Druck und das Adrenalin fehlen mir hier im Homeoffice. 

WÖRSDÖRFER: Mir fehlen eine Menge Adrenalin und gedankliche Ablenkung. Natürlich fehlen mir aber meine Jungs am allermeisten. Wir hatten vor dem Lockdown ein Ziel, auf dem Weg, das zu erreichen, wurden wir unterbrochen. Wir müssen alle da durch. Ich habe mein Leben derzeit mehr meiner Frau und meinem Hund gewidmet. 

Wie ist Ihre Prognose?

REIFENSCHEIDT: Generell hoffe ich, dass spätestens ab August wieder richtig gespielt wird. Aber natürlich versucht jeder Verband, so viel wie möglich durchzudrücken. Das ist nicht gut, und ich warne: Wenn wir Mitte April vielleicht wieder anfangen sollten und alle Spiele durchgezogen werden müssen, wird es vermutlich sehr viele Verletzte geben. Wir benötigten bislang viel Geduld, und ich fordere noch ein bisschen mehr ein. 

WÖRSDÖRFER: Wenn es in dieser Saison wieder losgehen sollte, wird es wohl auf die Beendigung der Vorrunde hinauslaufen. Das sind für uns sieben Spiel. Ich tendiere aber eher zum Saisonabbruch. Aufmachen, dann wieder zumachen, ist schlechter als alles andere. Ich bin auch gespannt, was das Thema Zuschauer angeht. Wir müssen eines verstehen: Eine Pandemie handelt nach dem Virus, nicht nach den Wünschen der Menschen. 

KÜHNE: Ich vermute, dass wir nur die Hinrunde hinbekommen werden. Für uns sind das noch sieben Spiele. Hinzu kommt noch die Kreispokalrunde, die ja – so ist es geplant – mit den Viertelfinalisten des Vorjahres starten soll. Mein Vorschlag: Wir sollten diese Spiele bei den im Vorjahr im Achtelfinale ausgeschiedenen Vereinen austragen, um ein bisschen Fußball-Flair ins ganze Land zu verteilen. 

Was nehmen Sie Positives aus der Krise mit?

WÖRSDÖRFER: Dass es immer die Möglichkeit gibt, Netzwerke zu bilden. Diese Zeit hat mir gezeigt, wer wahre Freunde sind, und dass ich in der Vergangenheit einige gute Entscheidungen getroffen habe. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt. 

KÜHNE: Schön ist, dass man gesehen hat, dass es auch andere Wege gibt. Telefon-Konferenzen, Online-Meetings und so weiter. Ich hoffe, dass wir dadurch in Zukunft etwas umweltbewusster werden. Für mich war 2020 ein sehr schlimmes Jahr; nicht nur was Corona anging, sondern auch durch den Tod meines Vaters und die schwere Erkrankung meiner Mutter. Da ich auch beruflich viel um die Ohren habe, macht bei mir die Corona-Zeit eigentlich gar nicht so viel aus. 

REIFENSCHEIDT: Ich habe wieder gelernt, Zeit für mich selbst zu finden, auf Sachen zu konzentrieren, die mir wichtig sind. Vielleicht war es ganz gut, mal den Stecker zu ziehen, man muss nicht immer unter Strom stehen. Ich habe viele Kontakt, die ich pflege, aber es tut auch gut, mal durchzuschnaufen. Allerdings sehe ich die Spaltung der Gesellschaft mit Besorgnis.

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